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KAPITELWAHL

LARS VON TRIERS GEISTER (Dänemark 1994/1997)

von Matthias Mahr

Original Titel. RIGET I & II
Laufzeit in Minuten. 580

Regie. LARS VON TRIER . MORTEN ARNFRED
Drehbuch. LARS VON TRIER . NIELS VØRSEL
Musik. JOACHIM HOLBEK
Kamera. ERIC KRESS . HENRIK HARPELUND
Schnitt. MOLLY MARLENE STENSGÂRD . JACOB THUESEN
Darsteller. ERNST HUGO JÄREGÅRD . KIRSTEN ROLFFES . SØREN PILMARK . UDO KIER u.a.

Review Datum. 2005-08-21
Erscheinungsdatum. 2005-05-12
Vertrieb.

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . DÄNISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Eigentlich lies sich die Simulantin Fr. Drusse (Kirsten Rolffes) ins Kopenhagener Reichskrankenhaus nur einweisen um ihren Sohn, der in der Neurochirurgie als Pfleger arbeitet besser kontrollieren und bemuttern zu können. Als sie im Aufzug den Geist eines kleinen Mädchen wahrnahm stand für die passionierte Spiritistin jedoch fest, dass sie diesem helfen muss ihren Frieden zu finden. Im ebenso egoistischen wie betrügerischen schwedische Oberarzt Helmer (Ernst Hugo Järegård) hat sie aber einen formidablen Gegenspieler gefunden, der die Simulantin so schnell wie möglich wieder an die Luft setzen will.

Es gibt wohl wenige TV Serien, die derart aus den Normen des Mediums herausbrechen. Das Handlungsgerüst mit seinen verschiedenen parallelen Strängen voller hinterhältiger Intrigen mag noch den Seifenopern und Ärzteserien verhaftet sein, in der zweiten Staffel verheddert sich die Geschichte mitunter sogar leicht, etwa, wenn eine im Vergleich zur ersten wenig plausible Erklärung für den Phantomkrankenwagen geliefert wird. Doch der unkonventionelle Schnitt der Handkameraeinstellungen, die durch mehrfaches Umkopieren in verschiedenen Formaten bewusst entstellt wurden ist im Fernsehen wohl noch nie da gewesen. Doch trotz der gewagten, fast experimentellen Optik wurde von Lars von Trier und seinem Team genau das Maß gehalten um eine eindringliche, aber leicht zugängliche Horror- und Comedyserie zu gestalten, weit massenkompatibler als von Triers Spielfilme. Jede Episode endet in einem spannenden Hammer-Finale, das allein schon Garant dafür sein sollte, dass das Publikum bei der Stange gehalten wird. Besonders raffiniert sind dabei die beiden Staffelenden konstruiert, in gewisser Weise ähnlich und doch völlig konträr. Im ersten Fall führt der Leiter des Krankenhauses den Gesundheitsminister durch sein Königreich. Dabei werden sämtliche Subplots wieder aufgenommen und scheinen den einzigen Zweck zu haben den Verwalter, die neurochirurgische Abteilung und insbesondere deren Leiter vor dem Minister der Lächerlichkeit Preis zu geben. Humor wird hier besonders groß geschrieben, ganz zum Schluss folgt aber noch der vielleicht genialste Schockmoment der ganzen Serie. In der letzten Folge verknüpft sich die Handlung erneut über eine Inspektion des Direktors. Die Handlung spitzt sich bereits früher bedrohlich zu, zahllose Menschen geraten in Gefahr, erst nach dem Abspann mit den obligaten letzten Worten, die Lars von Trier an sein Publikum richtet, setzt es ein gewaltiges comic relive. Doch anders als so viele Cliffhangerserien, die dazwischen wenig bis gar nichts bieten (man denke mit Grausen an ALIAS) wird hier durchgehend vor allem skurriler Humor vom Feinsten geboten. Mein persönlicher Lieblingsstrang ist jener vom armen, besessenen Dr. Bondo (Baart Owe). Der Pathologe erhofft sich einem komatösen Patienten die Leber entnehmen zu können, doch die Angehörigen verweigern die Erlaubnis. Da der Patient sich jedoch als Organspender eintragen ließ, findet er doch noch einen Weg ans Organ zu kommen. Indem er es zeitweise in seinen Körper transplantieren lässt. Trotz kleiner Unstimmigkeiten in der 2. Staffel, die noch praller gefüllt ist mit skurrilem Humor, Spannung, und neuerdings auch (unkitschiger) Sentimentalität, passen die beiden mit drei Jahren Pause produzierten Teile zwischen denen inhaltlich nur wenige Tage liegen fast perfekt zusammen. Dabei offenbart sich so manches Detail erst bei wiederholtem Ansehen. Man achte etwa darauf, wie Mogge (Peter Mygind), Medizinstudent und Sohn des Abteilungsleiters Neurochirurgische, in den beiden Staffeln aus höchst unterschiedlichen Anlässen mit dem Thema Amylase-Enzyme hadert. GEISTER ist wirklich ein echter Leckerbissen, an dem man auch bei wiederholtem Ansehen immer wieder Freude haben wird.

