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KAPITELWAHL

PIER PAOLO PASOLINI COLLECTION (Italien 1961-1967)

von Heiko Hanel

Original Titel. PIER PAOLO PASOLINI COLLECTION
Laufzeit in Minuten. 425

Regie. PIER PAOLO PASOLINI
Drehbuch. PIER PAOLO PASOLINI
Musik. BACH . ENNIO MORRICONE
Kamera. TONINO DELLI COLLI . GIUSEPPE RUZZIOLINI . MARIO BERNARDO
Schnitt. NINO BARAGLINI
Darsteller. FRANCO CITTI . ALBERTO MORAVIA . TOTÒ . NINETTO DAVOLI u.a.

Review Datum. 2008-07-29
Erscheinungsdatum. 2008-05-30
Vertrieb. FILMGALERIE 451

Bildformat. 1.37:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 1.0) . ITALIENISCH (DD 1.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Wer schon immer Angst vor italienischen Klassikern hatte, kann sich jetzt durch die DVD-Box seiner frühen Filme eines Besseren belehren lassen. Pier Paolo Pasolini war bis zu seiner Ermordung im Jahr 1975 der Rebell unter den italienischen Meisterregisseuren, der nach anfänglichem Liebäugeln mit dem Neorealismus seine eigene, magische Bildsprache fand. Dieser Übergang wird von der Stuttgarter Filmgalerie 451 aufs entzückendste dokumentiert und jeder, der seinen Übergang von Schwarzweiß zum Farbfilm ansieht, wird feststellen, dass Pasolinis Filme auch fast 50 Jahre nach Herstellung nichts von ihrer visuellen, poetischen und inhaltlichen Wucht verloren haben.

Der erste Film ist gleich einer seiner Bekanntesten. In ACCATONE versucht der kleine Zuhälter Vittorio, den alle nur Accatone, den Bettler nennen, einerseits sein In-den-Tag-leben zu finanzieren und gleichzeitig vor seinen Freunden und Prostituierten nicht das Gesicht zu verlieren. Als er es zu weit treibt, landet sein einziges Schäfchen verprügelt im Gefängnis. Nachdem er sich in seine Neuanschaffung verliebt, beschließt Accatone, zum ersten Mal in seinem Leben eine Arbeit zu suchen. Bei dieser verdient er aber sowenig Geld, dass er zum Dieb wird. Beim Klauen von ein paar Würsten nimmt das Schicksal eine tragische Wendung und seine Karriere ein jähes Ende.
Pasolini besetzte seinen ersten Film mit Laiendarstellern aus der Gosse der römischen Vororte. Unsentimental dokumentiert er in spektakulärem Schwarzweiß das Leben der römischen Unterschicht im Jahre 1961. Es ist kein mitleidiger Blick. Pasolini liebt die Tagelöhner, Zuhälter und Diebe, die in breitem Vorstadtslang über das Leben und allerlei Dinge von denen sie gar keine Ahnung haben, schwadronieren. Er zeigt den Niedergang von Accatone als Passionsgeschichte, untermalt von Bachs Matthäuspassion. Trotzdem bleibt er hart an der Realität und verfällt nicht in die Art von Sozialromantik seines späten Filmschaffens, über die man sich nicht wundert, wenn er in Interviews und Essays immer wieder seine Liebe zu Volk, Dorf und Slum und seinen Hass gegenüber dem Bürgertum erwähnt. DAS EVANGELIUM NACH MATTHÄUS wurde sein nächster Film, den er mit Bauern in spektakulärer Bergdorfszenerie inszenierte (bei Kinowelt erschienen).

Statt diesem enthält die Box GASTMAHL DER LIEBE. In diesem 1963 gedrehten Dokumentarfilm reist Pasolini durch Italien und befragt Bauern, Prostituierte, Schauspieler und Philosophen zum Thema Sex und Liebe. Er bekommt Antworten, die in dieser Direktheit angesichts einer Flut von Berichten zu diesem Thema heute gar nicht mehr möglich wären. Angefangen bei Kindern, die gefragt werden, wo sie herkommen (Storch, Gott, Tante) über Ehemänner, die sich zur damals verbotenen Scheidung äußern, bis zur Meinung von Renterinnen zur Prostitution erfährt man teils zeitlose, teils reaktionäre (und damit wahrscheinlich auch wieder zeitlose) Antworten auf immer aktuelle Fragen. Von Vorteil ist der Einsatz von Fellinis Kameramann Tonino Delli Colli, der Pasolinis Blick aufs Volk ebenso ansprechend macht wie ACCATONE. Pasolini waren reaktionäre Kommentare aus der Unterschicht lieber als Meinungsäußerungen des seiner Meinung nach von Konventionen verseuchten Bürgertums. Der Beweis sind einige wenig tolerante Kommentare zum Thema Homosexualität, die der schwule Regisseur einigen Interviewten (Männern) entlockt, denen er in jeder Szene ihre Würde lässt.

