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KAPITELWAHL

DÄMON (Japan 1978)

von Björn Lahrmann

Original Titel. KICHIKU
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. YOSHITARÔ NOMURA
Drehbuch. MASATO IDE
Musik. YASUSHI AKUTAGAWA
Kamera. TAKASHI KAWAMATA
Schnitt. KAZUO OTA
Darsteller. KEN OGATA . SHIMA IWASHITA . MAYUMI OGAWA . HIROKI IWASE u.a.

Review Datum. 2010-06-10
Erscheinungsdatum. 2010-03-05
Vertrieb. POLYFILM/ALIVE

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. JAPANISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Der erste Blick geht durch die Blume. Hinter saftig roten Blüten schimmert ein Garten im Ländlichen, ein Kindheitsidyll, die Terrasse voll Spielzeug und Comicheften, inmitten: ein sechsjähriger Bub, ein dreijähriges Mädel, ein Baby. Aus dem Paradies vertreibt sie ausgerechnet die eigene Mutter. Ab in den Zug, rein in die Stadt, es ist Hochsommer, Schweiß und Smog klebt an Gesichtern. Der Kindsvater (Ken Ogata) wird aufgesucht, er ist Inhaber einer wörtlich wie figurativ abgebrannten Druckerei und kinderlos verheiratet mit einer anderen Frau, Oume, die von der Nebenfamilie ihres Mannes bis dato nichts wusste. Mit geheimen Alimenten hatte Sokichi seine allzu fruchtbare Mätresse jahrelang aus- und still- und die Kinder sich vom Leibe gehalten, jetzt ist er zahlungsunfähig und bekommt die unerwünschte Brut wie Pfandgut aufgehalst. Für die Geschwister beginnt ein Martyrium.

Wahrlich dünn gesät ist Mutterliebe in Yoshitarô Nomuras DÄMON. Unter der furchtbaren Fuchtel Oumes (Shima Iwashita) haben die Kinder Missbrauch und Vernachlässigung zu leiden, während der duckmäuserische Sokichi, von Scham und Selbstzweifeln zerquält, am liebsten wegschaut. Mehr noch als Untreueprodukte sind die Kinder Manifestationen seiner Vergangenheit als kleiner Angestellter, die mit dem Stolz der selbstständigen Eheleute nicht mehr vereinbar ist. Der bald geschmiedete Plan, die Kinder gewaltsam los zu werden, ist somit ein Fall von Herkunftsvertuschung, ein Motiv, das sich durch Nomuras Werk zieht wie ein blutiger Faden.

Hierzulande ein eher unbeschriebenes Blatt, zählt Nomura in seiner Heimat zu den zeitgenössisch populärsten Lieferanten gehobener Kommerzware. Seit den frühen 50ern bei Shochiku unter Vertrag, waren Noirs und Polizei-Procedurals mit sozialkritischer Garnitur seine Steckenpferde. Der Ruf des Genrefilmers schadet allerdings seinen klassifikationsferneren Arbeiten, zu denen DÄMON zählt: Der Titel bereitet auf Übernatürliches vor, eine ominöse Musikkästchenmelodie und das Motiv der bösen Stiefmutter bestätigen den falschen Eindruck. Auch Polyfilm, in deren verdienstvoller Japan-Reihe der Film nun erscheint, leisten dem marketingtechnischen Etikettenschwindel leichthin Vorschub: Von einer "packenden Mischung aus Horror und Drama" ist auf dem DVD-Cover die Rede, wiewohl DÄMON mit Horror, selbst im weitesten Sinne, restlos nichts zu tun hat.

Statt dessen: ein "Problemfilm". So nannte man damals in Deutschland ein Kino zur Anprangerung sozialer Missstände, von Alkoholismus bis zu häuslicher Gewalt. (Heute wären dafür Reality Soaps zuständig und DÄMON, überspitzt gesagt, ein Fall für Katia Saalfrank.) In diese Kategorie fällt Nomuras Misshandlungsdrama noch am ehesten, ein Betroffenheitsexerzitium nach allen Regeln der Handwerkskunst, formal eine runde wie kantenlose Sache. Dafür darstellerische Verausgabung an allen Fronten, vor allem die kleinen Komparsen kriegen mit einer Rabiatheit Saures, die heutzutage zum behördlich verordneten Drehabbruch führen würde. "Gewagt" oder "furchtlos" nennt man so etwas im Preisverleihungsjargon; Ogata wurde, was nicht wundert, für die Rolle des opportunistischen Würstchens mit Auszeichnungen überschüttet (um natürlich, dies nur als Fußnote, im Folgejahr für Shohei Imamuras VENGEANCE IS MINE allerorts leer auszugehen).

Es steht aber dieser Wagemut in zweifelhaftem Kontrast zur Unentschlossenheit des Erzähltons. Mit prosaischer Stumpfheit illustriert Nomura einerseits das monotone Leid, ist sich aber andererseits nicht zu schade, dort, wo es eben passt, Suspense zu schlagen aus der Gefahr, in der die Kinder schweben. Bestenfalls dunkel ist die Motivation der Rabeneltern, wohl damit gerechtfertigt, dass derlei Gewalt, weil sie nicht nachvollziehbar sein darf, durch psychologische Stimmigkeit nicht veredelt zu werden hat. Die Kinder selbst bekommen kaum eine eigene Perspektive gewährt, nur der ältere Junge darf hier und da mal grimmig gucken; ansonsten sieht man die Geschwister, wenn sie nicht gerade vertrimmt werden, selbstvergessen miteinander spielen, als gäb's nichts Böses in der Welt. Letztlich springt DÄMON mit seinem Sujet ganz ähnlich fahrlässig um wie Sokichi mit den ungeliebten Kindern.

DVD.
Eine weitere technisch lupenreine Polyfilm-Veröffentlichung, gerade im Vergleich mit internationalen Nomura-DVDs, die gern mal im Format beschnitten sind und die charakteristisch gedämpfte Farbpalette zu monochromem Matsch verrühren. Nicht so hier, alles leuchtet. Keine Extras.








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