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KAPITELWAHL

PORNO UNPLUGGED (Österreich 2008)

von Stefan Mader

Original Titel. PORNO UNPLUGGED
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. FABIAN BURSTEIN
Drehbuch. FABIAN BURSTEIN
Musik. WALTER GRÖBCHEN
Kamera. STEFAN TAUBER
Schnitt. RAMON RIGONI
Darsteller. MICK BLUE . RENEE PORNERO . THOMAS JANISCH . MARTIN HUMER u.a.

Review Datum. 2009-10-25
Erscheinungsdatum. 2009-10-23
Vertrieb. ILLUMINATI

Bildformat. 1.77:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1/DD 2.0)
Untertitel. ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 0

FILM.
Ein ziemlich ambitioniertes Ziel hat der Wiener Regisseur Fabian Burstein sich gesetzt; er will mit PORNO UNPLUGGED nämlich nicht weniger, als herauszufinden, "wie Pornographie und ihre Protagonisten funktionieren". Umso ungewöhnlicher erscheint es deshalb auf den ersten Blick, dass er nicht etwa die USA oder Deutschland, sondern Österreich zum Dreh- und Angelpunkt seines Dokumentarfilms macht. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich dies jedoch nicht als rein infrastrukturell-ökonomische Entscheidung, sondern als recht schlauer Schachzug, da Burstein seine vier Hauptdarsteller, seine vier Blickwinkel auf die "adult industry" allesamt in der Alpenrepublik findet, ohne dabei die große weite Welt aus den Augen zu verlieren.

Da wäre zunächst einmal Thomas Janisch, der von der Kaiserstadt Bad Ischl aus ein österreichisches Pornomagazin publiziert und landesweit Sexshops betreibt. Die "Gegenseite" wiederum wird vom selbsternannten Pornojäger Martin Humer vertreten, dessen Person und eigenwillige Rhetorik den meisten aus diversen Nachmittagstalkshows bekannt sein dürfte.
Der dezent kosmopolitische Touch wird schließlich von Mick Blue und Renee Pornero beigesteuert, die in Europa und den USA sowohl vor als auch hinter der Kamera aktiv waren beziehungsweise immer noch sind und die somit Interessantes über die Branche sagen können – oder eher könnten, denn all zu sehr lässt sich der Großteil der Interviewten nicht in die Karten schauen. Burstein hakt zwar mitunter nach, tiefschürfende Erkenntnisse bleiben aber vor allem bei heiklen Themen aus. So kann oder will etwa Janisch, auf den Erfolg seines Imperiums angesprochen noch recht auskunftsfreudig, Bursteins Frage nach einer zunehmenden Brutalisierung von Pornos nicht kommentieren, geschweige denn erklären.
Ähnlich verhält es sich bei Mick Blue, der zwar freundlich und auskunftsfreudig auftritt, aber praktisch zu jedem Zeitpunkt eine gewisse Distanz wahrt. Einzig als er ein paar wenig erbauliche Anekdoten aus seinen Anfangstagen zum Besten gibt, hat man das Gefühl, einen Blick hinter die professionelle Fassade erhaschen zu können, was sich auch an Blues Tonfall und dem weniger formellen Vokabular, dessen er sich dann bedient, festmachen lässt.
Am Aufschlussreichsten gestalten sich allerdings die Aussagen der einstigen Darstellerin und nunmehrigen Produzentin Renee Pornero, die sehr offen über positive wie auch negative Erfahrungen in der Branche spricht und dadurch jene intimen (no pun intended) Momente beisteuert, in denen Burstein seinem Ziel am nächsten kommt. Dies wird ansonsten nur ganz zu Beginn erreicht, wo Burstein Mick Blues Mutter vor die Kamera bittet und sie über die Auswirkungen von dessen Karriere auf die Familie erzählen lässt.
In scharfem Kontrast dazu stehen die dazwischen montierten Aussagen Martin Humers, der, der selbst zugewiesenen Rolle als advocatus dei entsprechend, vor einer mit Kruzifix, Marienstatue und Papstfoto drapierten Wand sitzt, mit fanatischem Eifer gegen die adult industry sowie die seiner Meinung nach damit einhergehende verkommene Sexualmoral (u.a. Sex ohne Zeugungsabsicht) wettert und dabei gleichzeitig vorsintflutliche Geschlechterrollen propagiert. Es wäre fast lustig, würde Humer es nicht todernst meinen und genau deswegen ist sein Auftreten im Film streng genommen auch deplatziert: Die Aussagen des Mannes sind in ihrer Gesamtheit einfach zu weit jenseitig, um einen ernstzunehmenden Gegenstandpunkt zu den in der Branche tätigen Interviewpartnern einnehmen zu können.

Letztlich erreicht Burstein sein eingangs erwähntes Ziel nicht, was in einem etwa 100minütigen Film zugegebenermaßen auch nicht weiter verwundert. Schade ist allerdings, dass Fragen wie jene nach dem Einfluss von Pornographie auf die Gesellschaft (Stichwort: Generation oversexed and underfucked) oder nach der Objektivierung der Frau in Pornos entweder gar nicht gestellt oder nur im Vorbeigehen touchiert werden. Gerade in Hinblick auf letzteres Thema mutet es fast schon ironisch an, dass misogyne Aussagen in PORNO UNPLUGGED ausschließlich vom Pornojäger getätigt werden.
Da Burstein sich eines moralischen Urteils stets enthält, obliegt es allerdings dem Publikum, das Dokumentierte jeweils für sich selbst zu (be)werten. Dass dem Auditorium diese Reife zugestanden wird, stimmt indes versöhnlich.

DVD.
Die technische Präsentation der DVD ist in Ordnung, das Quellmaterial jedoch bisweilen nicht ganz optimal. Wenn das Bild manchmal recht grobkörnig wirkt mag das noch als Stilmittel durchgehen, bei der in manchen Interviews beobachtbaren Überbelichtung des Bilds ist dies weniger der Fall.
Mit einem etwa vierminütigen Trailer/EPK, einem in der Tat sehr interessanten Making Of (21 Minuten) und einer Extra-CD mit dem Soundtrack gestaltet sich das Bonusmaterial von PORNO UNPLUGGED angemessen umfangreich und hochwertig.








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