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KAPITELWAHL

STALKER (Deutschland/Sowjetunion 1979)

von Björn Lahrmann

Original Titel. STALKER
Laufzeit in Minuten. 154

Regie. ANDREJ TARKOWSKI
Drehbuch. ARKADI STRUGAZKI . BORIS STRUGAZKI
Musik. EDUARD ARTEMJEW
Kamera. ALEXANDER KNJASHINSKI
Schnitt. LJUDMILA FEJGINOVA
Darsteller. ALEXANDER KAJDANOWSKI . ANATOLI SOLONIZYN . NIKOLAI GRINKO . ALISSA FREJNDLICH u.a.

Review Datum. 2009-11-23
Erscheinungsdatum. 2009-07-13
Vertrieb. ICESTORM ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 1.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
STALKER in zwei Worten: Schöne Scheiße.

Das muss man vielleicht etwas näher erläutern. Zum einen: Reine Präventivmaßnahme, den Ton zu zügeln angesichts eines Films, der einen nur allzu leicht ins Ehrfürchtig-Salbungsvolle rutschen lässt. Zum anderen: Tatsächlich so was wie der kleinste gemeinsame Nenner von Tarkowskis einmaliger Ästhetik, die eben nicht das Naturschöne apart in Szene zu setzen strebt, sondern sich voll Demut und Faszination dem Hässlichen widmet. STALKER, ein Film aus Unrat und Verfall, ein Film der Schmutzkrusten und rauen Texturen. Er zeigt Menschen im Hader mit sich und den Elementen, auf einfachste, unfeierlichste Weise durch diesige Luft schnaubend, Erdklumpen im Gesicht und Brackwasser zu Füßen, unter dessen Oberfläche Weggeworfenes schimmert: gebrauchte Spritzen, zerrissene Heiligenbilder, ein Fisch, der von schwarzem Öl überschwemmt wird.

Zuvor ein Prolog, dem alles Elementare ausgetrieben ist: Eine postapokalyptische Industriewüste in härtestem Schwarzweiß, sogar die Menschen wie aus Stein gehauen, wandelnde Reliefs. Hier lebt der Stalker (Alexander Kajdanowski) mit Frau und Tochter, dicht gedrängt im selben Bett; doch er, der ein Getriebener ist, will raus, genauer: zurück in die Zone, ein streng bewachtes Sperrgebiet, dessen Betreten seit einem mysteriösen Unglücksfall unter Strafe verboten ist. Ein Gerücht geht um, in der Zone existiere ein Raum, schlicht das Zimmer genannt, in dem die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen. Der Stalker, das ist ihm Beruf und Berufung, führt Menschen durch die Zone zum Zimmer. Für den jüngsten Trip haben sich ein Schriftsteller (Anatoli Solonizyn) und ein Professor (Nikolai Grinko) angemeldet, die, weil Namen hier tabu sind, Schriftsteller und Professor heißen.

Nachdem die drei – in einer für Tarkowski geradezu actiongeladenen Sequenz – den Militärpatrouillen entronnen sind, führt eine lange Draisinenfahrt ins Herz der Zone. Sukzessive kehrt sich das Verhältnis von Industrie und Vegetation um, wird erstere von letzterer überwuchert, bis das monochrome Bild auf herbstliche Farben umschaltet. Der Stalker, der sich in dieser nicht sonderlich romantischen Naturkathedrale als Priester fühlt, klärt die Mitreisenden über die waltenden Gesetze auf: dass man hier niemals den gleichen Weg zwei mal gehen kann; dass man vor allerlei tödlichen Fallen, die das Areal säumen, auf der Hut zu sein hat; dass Waffen nicht erlaubt sind. Bis zum Schluss wird sich die Gültigkeit dieser Regeln nicht bestätigen, sie sind vielmehr die Liturgie eines Glaubens, dem der Stalker vielleicht als einziger anhängt. Die Zone, das ist ein aus Mythen geschaffener, zwischen Hoffnung und Schrecken oszillierender Sehnsuchtsort, dessen Aufgabe es ist, den Transzendenzmangel einer kalten, rationalen Welt auszugleichen.

