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KAPITELWAHL

FOG² - REVENGE OF THE EXECUTED (Deutschland 2007)

von Hasko Baumann

Original Titel. FOG² - REVENGE OF THE EXECUTED
Laufzeit in Minuten. 60

Regie. OLIVER KREKEL
Drehbuch. OLIVER KREKEL . DANILO VOGT
Musik. MR. MAGOO (OLIVER KREKEL)
Kamera. OLIVER KREKEL
Schnitt. OLIVER KREKEL
Darsteller. OLIVER KREKEL . NADINE NIGGE . ANDREAS SCHNAAS . THORSTEN HANISCH u.a.

Review Datum. 2009-06-13
Erscheinungsdatum. 2009-04-09
Vertrieb. KSM

Bildformat. 1.78:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DTS/DD 5.1/DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Oh, diese Qualen. Dieses Verlangen, etwas zu sehen, was man doch nie zu sehen bekommen wird. Jerry Lewis' THE DAY THE CLOWN CRIED. Orson Welles' THE OTHER SIDE OF THE WIND. Der Don Quixote-Film von Terry Gilliam. Robert Franks Stones-Doku COCKSUCKER BLUES. Und der vielleicht größte Verlust von allen: der unter Verschluß gehaltene, nur als Meisterwerk vorstellbare Zlatko-Film MR. BOOGIE. Es sind die Bundesladen der Filmgeschichte, die uns aus den unterschiedlichsten Gründen vorenthalten werden und unsere Welt nur reicher machen könnten. Es stimmt erleichtert, ja euphorisch und erlösend, wenn ein Filmemacher Einsehen hat mit seinem Publikum und dessen Begehren. Oliver Krekel ist ein Filmemacher, ein Allround-Talent, ein freier Künstler, der die Sehnsucht kennt und versteht. Der uns begreift. Was könnte dieser Mann anders tun, als uns nach einer schier endlosen Wartezeit von zehn Jahren am Ende doch noch einen der sagenumwobensten Diamanten der jüngeren Filmgeschichte zu schenken: FOG² - REVENGE OF THE EXECUTED.

Natürlich ist Krekels Film keine Fortsetzung des John Carpenter-Films THE FOG. Wie der sorgfältig gewählte Titel schon andeutet, ist REVENGE OF THE EXECUTED vielmehr eine Quadratur des Originals; Krekel überhöht die Vorlage, entkleidet sie wieder, führt den Horror auf das Wesentliche zurück und übertrifft so Carpenters gotischen Grusel mit seinem ureigenen lyrischen Ansatz. In der Inszenierung der klassischen Geistergeschichte transzendiert Krekel spielerisch das Lagerfeuer, nur um den wahren, unmittelbaren Schrecken im Existenziellen zu finden: Eine Gruppe junger Leute fährt nach Dänemark, um dort Urlaub zu machen, und wird dort von den Geistern einst hingerichteter Nazis heimgesucht. Eine derartige Reduktion räumlicher Metaphorik hat man zuletzt vielleicht in Loseys FIGURES IN A LANDSCAPE gesehen, vielleicht in Godards WEEK-END. Aber nicht mit diesem Level der Authentizität, der Unmittelbarkeit, mit der Krekel uns fordert. Seine bewußt anstrengende Kameraführung - genial im Verzicht auf Ausleuchtung, im Brechen der Achsen, in der Unsichtbarmachung der handelnden Personen - und die exzellent besetzten Schauspieler packen uns mit festem Griff direkt an der Gurgel. Der unnachgiebige Krekel will, daß es uns das Sehen schmerzt und zeigt uns häßliche Fratzen, provinziell armselig gefärbte Haare, ausgemergelte Gothic-Fressen und unansehnliche Dickwanste und potenziert damit das Furchtbare, das die skelettartigen, untoten Faschistengespenster über den dänischen Strand bringen. Die Gefahr des Sehens ist das Prinzip des surrealen Horrorfilms seit UN CHIEN ANDALOU - und Oliver Krekel bringt es zur Vollendung.

Doch Krekel reicht das Geniale nicht, er muß es brechen und die Explosion riskieren. Er setzt alles auf eine Karte, wenn er drei Darstellern den Raum gibt, das Gesehene zu überstrahlen. Andreas Schnaas, selbst oft verkannter Großmeister, evoziert als verrückter Leuchtturmwärter die Erinnerung an Marlon Brando in THE NIGHTCOMERS. Thorsten Hanisch, mit irritierend schlecht blondierten Haaren auf die Zerrissenheit seiner Figur hinweisend, droht als wahnsinniger Soldat mit den Film durchzubrennen. Ein method actor par excellence, dessen Abkehr vom Schauspiel hin zum Musiker und Filmjournalismus-Impressario nur zu bedauern ist. Doch selbst ein solcher Tornado aus geschickt austarierten Höchstleistungen braucht ein ruhendes Herz. Und das Auge des Sturms ist Oliver Krekel selbst. Seine Qualitäten als leading man sind derart selbstvertraut, so hochkonzentriert in ihrer Lässigkeit, daß man glauben möchte, die von Steve McQueen hinterlassene Lücke könne doch noch geschlossen werden. Die Entscheidung, den fertigen Film von professionellen Sprechern nachsynchronisieren zu lassen, könnte von Kleingeistern als die finale Idiotie abegurteilt werden. Aber die verstehen nicht das Krekelsche Prinzip der Revolution, die im Verrat an der eigenen Sache liegt, und kennen nicht Mantra und Religion des von ihm geschaffenen Prinzips "UFC".