In GROSSE VÖGEL KLEINE VÖGEL wird dann wieder eine Passionsgeschichte erzählt, diesmal allerdings als Komödie. Toto und sein Sohn Ninetto wandern gemeinsam durchs Land. Sie treffen einen philosophierenden Raben, der ihre Odyssee an allerlei interessanten Menschen vorbei kommentierend begleitet. Das findet das ungebildete Paar zwar spannend, als der Hunger kommt, wird der Vogel dennoch gegrillt und gegessen.
In diesem, von Ennio Morricones Musik unterlegten, Roadmovie nähert sich Pasolini seinem geliebten Volk von der lustigen Seite. Typegecastet als Vater wurde der damals bekannte Komiker Toto, dessen Wunschrolle in einem Pasolinifilm wohl etwas ernsthafter ausgefallen wäre. Wechselnd zwischen brilliant choreografierten Szenen und zum Teil ziemlich albernem Humor zeigt sich Pasolini hier mal von seiner witzigen Seite.

In EDIPO RE habe Pasolini seinen Mutterkomplex verarbeitet, sagen seine Freunde. Sophokles' Tragödie von König Ödipus, der seinen Vater umbringt und dann unwissentlich seine Mutter heiratet, hat Pasolini selbst neu übersetzt und recht weit weg von der abgekauten psychoanalytischen Interpretation inszeniert. Nach seiner Geburt am Ende des 19. Jahrhunderts setzt Pasolini den kleinen Ödipus dann nach einem harten Bildschnitt in einer vorgeschichtlichen Wüstenlandschaft aus, wo er heranwächst, seinen Vater ermordet, mit seiner Mutter und Ehefrau zum König gekrönt wird, um dann nach Erkennen der Wahrheit erblindet im Italien der 60er Jahre umherzuirren. In archaischer Landschaft wird auch diese Christusfigur ihrem Schicksal zugeführt. Und das ziemlich spektakulär in Pasolinis erstem Farbfilm. In Sachen Mystik und bizarren Gestalten braucht sich EDIPO RE nicht hinter dem zur gleichen Zeit gedrehten EL TOPO von Alejandro Jodorowsky verstecken (oder umgekehrt), der im letzten Jahr ebenfalls in einer wunderschönen Edition auf DVD wiederveröffentlicht wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt entfernt sich Pasolini von der Darstellung einfacher Leute und findet zu einem sehr suggestiven Kino, das er bis weit in die Siebziger Jahre verfeinerte.

DVD.
Die DVD-Box der Stuttgarter Filgalerie 451 ist spektakulär. Während ACCATONE und GASTMAHL DER LIEBE in einer nicht restaurierten 4:3-Fassung vorliegen, wurden GROSSE VÖGEL KLEINE VÖGEL und EDIPO RE digital restauriert. Zusätzlich zur ungeschnittenen Fassung von EDIPO RE wurde die geschnittene und nicht restaurierte deutsche Fassung mit in das Paket aufgenommen, da mit der Restaurierung zwangsweise immer eine Veränderung des Originalmaterials vorgenommen wird. Außerdem fehlt es den scharfen Versionen auch an Magie. Das ist wirklich vorbildlich, wenn man bedenkt, dass bei vielen DVD-Veröffentlichungen von Filmklassikern zum Beispiel der ursprüngliche Monoton zugunsten einer Surroundspur weggelassen wird. Und das meist in der Annahme, Mono interessiert keinen mehr. So werden Bild und Ton immer mehr an heutige Konsumgewohnheiten angepasst und die Filmemacher kann man ja nicht mehr fragen. Der größte Eingriff ist natürlich die Reise von der Leinwand zum Bildschirm aber solche Filme werden nicht mal mehr in Programmkinos gezeigt. Man muss die Filmgalerie 451 einfach lieb haben für diese Box.








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