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KAPITELWAHL

UNTER DEN BRÜCKEN (Deutschland 1944/1945)

von Jenny Jecke

Original Titel. UNTER DEN BRÜCKEN
Laufzeit in Minuten. 96

Regie. HELMUT KÄUTNER
Drehbuch. WALTER ULBRICH . HELMUT KÄUTNER
Musik. BERNHARD EICHHORN
Kamera. IGOR OBERBERG
Schnitt. WOLFGANG WEHRUM
Darsteller. HANNELORE SCHROTH . CARL RADDATZ . GUSTAV KNUTH . MARGARETE HAAGEN u.a.

Review Datum. 2010-04-02
Erscheinungsdatum. 2010-02-05
Vertrieb. ALIVE

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Eine Locke wird verführerisch angestrahlt. Verwegen fällt sie auf die Stirn der Hauptdarstellerin, leuchtet diamanten, verlangt danach, sanft beiseite gestrichen zu werden. Ihr Schein, das suggerieren die Bilder, fällt auf den Mann, der zu ihr aufblickt; zur Frau, aber eben auch zu jener Locke. Das Licht streichelt in UNTER DEN BRÜCKEN über die Gesichter mit einer ungeahnten Sinnlichkeit. Mal betont es nur die Augen, mal umgarnt es ein Profil, zumeist zeugt es von einer liebevollen Weichheit in der Inszenierung. Es ist zweifellos vernarrt in die Figuren und Regisseur Helmut Käutner stellt in jeder Hinsicht sicher, dass der Zuschauer es ihm gleichtut.

Willy (Gustav Knuth) und Hendrik (Carl Raddatz) lassen sich tagein, tagaus treiben auf ihrem Schleppkahn. Doch eigentlich haben sie genug davon, an den schönen Mädchen, die von den Brücken winken, immer nur vorbeizuziehen. Irgendwann da oben stehen und am selben Ort bleiben – das ist Leben. Eines Tages landet wie eine im Meer aufgelesene Nixe die betrübte Anna (Hannelore Schroth) auf ihrem Kahn. Die beiden Männer sind verliebt. Aber so einfach enden solche Geschichten natürlich nie.

Das märchenhafte Bild des Sagenwesens ist nicht einmal weit hergeholt, bedenkt man, in welcher Zeit der Film entstanden ist und wie wenig er mit dieser zu tun hat. 1944 wurde UNTER DEN BRÜCKEN gedreht, feierte allerdings erst nach Kriegsende Premiere und doch zeigt der Film ein Fantasie-Deutschland, eine gleich dem Kahn von der Realität abgeschottete Insel. Nicht alles ist rosarot in der Filmwelt. Anna, die vom Land nach Berlin gezogen ist, leidet unter der Vereinsamung in der Großstadt und hat so mancherlei andere Bürde zu tragen. Doch das Berlin des Films wird überwiegend aus Dokumentaraufnahmen und Studiobauten gezeichnet. Den damaligen Gegebenheiten mochte es entgegenkommen, dass die Story sich zumeist auf den Flüssen und Kanälen des Umlandes aufhält. Das Leben der beiden bodenständigen Männer trägt sich gewissermaßen in einer Oase zu. Die ländliche Verbundenheit erinnert an spätere Heimatfilme deutscher Prägung. Käutners Film romantisiert diese sonderbare Zuhause zu Wasser durchaus, wenn beispielsweise Hendrik dem Fräulein die nächtliche "Musik" des Kahns erklärt. Er sinkt allerdings nie wie jener Eskapismus zu Zeiten der Bundesrepublik in von Blindheit geschlagenem Kitsch ab. Zuallererst ist UNTER DEN BRÜCKEN schließlich eine Liebesgeschichte sowohl zwischen der Frau und den beiden Männern, als auch - von der platonischen Sorte - eine unter den beiden Freunden. Die werden keineswegs zu männlichen Furien im Angesicht der Konkurrenz, sondern machen einen handfesten Deal: "Wer mit ihr am besten klar kommt, muss runter vom Kahn."

Als Singularität innerhalb der deutschen Filmlandschaft wird UNTER DEN BRÜCKEN häufig beschrieben, als ein Werk, das stärker im poetischen Realismus französischer Prägung verwurzelt scheint, denn in irgendeiner deutschen Tradition. Ein Hauch Jean Renoir ist tatsächlich erkennbar in dem Film, den Käutner im ersten Drittel immerhin mit einer beachtlichen Plansequenz in einem Wirtshaus anreichert, welche die spätere Dreiecksbeziehung bereits vorwegnimmt. Mehr noch zeugt der Film indessen von einem magischen Realismus, der auf Anhieb kein anderes Ebenbild aus deutschen Landen ins Gedächtnis ruft. Magisch sind die Bilder vom Licht unnatürlich verzauberter Locken und Gesichter gerade in den Szenen zwischen Raddatz und Schroth, die in diesem Film zweifellos die Rollen ihres Lebens spielen. Käutner ist mit UNTER DEN BRÜCKEN ein berückendes, ein schlicht wunderschönes Filmjuwel gelungen.

DVD.
Erschienen als dritter Teil in der Reihe "Momente des deutschen Films", bietet diese DVD-Veröffentlichung den Klassiker von Helmut Käutner in guter, nicht überragender Qualität. Ist der Ton bisweilen etwas dumpf, gibt es ansonsten nichts zu beanstanden. Wie es für die Editionen der diversen Printmedien üblich ist, halten sich die Extras leider in Grenzen. Abgesehen von einem Booklet, das allgemein in die Produktion einführt, ist noch ein Filmgespräch zu finden. Interviewt von Hans-Helmut Prinzler spricht darin Filmkritiker Michael Althen von seiner persönlichen Liebe zum Film und dessen herausragenden Merkmalen. Das wird leidenschaftlich und tiefgründig vorgetragen und ist deshalb den üblichen Interview-Boni klar überlegen. Ein Trailer oder eine Bildergalerie hätten der Disc zur Abrundung aber nicht geschadet.








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