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KAPITELWAHL

POSSESSION (Frankreich/Deutschland 1981)

von Björn Lahrmann

Original Titel. POSSESSION
Laufzeit in Minuten. 119

Regie. ANDRZEJ ZULAWSKI
Drehbuch. ANDRZEJ ZULAWSKI . FREDERIC TUTEN
Musik. ANDRZEJ KORZYNSKI
Kamera. BRUNO NUYTTEN
Schnitt. MARIE-SOPHIE DUBUS . SUZANNE LANG-WILLAR
Darsteller. ISABELLE ADJANI . SAM NEILL . HEINZ BENNENT . MARGIT CARSTENSEN u.a.

Review Datum. 2010-05-02
Erscheinungsdatum. 2009-11-06
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.66:1 (anamorph)
Tonformat. ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Beim wiederholten Sehen eines Films fällt manchmal ins Gewicht, was zuvor angenehm belanglos schien. Dass im Mittelteil von POSSESSION ausgiebig herumphilosophiert wird über das Wesen Gottes, Gut und Böse, den Zwiespalt von Glaube und Zufall, hatte ich z.B. vollkommen verdrängt. Dagegen (also gegen Philosophieren wie Verdrängen) ist prinzipiell nichts einzuwenden. Allein, es wirkt ein wenig streberhaft deplaziert in einem Film, der mit diffusen Bedeutungsebenen ohnehin nicht geizt, zugleich aber auf den Intellekt deutlich weniger zielt als mitten ins Gedärm. Ironischerweise rahmt das abstrakte Palaver ausgerechnet jene berühmte, körperlichste Sequenz des Films, wo Isabelle Adjani in einem eisig beleuchteten Berliner U-Bahn-Tunnel unter Zucken und Kreischen ein Monstrum gebiert. Da ersaufen quasi die klugen Worte in Blut und Schleim.

POSSESSION schürft eher auf als tief. Was mir vom ersten Mal hängen geblieben ist, lässt sich vielleicht so umschreiben: Man ist Kind, liegt im Bett, die Tür ist einen Spalt geöffnet, man starrt auf den Lichtkeil, der sich spitz in den Teppich gräbt, und presst sich die Hand aufs freiliegende Ohr, denn: unten schreien die Eltern. Anna (Adjani) und Mark (Sam Neill) schreien allerdings nicht bloß, sie führen regelrecht Krieg, verwüsten die Wohnung, lassen Backpfeifen regnen, zerfleischen einander mit dem elektrischen Tranchiermesser. Sie haben einen kleinen Sohn, Bob, den man zumeist bei Luftanhalteversuchen in der Badewanne antrifft. Wenn Mark auf Geschäftsreise ist, herrscht ein gespannter Waffenstillstand; sein Job ist ominös, irgendwas mit Spionage, was sich auch in den Verhören spiegelt, denen er Anna unterzieht: Wo warst du, hast du einen anderen, ist er besser als ich? Anna, deren Hoheitsgebiet die Sprache nicht ist, gibt zischend und stöhnend einsilbige Antworten: Yes! mit ß, No! mit ouh.

Andrzej Zulawski will POSSESSION explizit als Parabel auf den Kalten Krieg verstanden wissen. Der Kommunismus in seinen Augen ist, pauschal und ohne Einschränkung, böse, was auch damit zu tun haben mag, dass sein voriges Projekt, ON THE SILVER GLOBE, von den polnischen Behörden auf halber Strecke abgewürgt worden war. (Das später veröffentlichte Monumentalfragment dieses Films ist allein schon ein Meisterwerk.) Für POSSESSION gab es danach keinen anderen Schauplatz als West-Berlin, eine Stadt unter der beständigen Illusion, auf der richtigen, äußeren Seite der Mauer zu stehen, obwohl man eigentlich von ihr eingeschlossen war. Zulawskis bleiernes Porträt der Stadt macht sich dieses Trugbild von Freiheit famos zunutze; wie ein Wolfsrudel umkreist die Kamera ihre Opfer in immer engeren Bahnen. Geschmackvolle Denkmalansichten kann man vergessen, es dominieren surreal gespreizte Weitwinkelaufnahmen von abgefuckten Häuserfronten und ranzigen Altbaubuden, die die damalige Stimmung – glaubt man Zeitzeugen wie Jörg Buttgereit – evozieren wie kaum ein zweiter Film.

