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KAPITELWAHL

MENSCHEN AM SONNTAG (Deutschland 1930)

von Jenny Jecke

Original Titel. MENSCHEN AM SONNTAG
Laufzeit in Minuten. 74

Regie. ROBERT SIODMAK . EDGAR G. ULMER. CURT SIODMAK . FRED ZINNEMANN
Drehbuch. BILLY WILDER . CURT SIODMAK . ROBERT SIODMAK
Musik. OTTO STENZEEL
Kamera. EUGEN SCHÜFFTAN
Schnitt. ROBERT SIODMAK
Darsteller. ERWIN SPLETTSTÖSSER . BRIGITTE BORCHERT . WOLFGANG VON WALTERSHAUSEN . CHRISTL EHLERS u.a.

Review Datum. 2010-04-02
Erscheinungsdatum. 2010-02-05
Vertrieb. ALIVE

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Mit der Wackelkamera geht's durch die Platte, damit jede Falte, jede Warze bedeutungsschwanger eingefangen wird. Dahinter steckt der Glaube, dass die Einstellungsgröße und der Tremor im Arm des Kameramanns Indizien seien für die "Nähe" nicht nur zu den Figuren, sondern zum Alltag selbst. Bemühte Authentizität weht durch die deutsche Arthouselandschaft seit einigen Jahren. Unabhängigkeit verspricht die Ästhetik, welche den Nimbus des unverfälschten Rohmaterials ausstrahlt. Natürlich ist die Religion des filmischen Realismus Quatsch, zeugen lebensechte Bilder höchstens von einer besonderen Könnerschaft der Macher. Was letzteren Punkt betrifft, wird MENSCHEN AM SONNTAG, früher Exponent des deutschen realistischen Films, tatsächlich jenen Erwartungen gerecht, welche durch die prominenten Namen in den Credits geschürt werden. Das erreicht der Film ganz ohne die zum Manierismus erstarrten Konventionen der modernen Nachfolger. Fred Zinnemann als Regieassistent, ein gewisser Billy Wilder schrieb mit am Drehbuch, Robert Siodmak, sein Bruder Curt und Edgar G. Ulmer vervollständigen die Truppe von Filmamateuren. Die machten sich in den ersten Jahren der Weltwirtschaftskrise auf, Berlin und seinen Menschen ein filmisches Denkmal zu setzen. Zumindest ist MENSCHEN AM SONNTAG genau dies geworden und bis heute geblieben.

Das Konzept ist denkbar einfach. Ein Sonntag im Leben der "kleinen Leute" wird beobachtet auf zweierlei Weisen. Dokumentaraufnahmen werden vermischt mit Spielszenen. Roter Faden des Films sind wenige Laiendarsteller - ein Weinverkäufer, ein Taxifahrer, ein Mannequin usw. - die einen Ausflug zum Nikolassee unternehmen, um ihren freien Tag ausgiebig zu genießen. Keine großen Dramen spielen sich ab, allenfalls bilden ein Techtelmechtel im Wald und eine Tretbootfahrt die Hauptattraktionen. Vor allem aber geht es hier um eines: Freizeit. Alltag heißt Arbeit, also ist der Sonntag ein vierundzwanzig Stunden langer Hort der Freiheit. Die Figuren, denen der Film folgt sind Stellvertreter all jener Menschen, an denen die Kamera auf der Straße vorbeifliegt. Ab und zu verlagert sich die Konzentration des Films auf andere Orte, schweift der Blick zum geschäftigen Treiben der aus ihrem Schlummer erwachenden Stadt. Weniger episodisch als vielmehr filigran mit einander verschweißt sind diese Spiel- und Dokumentarebenen. So führt uns das Lachen des pausbäckigen Taxifahrers durch einen Schnitt zu scherzenden jungen Kerlen und schließlich einem Familienpicknick. Eine theoretisch endlose Kette der Assoziation macht der Film damit in Handumdrehen auf, welche das Spektrum sonntäglicher Freizeitkultur in der Ära der Weimarer Republik auszufüllen sucht. Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm ist das aus heutiger Sicht, beschränken sich doch die Hinweise auf die soziale Situation des Landes auf wenige Bilder etwa von Obdachlosen, die bei Sonnenaufgang auf Parkbänken schlafen.

Der Sonntag bleibt die paradiesische Idylle, vor deren Hintergrund der Film die Stars der Leinwand durch Gesichter aus der Fußgängerzone ersetzt. Zerreißt in einer Szene eine eigensinnige Ehefrau während der Diskussion mit ihrem Mann die Bilder ihrer Kinoidole, so darf diese Geste durchaus als Programm der Macher verstanden werden. Diese emigrierten später größtenteils in die Traumfabrik. Wilder schrieb seine Komödien, Robert Siodmak drehte seine Noirs und Ulmer B-Filme. Der Einfluss des einzelnen ist schwer auszumachen. Die manchmal zu lang geratenen Spielszenen zeugen nicht unbedingt von brillanten Autoren. Dafür sorgt Chefkameramann Eugen Schüfftan, der immerhin zuvor Hand an die wegweisenden Effekte von METROPOLIS gelegt hatte und später in Frankreich arbeiten würde, für eine visuelle Poesie, die insbesondere in den Dokumentaraufnahmen zum Tragen kommt. Berlin ist in seinen Bildern nicht der große Organismus, zusammengesetzt aus vielen anonymen Teilchen. Stattdessen haucht MENSCHEN AM SONNTAG unspektakulären Straßenszenen Seele ein. Er proklamiert – und darin hat er nichts an Wirkung verloren – dass das Berlin war. Somit verleiht er den Aufnahmen eine leicht melancholische Aura. Auf den Sonntag folgt schließlich der Montag. Die Zeitblase platzt wöchentlich. "Wieder Arbeit. Wieder Woche. Wieder Alltag."

DVD.
Das Bild ist dem Alter des Films entsprechend gut, wobei man hier keine Masters of Cinema- oder Criterion-Qualität erwarten sollte. Design und Qualität des DigiPacks liegen irgendwo zwischen den Editionen des Kulturspiegels und der SZ-Cinemathek, wobei letztere äußerlich mehr hermacht. Dafür bieten die "Momente des Deutschen Films" ein kleines Booklet in jeder Hülle mit einer Auswahl an Biografien und kurzen Essays. Einziges Extra auf dem Silberling ist ein Filmgespräch mit Claudius Seidl, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das Interview ist in seiner Machart äußerst reduziert und erinnert an die nächtlichen Aktivitäten von Alexander Kluge im Privatfernsehen. Aufgewogen wird die Einfachheit mit dem Enthusiasmus Prinzlers, der knapp 26 Minuten informativ und erfreulich subjektiv über den Film und seine Produktionshintergründe Auskunft gibt. Ein sehenswerter Bonus ist das, der allemal einem 08/15-Making Of vorzuziehen ist.








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