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KAPITELWAHL

DIE ZAUBERFLÖTE (Schweden 1975)

von Florian Widegger

Original Titel. TROLLFLÖJTEN
Laufzeit in Minuten. 135

Regie. INGMAR BERGMAN
Drehbuch. BERGMAN . EMMANUEL SCHIKANEDER
Musik. W. A. MOZART
Kamera. SVEN NYKVIST
Schnitt. SIV LUNDGREN
Darsteller. JOSEF KÖSTLINGER . IRMA URRILA . HAKAN HAGEGARD . ULRIK COLD u.a.

Review Datum. 2008-08-31
Erscheinungsdatum. 2008-07-25
Vertrieb. ARTHAUS

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. SCHWEDISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Opernverfilmungen sind recht selten – nicht zuletzt, weil sie auf der einen Seite recht schwierig herzustellen sind, auf der anderen Seite wohl aber auch das Publikum fehlt. Regie-Ikone Ingmar Bergman hat einst das Experiment gewagt und mit dem schwedischen Fernsehen seine Verfilmung von Mozarts Zauberflöte (1791) produziert. Der Film fand allerorts höchste Beachtung, war für seine Kostüme oscarnominiert und sollte fortan als weiterer Meilenstein in der Filmografie Bergmans gelten.

Dennoch zeigt das Werk recht deutlich die Schwierigkeiten, die sich bei einer solchen Verfilmung ergeben: Bergmans ursprüngliche Idee war es, die ganze Oper im Schlosstheater von Drottningholm in der Nähe von Stockholm zu drehen. Dieses existiert noch heute in seiner ursprünglichen Form aus dem 18. Jahrhundert und wird auch regelmäßig bespielt. Doch bald mussten Bergman und sein Team erkennen, dass die Bühne für die aufwändige Produktion zu klein war und man deshalb nicht vor Ort drehen konnte. So baute man kurzerhand die Dekorationen in den Studios des Schwedischen Filminstituts nach. An der Opernverfilmung ist nichts "echt" – sie wirkt nicht wie aus einem Guss, sondern wechselt überdies recht flott die großen Bühnenbilder. Vor allem zu Ende des 1. Akts, wenn Tamino in die Tempelanlage kommt, erkennt man sofort, dass das gewählte Setting eigentlich viel zu groß für die kleine Bühne sein sollte. Bergman schneidet außerdem hin und wieder auf die Gesichter des Publikums – eines Publikums, das gar nicht anwesend ist, aber aus Menschen jeglichen Alters und jeglicher Couleur besteht. So beschwört er die Allmacht der Musik.

Fernseharbeit hin oder her – dass Bergman DIE ZAUBERFLÖTE auf Schwedisch drehte, werden ihm Puristen wohl nie verzeihen. Ebenso wenig die deutlichen und sehr relevanten Eingriffe in Schikaneders Libretto und auch Mozarts Musik: Die Auftrittsarie des Papageno ist nur eine Strophe lang, das Terzett zwischen Pamina, Tamino und Sarastro im zweiten Akt fällt komplett weg und auch das Finale des zweiten Akts wurde, der Dramaturgie zuliebe, umgestellt: Papageno darf seine Papagena nun schon früher in die Arme schließen. Was die deutsche Untertitelung nicht ganz mitbekommen hat: Bergmans Verfilmung spielt nicht im alten Ägypten, Isis und Osiris werden hier durch die "allmächtigen Götter" ersetzt. Und Sarastro wird zu Paminas Vater, der sie vor der Machtgier ihrer Mutter beschützen will – eine recht interessante Sichtweise, die aber schon anno 1975 nicht mehr besonders neu war.

Bergman streut den Opernpuristen noch mehr Salz in die Wunden: Zwischen den beiden Akten gibt es einen kurzen Blick hinter die Kulissen: Pamino und Tamina beim Schachspiel, Sarastro übt schon für Parsifal, die drei Damen rauchen im Rauchverbot… was uns damit gesagt werden sollte, wird nicht wirklich klar. Ein Wort noch zur Besetzung: Die Rollen werden alle von schwedischen und finnischen Opernsängern dargeboten (allerdings gilt auch hier: Kein Originalton vom Set) – das Spektrum reicht von recht anhörbar bis grausig. Josef Köstlinger verfügt über einen sehr warmen lyrischen Tenor, während Irma Urrila als Pamina eine ziemliche Fehlbesetzung ist, da sie die Tragik ihrer Figur in ihrer Stimme absolut nicht zum Ausdruck bringen kann. Auch Håkan Hagegård als Papageno verfügt über recht wenig Volumen und der Monostatos von Ragnar Ulfung spricht mehr, als dass er singt. Nichts im Vergleich zu meiner Lieblingsaufnahme mit Fritz Wunderlich, Evelyn Lear und Dietrich Fischer-Dieskau unter Karl Böhm, wenngleich die orchestrale Untermalung der Verfilmung durchaus Akzente zu setzen weiß.

Mir ist selbstverständlich klar, dass das viel zu viel Gelästere ist über einen Film, der trotz allem einen sehr schönen Gesamteindruck hinterlässt. Vor allem das Finale des zweiten Akts weiß sehr zu bewegen und wertet den Film nochmals auf. Man hat also durchaus seine Freude, aber dennoch soll nochmals darauf hingewiesen sein, dass Bergman zahlreiche Zugeständnisse ans Publikum macht, die in jedem Fall auf Kosten der Originalität des Werks gehen. DIE ZAUBERFLÖTE ist in der Verfilmung ein pompös ausgestattetes musikalisches Märchen geworden, in der sich wesentliche Aspekte des ursprünglichen Werks verschoben haben. Derartige Eingriffe sind durchaus das Recht eines Künstlers wie Bergman. Wer allerdings mal eine richtig pointierte und saubere Opernverfilmung sehen will (und sich an Zwölftonmusik nicht stört) dem lege ich dann doch eher die Verfilmungen von MOSES & ARON und VON HEUTE AUF MORGEN von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ans Herz.

DVD.
Bisher gab es lediglich eine RC1 DVD von Criterion, die allerdings nicht den hohen Standards des Labels entspricht. Die deutsche DVD von Arthaus präsentiert den Film in seinem originalen Vollbildformat. Das Alter des Films lässt sich dabei nicht verleugnen. Größte Schwäche: Das Bild ist recht grieselig und rauscht somit stark. Farb- und Kontrastwerte sind hingegen recht frisch und natürlich, auch die Schärfe geht in Ordnung. Altersbedingte Verschmutzungen und Defekte finden sich nur selten. An der recht sauberen schwedischen Tonspur gibt es ebenfalls nur wenig auszusetzen, lediglich die Untertitelung passt hin und wieder nicht ganz zu dem, was eigentlich gesungen wird. Im Bonusbereich kann die Arthaus-Veröffentlichung allerdings richtig auftrumpfen und somit die Criterion ausstechen: Neben obligatorischen Trailern und Texttafeln gibt es diesmal eine knapp 55-minütige Interviewdokumentation aus dem Jahr 1988. Ingmar Bergman ist zu Besuch in Island und neben einem recht ausführlichen Gespräch über Arbeitsauffassung im Allgemeinen und DIE ZAUBERFLÖTE im Besonderen gibt es auch zahlreiche Fotos und Gesichten von seinem Islandbesuch zu entdecken. Ein echtes Juwel!








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