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KAPITELWAHL

NOTORIOUS B.I.G. (USA 2009)

von Thorsten Hanisch

Original Titel. NOTORIOUS
Laufzeit in Minuten. 118

Regie. GEORGE TILLMAN JR.
Drehbuch. REGGIE ROCK BYTHEWOOD . CHEO HODARI COKER
Musik. DANNY ELFMAN
Kamera. MICHAEL GRADY
Schnitt. DIRK WESTERVELT
Darsteller. JAMAL WOOLARD . MOHAMED DIONE . DEREK LUKE . DENNIS L.A. WHITE . MARC JOHN JEFFERIES u.a.

Review Datum. 2009-08-10
Erscheinungsdatum. 2009-08-21
Vertrieb. 20TH CENTURY FOX

Bildformat. 2.40:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Liebe Hip-Hopper, liebe Hip-Hopperinnen,

bitte steckt die Knarren wieder in die Baggy Pants, ich bin einer von euch, seit 15 Jahren schon, aber dennoch, dennoch muss ich diese Frage stellen: Wieso? Warum soll dieser unattraktive Koloss mit dem Hundeblick eine "Legende" sein, wieso hat sich ein mittelmäßiges Album wie LIFE AFTER DEATH über 10 Millionen Mal verkauft und, wahrscheinlich die interessantere Frage, wäre das Album auch so oft über die Ladentheke gewandert, wenn der notorische B.I.G. nicht zwei Wochen vor der Veröffentlichung den Kugelfang gegeben hätte?

Ich vermute die Essenz von Christopher George Latore Wallaces Karriere wird wohl in einer Szene dieser Filmbiographie am besten destilliert: Ein Fan bedankt sich, weil Biggie das Dicksein wieder salonfähig gemacht hat. Endlich "einer von uns", den alle geil finden. Da steht ein ca. 150 Kilo schwerer Typ mit einem Gesicht zum Eier abschrecken auf der Bühne und wird dennoch von heißen Frauen (für die jüngeren Semester: "Frau" ist das alte deutsche Wort für "Bitch") umgarnt – der völlige Gegenpol zum durchtrainierten, charismatischen und in etwa zeitgleich aktiven Tupac Shakur. Mag sein, dass das Polemik ist, aber allein der Blick auf das Gesamtwerk der beiden spricht Bände: Während der drahtige Pac schon zu Lebzeiten ungeheuer fleißig war (und mehr zu erzählen hatte als B.I.G.) und eine ganze Reihe an Platten aufnahm, was dank hunderter unveröffentlichter Bänder auch nach seinem Tod mit bisher sieben weiteren Alben fortgeführt wurde und darüber hinaus in zahlreichen Filmen mitwirkte, war Wallace zu Lebzeiten gerade mal an drei Werken beteiligt. Und mit den posthumen Veröffentlichungen war nach zwei eher zweifelhaften Alben auch schon wieder Schluss.

