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TRACK 29 - EIN TÖDLICHES SPIEL (Großbritannien/USA 1988)

von Björn Lahrmann

Original Titel. TRACK 29
Laufzeit in Minuten. 87

Regie. NICOLAS ROEG
Drehbuch. DENNIS POTTER
Musik. STANLEY MYERS
Kamera. ALEX THOMSON
Schnitt. TONY LAWSON
Darsteller. THERESA RUSSELL . GARY OLDMAN . CHRISTOPHER LLOYD . SANDRA BERNHARD u.a.

Review Datum. 2009-11-16
Erscheinungsdatum. 2009-07-24
Vertrieb. KOCH MEDIA

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 5.1/DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Eine Holzbrücke in der Pampa von North Carolina. Aus dem Nichts erscheint dort – puff! – ein junger Mann (Gary Oldman) und schreit: Mama. Ein misfit ist er, trägt Bommeln am Cowboyhut, Lederjacke über Hemd und Krawatte und parliert in der Zunge Shakespeares. Ein gnädiger Trucker nimmt ihn mit, auf dem Arm eine Tätowierung: Mom. Im Hintergrund greint dazu John Lennon: Mother. Mama, das ist Pop, ist Obsession, Alpha und Omega, überall und nirgends. Der junge Mann, Martin heißt er, sucht fieberhaft nach der seinen, die kennen zu lernen ihm nie vergönnt war: postnatale Sofortadoption von der neuen in die alte Welt, nach England, ausgerechnet. Jetzt ist er zurück, sich zu holen, was ihm gebührt: "I'm entitled to an American childhood!"
In just dem Nest, wo er rausgeschmissen wird, lebt Linda (Theresa Russell), desperate housewife im lavendelfarbenen Aerobic-Dress, die sich ein Kind wünscht wie nichts zweites. Dumm nur: Ihr Mann Henry (Christopher Lloyd), Gerontenarzt der örtlichen Klinik, lehnt Begattungsgesuche kategorisch ab. Viel lieber spielt er mit seiner stockwerkgroßen Modelleisenbahn: "Chattanooga Choo Choo, TRACK 29 / Boy, you can gimme a shine!" Linda stillt ihr Verlangen derweil mit Babypuppen und guckt Trickfilme; eine näselnde Stimme spricht da über die Menschheit wie über eine außerirdische Spezies. Linda scheint zu verstehen.

Dass die Züge nicht das Abgefahrenste sind an TRACK 29, verrät schon ein flüchtiger Blick in die Credits: Nicolas Roeg, vogelfrei nach einer Reihe toller Flops, inszeniert Dennis Potter, giftiger poet laureate des britischen Fernsehens, dessen abseitige Serienmeisterwerke – u.a. PENNIES FROM HEAVEN und THE SINGING DETECTIVE – Meinungen zu ihrer Zeit ebenso gespalten haben wie Köpfe. Potters Figuren sind zerquälte Realitätsflüchtlinge, deren zunächst harmlos scheinende Hirngespinste immer tiefer im Morast der eigenen Seele versinken. So auch Linda und Martin: Als sie einander begegnen, scheint ihrer beider Suche vorläufig am Ende – bis dem Traum ein jähes Trauma dazwischenfunkt (buchstäblich gleißt im Moment des Erinnerns ein Funkenregen über Theresa Russells Gesicht): Linda, sweet sixteen, auf dem Rummel, beim Autoscooter, ein Schmalztollenbursche, ölbeschmiert, Verführung, Vergewaltigung, Schwangerschaft.

Ist Martin also wirklich der verlorene Sohn? Ist er überhaupt real, nicht bloß Fragment von Lindas überhitzter Psyche? Oder umgekehrt: sie eines der seinen? Dies mit der Zeit nicht auf-, sondern bis zur totalen Obskurität zu verunklaren, hat die psychopathologische Interessengemeinschaft Roeg-Potter im Sinn. In schrillen Fantasien, die sich vorwiegend aus alten Revuenummern und dem TV-Programm rekrutieren, gehen sich Mutter und Sohn fortan unentwegt an Gurgel und Wäsche, verlässlich beknackt und mitunter recht nervtötend dargeboten von der verrotzt sinnlichen Russell und dem starkstromigen Springinsfeld Oldman. Hauptattraktion jenseits von Gekasper und Gekeif ist jedoch Roegs virtuos die Wirklichkeitsebenen zerhackender Sperrfeuerschnitt, der, gerade weil man seinen Augen jederzeit trauen zu können meint, umso nachhaltiger irritiert: Ein Truck rast durch eine Wand, Schnitt, die Wand ist wieder intakt – passiert ist beides oder nichts, wer weiß das schon.

Die Grenze zwischen Realem und Imaginiertem nicht zu achten oder schlichtweg nicht zu kennen, ist nun für eine bestimmte Gruppe von Menschen charakteristisch: Kinder, und obwohl in TRACK 29 kein einziges vorkommt, versprüht doch der gesamte Film das hyperaktive Flair eines Pausenhofs im Zuckerschock. Ein unbändiger Spieltrieb, der eigentlich ein Überspieltrieb – nämlich der herrschenden suburbanen Trostlosigkeit – ist, hat hier Kernbereiche des vermeintlich erwachsenen Lebens erfasst: Arbeit, Politik, Sex. Die inzestuösen Doktorspielchen Lindas und Martins werden konterkariert mit denen des wirklichen Arztes Henry, dessen Berufsethos, mild ausgedrückt, zu wünschen übrig lässt: Ständig kommt er zu spät, verschreibt falsche Medikamente und lässt sich in der Mittagspause von der Krankenschwester (Sandra Bernhard) den Arsch versohlen wie ein ungezogener Schuljunge. Schon deshalb ist Fortpflanzung für ihn keine Option: Kinder sind was für Erwachsene, und Henry ist selber noch eines.

Die bei weitem gelungenste Sequenz des Films weitet die Infantilisierung kurzerhand zur nationalen Psychose aus: das "Trainorama", ein Mekka für Spielzeugeisenbahner, zu deren Präsident Henry sich küren lässt. Wie ein hollywoodgeschulter Showpolitiker posiert er vor den aufgespannten Stars and Stripes, keift Parolen in die wimpelwedelnde Menge und bricht schließlich mit der Bimmelbahn auf, den Trek nach Westen nachzuspielen: der Mythos amerikanischer Landerschließung per railroad als lächerliche Miniaturvariante. Aus einem Kulturschock sei das Skript geboren, hat Potter später bekundet. Zusammen mit dem nicht minder distinguierten Briten Roeg porträtiert er die USA unter Reagan als eskapistische, in der Pubertät feststeckende Nation, die sich von der eigenen Ahnenschaft die Leviten lesen lassen muss: Martin, ein Racheengel aus der Wiege der Zivilisation, sucht Henrys Kleinbürgerpuppenstube heim und bringt dort alle Züge zum Entgleisen. Am Ende klafft ein Blutfleck unter der Decke: Der European Son ist gekommen, sein kulturelles Erbe anzutreten.

DVD.
Die DVD bekleckert sich mit allem außer Ruhm: Matschiges 4:3-Videokassettenbild, undifferenziert-knistriger Ton auf allen Spuren, keine nennenswerten Extras.








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