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KAPITELWAHL

DER UHRMACHER VON ST. PAUL (Frankreich 1974)

von Jenny Jecke

Original Titel. L'HORLOGER DE SAINT-PAUL
Laufzeit in Minuten. 101

Regie. BERTRAND TAVERNIER
Drehbuch. BERTRAND TAVERNIER . PIERRE BOST . JEAN AURENCHE
Musik. PHILIPPE SARDE
Kamera. PIERRE-WILLIAM GLENN
Schnitt. ARMAND PSENNY
Darsteller. PHILIPPE NOIRET . JEAN ROCHEFORT . JACQUES DENIS . YVES AFONSO u.a.

Review Datum. 2010-08-15
Erscheinungsdatum. 2010-06-03
Vertrieb. ARTHAUS/KINOWELT HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.66:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . FRANZÖSISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Hätte ein anderer den Plot von DER UHRMACHER VON ST. PAUL auf die Leinwand gebracht, sähe der Film wohl so aus: Ein Vater erfährt, dass sein Sohn einen Mann umgebracht hat. Der Mörder ist wie dereinst sein entfernter Verwandter Pierrot Le Fou mit der Freundin auf der Flucht. Auf Verfolgungsjagden folgt eine dramatische Gerichtsverhandlung, in der Vater und Sohn wieder zueinander finden. Im Kampf gegen den Staat wird die Familie wieder zusammengeschweißt. Das wäre vielleicht ein solider Genrefilm geworden, nicht mehr, nicht weniger, sicher kein Schandfleck in einer Filmografie. Dass DER UHRMACHER VON ST. PAUL nicht nach diesem Schema ablaufen wird, merkt man spätestens nach Ende des Vorspanns. Besagter Uhrmacher Michel (herzzerreißend normal: Philippe Noiret) sitzt da mit seinen Freunden bei Wein und Abendbrot. Diskussionen über die aktuelle Politik werden geführt. Eine lange Sequenz ist das. Es passiert nichts besonderes, nichts, das in einem anderen Film so viel Zeit verdienen würde. Man wähnt sich in einer Dokumentation. So geht es weiter. Am nächsten Morgen macht der Uhrmacher seinen Laden auf. Ein Inspektor taucht auf. Der Sohnemann hat einen Mord begangen, ist auf der Flucht mit seiner Freundin.

Dass man den Sohn zunächst gar nicht zu Gesicht bekommt, kann als sinnbildlich für den Ansatz Bertrand Taverniers gesehen werden. Fernsehen und Polizei sind die einzigen Informationsquellen für den besorgten Vater, der nicht glauben kann, dass sein Kind zu so etwas in der Lage ist. Es sind auch unsere einzigen Fenster zur Außenwelt, die einzigen Hinweise auf den Verbleib des jungen Mannes. In Inspektor Guilboud (Jean Rochefort) findet Michel einen Vertrauten, doch auch der ist schlussendlich nur an der Suche nach dem Verbrecher interessiert. Der Uhrmacher ist allein gelassen, ohnmächtig, mit nur einer Frage im Kopf: Kannte er seinen Sohn überhaupt jemals?

In kleinen Hinweisen, die sich langsam von Fernseh- und Radiodiskussionen zu jenen der Figuren in den Vordergrund bewegen, verweist Tavernier auf die Generationenkonflikte innerhalb der französischen Gesellschaft dieser Jahre. Die Politisierung und Radikalisierung der Jugend hat die Eltern verunsichert, entfremdet, die staatlichen Autoritäten misstrauisch gemacht. Im Schicksal des Uhrmachers von St. Paul, dem wahrscheinlich noch nie zuvor etwas außergewöhnliches widerfahren ist, lässt Tavernier die große Krise sich im Kleinen abspielen. Der Vater, in seiner Sicht auf den Jungen erschüttert, muss diesen neu betrachten und akzeptieren lernen. Den schwierigen Prozess darzustellen gelingt allen Beteiligten meisterhaft leise, ohne je plakative Argumentationsmittel aufzugreifen.

Mit Noiret und Rochefort hat Taverniers realistisches Drama zwei schauspielerische Meister des Alltags vorzuweisen. Wäre die Tragödie nicht dazwischen gekommen, hätten der Uhrmacher und der Polizist ebenso gut gemeinsam in einer Kneipe sitzen können. Mit diesem tollen Gespann und der unspektakulären Inszenierung gelingt Tavernier das Bild einer lähmenden Sprachlosigkeit, welcher die Elterngeneration anheim gefallen ist. Die Herausforderung des Plots: Keine Verfolgungsjagden, kein Gerichtsverfahren, stattdessen nochmal sprechen lernen.

DVD.
Grieselig ist das Bild dieser Fassung, dafür kommen die kräftigen Farbtupfer Taverniers zur Geltung. Die Extras beschränken sich auf Trailer und eine Bildergalerie. Zeitgenössische Interviews mit dem Regisseur, Philippe Noiret oder Jean Rochefort wären sicher wünschenswert gewesen. Stattdessen spricht allein die Qualität des Filmes für die Anschaffung. Auch dieser erschien bereits in der Série Noir der SZ-Cinemathek.








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