Warum also? Warum dieses Gewese um "Big Poppa"? Regisseur George Tillman Jr. (der nach seinem mittelmäßigem De Niro/Gooding Jr./Theron-Verhikel MEN OF HONOR bezeichnenderweise erstmal neun Jahre Sendepause hatte) kann diese Frage im wohl kontraproduktivsten Biopic aller Zeiten auch nicht beantworten. Tillman erzählt uns nicht von einem leidenschaftlichen Musiker, der sich den Weg an die Spitze erkämpft. Er erzählt uns noch nicht mal vom trostlosen Ghetto-Milieu und dem harten Leben darin (also die Story, die uns in Milliarden Hip-Hop-Songs immer wieder verklickert wird und mittlerweile zur Grundausstattung eines jeden Rappers gehört, auch wenn dieser im früheren Leben Leiter der Elektronikabteilung bei Karstadt war). Nein, wir lernen Biggie erstmal als gut angezogenes, dickes Kind kennen, das unter der Missachtung der Mädchen leidet und gerne auch so tolle neue Sneakers möchte wie die ganzen coolen Hustler in seiner Umgebung. Abspecken und Taschengeld sparen dauert zu lang und so dealt man halt. Das Geld für die Schuhe ist irgendwann da, aber die Polizei lässt nicht lange auf sich warten und so wandert unser ziemlich saft- und kraftloser Held in den Bau, was natürlich Stoff für entsprechende Texte gibt, von wegen hartes Leben auf der Straße und so. Kurze Zeit später gibt's wieder Ärger, doch ein lieber Kumpel sitzt für ihn ein, da Fetterle ein Kind hat und was aus seinem Leben machen soll. Selbstverständlich will der nette Freund nach seiner Rückkehr aus dem Bau auch nichts von den mittlerweile gerafften Hip-Hop-Millionen. Jaja, im Ghetto, da sind die alle so lieb und edel, da zieh ich auch mal hin. Wo war ich stehen geblieben? Ach, richtig, das Walross mit dem Habmichlieb-Blick lernt dann also irgendwann mal Sean Combs a.k.a. Diddy a.k.a. P. Diddy a.k.a. Puff Daddy a.k.a. Puffy kennen, wird durch ihn zum Millionär und einige Zeit später fliegen dann Kugeln und die Welt wird monatelang mit Puffys superkäsiger Hommage "I'll Be Missing You" traktiert. Wobei der unfreiwillige Abschied dank der nachträglich eingenommenen zig Millionen Dollar wohl nicht allzu schmerzhaft gewesen sein dürfte. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Der entscheidende Punkt ist: NOTORIOUS B.I.G. hinterlässt ein dickes Fragezeichen in den Hirnen der Zuschauer. Hier wird das Leben eines Menschen geschildert, der eher zufälligerweise mit Musik zum Star wurde, genauso gut aber auch Pizza-Bäcker hätte werden können. Es ist mit Hinblick auf die Produzenten-Credits (Biggies Mama, Biggies Manager, Puff Daddy) zwar geradezu erstaunlich, dass der Große auch ein paar dunklere Seite spendiert bekommt und so darf Biggie in einer Szene am Anfang gegen den Protest seiner Homies einer Schwangeren Drogen verkaufen, nur ironischerweise sind es kaum vorhandene Momente wie diese, die einen Wallace als Menschen überhaupt greifbar machen, in denen der Rapper überhaupt mal so was wie Initiative entwickelt. Sean Combs hingegen wird uns als stets modisch gekleideter, saucooler, gewiefter, aalglatter und alles im Griff habender Businesstyp präsentiert. Einerseits ganz schön schablonenhaft, anderseits ist man schon versucht zu glauben, dass das so verkehrt nicht ist, denn Combs begann seine Karriere Hip-Hop-unüblich in Marketing-Vorlesungen auf der Uni und nicht beim Hustlen auf der Straße. Wie dem auch sei: NOTORIOUS B.I.G. ist ein viel zu langes, viel zu oberflächliches Filmchen über eine höchstens mittelinteressante Persönlichkeit, die von einer eigentlich wesentlich interessanteren Persönlichkeit (die aber im Film kaum interessant erscheint) ins Rampenlicht gehievt wird und offenbar wegen eines reichlich kindischen Bandenkrieges das Leben lassen muss. Alles in allem ein ziemlich doofes Werk, Biggie-Fans sollten zugreifen.

DVD.
Bild und Ton sind top, besonders bei den Songs werden die Subwoofer naturgemäß ordentlich beansprucht. Die beiden Audiokommtare, einmal mit Regisseur George Tillman Jr., Co-Drehbuchautor RegieRock Bythewood, Co-Drehbuchautor Cheo Hodari Coker und Cutter Dirk Westervelt und einmal mit Produzentin/Biggies Mutter Voletta Wallace, Produzent/Biggies Co-Manager Wayne Barrow und Produzent/Biggies Co-Manager Mark Pitts verraten kaum Neues. Die entfallenen Szenen sind zu Recht entfallen und die "Analyse eines Konzertauftritts" birgt auch keine tieferen Einsichten. Einzig und allein die "Party & Bullshit"-Originalaufnahmen machen durchaus Laune, vor allem da man hier mit dem gerade gesehenen Film abgleichen kann.








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