Faszinierend hieran ist nun aber nicht, die Illusion zu durchschauen, sondern, ihr als Zuschauer wider besseres Wissen selber zu verfallen. Unter Tarkowskis zauberischem Kamerablick gewinnt die Zone tatsächlich jene fremde, unwirkliche Qualität, die aus dem Mund des Stalkers noch willkürliche Setzung war: Schwerfällig wogende Sümpfe stoßen Dampfwolken aus, von Ranken umschlungene Telegrafenmasten ragen schräg in die Höhe wie umgestoßene Kruzifixe, und kraftlos leuchtet das helle Fleisch der Gesichter im vollgesogenen Grünbraun der Brachwiesen. Dazu immer wieder der Fokus auf Wasser in all seinen Spielarten, still, sickernd, strömend, stürzend. Durchzogen von minimalistischen Synthesizerfäden, verfremdet die enigmatische Bildsprache selbst ordinärste Objekte so stark, dass man bald daran zweifelt, hier noch das Abbild einer leibhaftig irgendwo existierenden Landschaft (Tallinn, um genau zu sein) vor sich zu haben.

Dass sich in diesem Effekt die Naturentfremdung der postindustriellen Gesellschaft spiegelt, ist eine mögliche, aber langweilige und unbefriedigende Lesart. Vielmehr wird die rigide Trennung von Mensch und Natur, werden überhaupt simple Differenzen (schwarz/weiß, schön/hässlich, artifiziell/organisch) in der Zone radikal aufgehoben. Sie ist ein vorbegrifflicher Ambivalenzraum, in dem Gewissheiten schmelzen und Bedeutungszuweisungen nie ganz aufgehen: So werden sich etwa die Motivationen der Protagonisten – anfangs noch eindeutig den drei großen Sinnsysteme Religion, Kunst und Wissenschaft zuordbar – im Verlauf ändern und schließlich in Wohlgefallen auflösen. Die Fronten, die sich in den diversen philosophischen Scharmützeln ausbilden, werden einstürzen, die im Prolog zumeist horizontal organisierten Bewegungen nur noch in eine Richtung führen: vorwärts in die Tiefe. Wie im Sog eines Trichters verengt sich der Raum um die Figuren, bis es nicht mehr weiter geht. Dennoch wird sich der Kreis am Ende schließen: Die Reisenden kehren zurück in die triste Stadt, die noch genauso schwarz und weiß ist wie zuvor, veränderte Menschen in einer erstarrten Welt. Die Zone als weicher Kern, den eine harte Schale umschließt, entpuppt sich somit auch als poetologisches Prinzip von STALKER: Ein unumstößlicher Monolith von einem Film, in dessen Zentrum man versinkt.

DVD.
Das Bild liegt im Originalformat 4:3 vor. An den schwarzweißen Sequenzen gibt es wenig auszusetzen, wohingegen die leicht unscharfen, blassen Farbpassagen ihre ursprüngliche Pracht mehr erahnen als erleben lassen. Bedauernswert ist das Fehlen des Originaltons, allerdings leistet die alte DEFA-Synchro – trotz einer gewissen Stimmähnlichkeit der Protagonisten – nach wie vor gute Dienste. Einziges Extra: ein viertelstündiger Vortrag eines gewissen Rolf Ketter, der mit Leichenbittermiene durch eine Fabrikruine irrt und seine Thesen vom Blatt abliest. Da kommt zwar mehr Inhaltsangabe als Erkenntnis bei rum, aber wer schon mal Referate im universitären Rahmen erlebt hat, dem wird angesichts der Mischung aus Charme, Unbeholfenheit und Langeweile sicher ganz nostalgisch ums Herz werden.








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