Sämtliche Fenster hier gehen zur Mauer raus, wohin man schaut: VoPos schauen zurück. Der Protokollblick des Überwachungsstaats ist derselbe, mit dem Mark auf Anna guckt. Alles muss sich diesem Blick entbergen, Verhüllung ist ein feindlicher Akt. Krankhafte Eifersucht hält das System am Laufen; jedem Privatgeheimnis, jedem Wunsch nach Intimsphäre wird automatisch mit Subversionsunterstellungen begegnet: Du gehst doch fremd (mit einem anderen Mann / einer anderen Ideologie)! Weil Mark Anna nicht (mehr) versteht, flüchtet er sich bei seinen Nachforschungen in die paranoide Paradoxie, nichts finden zu wollen und sich doch nur mit dem Allerschlimmsten zufrieden zu geben. Sogar, als er ihren Liebhaber ausfindig gemacht hat – fabulös spinnert dargeboten von Heinz Bennent als Mischung aus Balletttänzer, Zenmeister und New-Age-Clown –, bohrt er unermüdlich weiter, bis er schließlich in Annas Refugium eindringt und dort, in Form eines schleimigen Tentakelwesens, das Unaussprechliche erblicken darf.

Das Monster ist die berühmteste und extremste, aber bei weitem nicht einzige Manifestation des sexualpolitischen Regimes, von dem POSSESSION handelt. Dem Diktat der totalen Veräußerlichung folgend, ist alles an diesem Film ins Ausdrückliche übersteigert. Einzelne Farben, vornehmlich blau und grün, kämpfen um die alleinige Bildherrschaft, Figuren kriechen in die Kameralinse hinein oder verschwinden im Fluchtpunkt der Totalen. Darstellerkörper werden zu Transformatoren emotionaler Energien, die als gestische Überschüsse zutage treten. Sam Neill wird in seiner Trauer von unsichtbaren Kräften durch die Wohnung geschleudert, Heinz Bennent läuft allzeit mit offenem Hemd rum, als warte er nur darauf, dass jemand ein Messer hineinstößt.
"Psychologische Pornografie", nannte das später die Adjani, die mit ihrem totenhübschen Vampirgesicht die jenseitigste Erscheinung des Films abgibt. Ihre seelisch splitternackte Performance muss man gesehen haben, wie sie keift, ächzt, schäumt, bebt, wie ihre Augen vor Zorn aus den Höhlen treten und ihr Mantel sich unter geballten Fäusten bläht wie das Cape einer grausamen Superheldin. Der Albtraum, den sie zur Welt bringt, ist das Endprodukt dieser Ekstase (wörtlich: das Außer-sich-sein). Im Doppelsinn des Titels – Besessenheit / Besitz – kommt ihre Figur zusammen: Eine Besessene, die sich aufs Heftigste dagegen wehrt, besessen zu werden.

DVD.
Das Juwel in der Labelkrone: Nicht nur hat Bildstörung mit POSSESSION eine lang ersehnte deutsche Erstveröffentlichung in petto – der Film strahlt & klingt auch absolut fabelhaft und kommt mit dickem Begleitbuch (Essays von u.a. Daniel Bird und Marcus Stiglegger), exklusiver 50-minütiger Doku und Audiokommentar von Zulawski persönlich. Extra erwähnen darf man auch einmal die deutschen Untertitel, die nicht nur hervorragend übersetzt sind, sondern auch in idealer Größe und typografisch ansprechend ins Bild gerückt wurden.








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