DVD.
Die Bildqualität entspricht den vorgegeben Umständen. Wie schon oben erwähnt ist das Bild durch Blow Up Umkopierung von Haus aus und aus künstlerischen Intentionen grob, oft fahl und verwaschen. Der verwendete lichtempfindliche und damit grobkörniger Film verstärkt diesen Eindruck. Dem DVD Vertrieb ist da kein Vorwurf zu machen. Über die gebotene deutsche Tonspur muss man aber nicht begeistert sein. Dazu sollte man wissen, dass die ursprüngliche deutsche TV-Fassung, von Lars von Trier abgesegnet, eine unterschiedliche Schnittfassung hatte. Man wollte die zwischen 63 und 79 Minuten langen acht Folgen in elf Episoden üblicher Fernsehlänge bringen. Dafür wurden zum einen einige Sequenzen entfernt. (Meist nur wenige Sekunden, die nicht wirklich ins Gewicht fielen.) Zum anderen aber Szenen in andere Reihenfolgen gebracht. Bei der Vielzahl an parallel laufenden Handlungssträngen war dies problemlos machbar und so konnte der dramaturgische Spannungsbogen und insbesondere die Aussicht auf einen Cliffhanger im rechten Moment auch in der Version gewahrt werden. (Lediglich die zweite Episode der ersten Staffel endete in der deutschen TV-Fassung, nebenbei bemerkt, etwas unspektakulär.) Für die vorliegende DVD wurde nun der Endmix der Synchronfassung verwendet. Bei fehlenden Szenen wurde der O-Ton übernommen und untertitelt. Zwar merkt man mitunter an der pendelnden Lautstärke den Wechsel und ganz selten wurde auch auf die Untertitel vergessen, im wesentlichen ist dies aber sehr gut gelöst. Ganz anders bei den vertauschten. Hier sind oft unschöne Übergänge, vor allem abgerissene Musik, zu hören, erklärbar dadurch, dass zwischen zwei nur in der ursprünglichen deutschen Szenenordnung aufeinanderfolgenden Takes ein tonaler Übergang geschaffen wurde. In einer der kurzen Flugaufnahmen des Krankenhauses, die immer wieder eingeschnitten werden, fehlt (da im krassen Gegensatz zu allen anderen Königreich-Totalen) auf befremdliche Weise ganz der Ton. Der Grund dafür: die nachfolgende Szene hat in der deutschen Tonspur keine Musik. Eine neue Tonabmischung hätte auf jeden Fall auch ohne aufwendiger Neusynchronisation hier einen besseren Eindruck geliefert. Bei der Originalfassung gibt es dieses Problem natürlich nicht. Zwar gibt es sogar in der letzten Folge ein paar Sekunden, wo auch hier deutsch gesprochen wird, da in dem Fall die Synchronfassung Szenen brachte, die im dänischen Fernsehen fehlten, der Übergang ist aber sehr sauber.

Bei den Extras stechen besonders ein paar kleine Werke von Triers heraus. Das coole Musikvideo THE SHIVER zur Serienkennmelodie ist nicht nur von ihm inszeniert, er tritt hier, wie am Ende jeder RIGET Folge auch vor die Kamera. