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KAPITELWAHL

NEUN SZENEN (Deutschland 2006)

von Björn Lahrmann

Original Titel. NEUN SZENEN
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. DIETRICH BRÜGGEMANN
Drehbuch. ANNA BRÜGGEMANN . DIETRICH BRÜGGEMANN
Musik. -
Kamera. ALEXANDER SASS
Schnitt. VINCENT ASSMANN
Darsteller. ANNA BRÜGGEMANN . CHRISTIAN EHRICH . LESLIE MALTON . RICHARD KROPF u.a.

Review Datum. 2009-10-22
Erscheinungsdatum. 2009-04-02
Vertrieb. RENAISSANCE MEDIEN

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
"Yeah we'd love to hear your story
Just as long as it tells us where we are –
That where we are is where we're meant to be."
- Pulp, Glory Days

Was eine Familie ausmacht: Mamapapakind. Ein Haus, ein Hof, ein Hund. Ein Name, mit dem man sich am Telefon melden kann. Vor allem aber: Geschichten. Weißt du noch, damals. So oft im trauten Kreis erzählt, dass man sie auswendig kann, wie eine Legende, oder den Geheimcode zu jenem Club, der eben die Familie ist. In der Familie von Magdalena (Anna Brüggemann) geht eine dieser Geschichten so: Der Vater (Heio von Stetten) hat auf dem Rummel einen Stoffhund gewonnen und danach die Mutter (Leslie Malton) in einer Schlägerei verteidigt. Seither trägt Magdalena den Hund als Talisman immer bei sich. Das muss sie auch, denn die in güldene Verse gegossene Vergangenheit ist längst von einer bleiern prosaischen Gegenwart überholt worden: Der Vater ist ein arbeitswütiger Choleriker, die Mutter hat sich abseits der Familie ein geheimes Nischenglück aufgebaut, und Magdalena bereitet sich nach dem Abi langsam auf Nestflucht vor. Der Klebstoff, der die Einheit Mamapapakind zusammen gehalten hat, ist mürbe geworden. Das kommt in den besten Familien vor, erst recht in diesem Film.

NEUN SZENEN erzählt von einer Zeit im Leben, in der für veränderte Sachverhalte neue Worte gefunden werden müssen. Neue Geschichten nehmen den alten die Strahlkraft, alte Geschichten werden um ein Winziges modifiziert und modifizieren im Gegenzug die Beziehung derer, die sie einander erzählen. Das hört sich grauenerregend theoretisch an und ist damit das absolute Gegenteil des Films, der formal zwar streng, erzählerisch aber so lebhaft und luftig und leicht ist, wie man das im deutschen Kino gar nicht für möglich hält. Bravourös gelingt ihm, woran seine Protagonisten immerzu scheitern: ein Ganzes zu werden. Den Rahmen, der tatsächlich ein Kreis ist, bilden 24 Stunden im Endstadium des Teenagerdaseins, vom Abend der Abifeier bis zum Abend danach, der zugleich ein neuer Morgen sein wird.

Alles beginnt und endet, kreisförmig, am Tresen der Bar von Magdalenas Vater. Dort am Rand steht anfangs noch, bald ins Zentrum jedoch rückt: Rudi (Christian Ehrich), ein leicht schwammiger, leicht farbloser Slacker, der im Grabenkampf der Generationen Farbe schneller bekennen muss, als ihm lieb ist. Seine Familie ist in Auflösung begriffen, der Vater hat eine Neue, die Mutter den Blues und der Opa eine große Klappe. Als würde das nicht reichen, ist Rudi auch noch über beide Ohren in Magdalena verliebt, die, wie das in dieser Phase so üblich ist, einen viel älteren Freund hat. Von allen Seiten wird Rudi deswegen zugetextet, bekommt vorgefertigte Beziehungstipps von Leuten, die es nur gut mit ihm und sowieso alles besser zu wissen meinen, obwohl sie gerade das, meint man, eigentlich besser wissen müssten. Rudi wird lernen, dagegen anzureden, eine eigene Stimme zu finden, Meinungen zu geigen: dem Opa, der Mutter, dem Vater. Und was Magdalena betrifft... aber dazu kommen wir später.

Wie der Titel schon sagt, besteht NEUN SZENEN aus neun Szenen, genauer: neun Einstellungen, denen die Schnitte, die sich durch die Familien ziehen, gerade fehlen. Die meisten von ihnen sind starre Stillleben, bis die Kamera kurz vor Schluss einen Reigen zu tanzen beginnt. Alltägliche Mini-Dramen sind es, die hier umeinander kreisen, ineinander greifen und im Zusammenspiel die schönste deutsche Komödie seit einer gefühlten Ewigkeit ergeben. Mit spitzer Feder geschrieben wurde sie von zweien, denen das Thema Familie sozusagen im Blut liegt: Dietrich und Anna Brüggemann, ein junges Geschwisterpaar, er Regieabsolvent der HFF Konrad Wolf, sie hauptsächlich Schauspielerin.

Humoristisch stehen die beiden in einer Tradition, aus der in der deutschen Spaßdiaspora leider nie so recht eine geworden ist: derjenigen nämlich von Loriot. Hier wie dort generiert sich Komik vorwiegend aus der allzumenschlichen Fähigkeit, hammelstur aneinander vorbei zu reden, sowie dem gewaltsamen Wunsch nach sprachlicher Genauigkeit, der, statt das Zusammenleben zu erleichtern, die Lage immer nur heillos verschlimmert. Besonders schön illustriert das ein zum Verzweifeln komisches New-Age-Hochzeitsritual, dessen liberale Experimentierfreude sich als Offenbarungseid des Kleingeistigen entpuppt.
Eher angelsächsischem Vorbild verpflichtet ist dagegen der Schabernack, den Brüggemann mit der perspektivischen Begrenztheit seiner Bildausschnitte treibt. Clever choreografiert er die Darsteller im Raum, ihre Bewegungen stets auf verdeckte visuelle Pointen hin kalkuliert, die im Hintergrund oder außerhalb des Kaders lauern: Während vorn angeregt diskutiert wird, schneidet hinten ein schwarzer Hüne seelenruhig Äpfel. Leise klopft da das Absurde beim Zuschauer, und die Figuren haben das Nachsehen.

Damit will nun ausgerechnet Rudi sich nicht zufrieden geben. Er fasst sich ein Herz und die Gelegenheit beim Schopfe, Magdalena selbiges auszugießen. Ganz auf sich allein gestellt ist er dabei, weil die alten Geschichten nicht mehr ziehen. Kein Cyrano hockt in den Büschen, als er unter Magdalenas Fenster steht und nicht anders kann als einfach drauflos quatschen, ohne Punkt und Komma, Drehbuch und Konzept, um Kopf und Kragen. Breit grinsend und atemlos lauscht man der allmählichen Verfertigung seiner Gedanken beim Reden, bis einem aufgeht, dass man auch hier im Kreis geführt wurde: Rudis ungeschlachter Monolog ist nämlich nichts anderes als der Rohstoff, aus dem sich eines Tages wieder eine Geschichte verfestigen wird. Weißt du noch, damals. "Oh it doesn't get much better than this", jauchzt Jarvis Cocker überm Abspann. Recht hat er.

DVD.
Als Bonus enthält die qualitativ tadellose Scheibe ein quirliges Making Of sowie einen Audiokommentar der Brüggemanns, bei dem es kein Problem ist, dass der Originalton ausgeblendet wurde: Die beiden quasseln praktisch in einer Tour, was nicht nur sehr sympathisch ist, sondern dank der Anekdotenfülle über die einzelnen Schritte des Filmemachens – vom Verfassen des Drehbuchs über Casting und Production Design bis hin zum Dreh-Alltag – auch viele interessante Schulterblicke in den kreativen Prozess gewährt.








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