In der zweiten Hälfte seines traumähnlichen Oszillats menschlicher Urängste gibt sich Krekel der heute so unverzichtbaren Faßlichkeit hin. Mit hervorquellenden Gedärmen und abgeschlagenen, zuckenden Händen führt uns REVENGE OF THE EXECUTED unsere eigene Auflösbarkeit vor Augen, ohne in platte Splatterdidaktik zu verfallen. Es sind gerade diese Momente, in denen sich Krekel als Begründer einer zweiten Nouvelle Vague anbietet, der er mit seiner poetischen, nur von bewußt armseligen Zooms gebrochenen Schlußmontage den Weg bahnt. CROSSCLUB - THE LEGEND OF THE LIVING DEAD war sein CITIZEN KANE, und FOG² -REVENGE OF THE EXECUTED ist sein THE MAGNIFICENT AMBERSONS. Es bleibt nur zu hoffen, daß Oliver Krekel sich im Gegensatz zu seinem Bruder im Geiste, Orson Welles, nicht vereinnahmen lassen muß und das Triptych einst komplett sein wird. Wir können heute nur dankbar sein, daß es dieses Multitalent, diese Mischung aus Künstler und Entrepreneur, den einstigen Befreier verbotener Kunst und Swimming Pool-Verkäufer, den Anführer der "Astro"-Zelle und Querdenker moderner Forenkultur, daß es ihn noch gibt.

DVD.
Du kannst Scheiße nicht polieren. Das ist der vielleicht wahrhaftigste Satz der Welt. Und doch mag ich Olli Krekel gerade dafür, daß er es sich einfach nicht wahrhaben will. Für seinen in allen Belangen einer DVD-Veröffentlichung unwürdigen Urlaubsfilm hat er wieder mal alles zusammengeschoben und als Bonus auf die Scheibe gepackt, was auch nur irgendwie paßte und damit dem Ganzen schon wieder eine Daseinsberechtigung gegeben. Herzstück des Ganzen ist selbstredend sein Audiokommentar. Sympathisch ehrlich entschuldigt er endlose Traumsequenzen damit, daß er ja auf 60 Minuten Länge kommen wollte, lobt allen Ernstes die "schauspielerischen Leistungen" seiner nachsynchronsierten Freakshow als "absolut in Ordnung" und verwirft anfängliche Rechtfertigungen ("ein Film von Fans für Fans") mit selbstbesoffener Zufriedenheit ("mit 3 Millionen Budget sähe das ja schon ganz anders aus"). Diese One Man-Show eines in Deutschland einzigartigen Filous ist schon allein den Kaufpreis wert. Ein Blick "Hinter die Kulissen" strapaziert 37 Minuten lang die Sehnerven mit den "Versprechern" von Laienschauspielern, einem absurden Dialog zwischen Krekel und Bollerkopp Schnaas, ein paar Impressionen von Klitmoeller (da war ich auch schon mal) und weiteren gnadenlosen Nahaufnahmen von unansehnlichen Menschen. Der Trailer und die Bildergalerie (=Urlaubsfotos) sorgen für unsichere Schmunzler, aber so richtig losprusten darf man erst bei den "Entwürfen": In eben jener unerreichten Patschehand-im-Kindergarten-Manier wie das psychotronische DVD-Cover präsentieren sich auch die Zeichnungen, die Krekels Adlatus Danilo Vogt (in seligen "Astro"-Zeiten noch als "Devil" stets zur Stelle, dem Meister zu huldigen) für die Erbsensuppe des Grauens angefertigt hat. Was soll man sagen? Junge Eltern haben ja auch das Problem, die inanen Krickelmalereien ihrer Brut so wunderschön und aufhängenswert zu finden.

Große Überraschung der Bonus-Sektion ist aber das Auftauchen des verschollen geglaubten Kurzfilms DIABOLICA, den "Devil" beim Dreh von REVENGE OF THE OLLI mal schnell am Rande gebastelt hat. Hier darf Kollege Hanisch neben dem ausgemergelten Goth-Männlein Haiko Herden nachdrücklich darauf hinweisen, daß die Strandszene im Hauptfilm leider nur ein Zufallstreffer war. Aber, und das ist das Entscheidende, mit einer Lauflänge von 28 Minuten ist DIABOLICA nicht nur erträglicher und flotter als sein großer Bruder, er hat mit der Darstellung von Krekels Filmcrew als Satanisten auch eine interessantere Handlung. Er gewährt seinen Laienschauspielern auch ihre eigenen Stimmen, was erheblich mehr Spaß macht als die beknackte Synchro von Krekels FOG²; ausgerechnet Krekel selber kann hier in einer kurzen Szene regelrecht glänzen und sich selber Lügen strafen. Natürlich ist das alles kompletter Rotz von Amateuren, aber wenigstens tut er auch nicht so, als wäre er was anderes; FOG² mußte ja zum 16:9-Erlebnis aufgeblasen und mit Digitaleffekten hochgejazzt werden. Aber das ist eben der Punkt. Du kannst Scheiße nicht polieren. Und deswegen sieht DIABOLICA letztlich besser aus als FOG², denn da war wenigstens keiner mit dem Putztuch dran.

Insgesamt eine epochale Veröffentlichung. Oder, wie Olli Krekel immer so schön sagt: "Fock Zwai - Rivendsch of se Ecksekjutet".








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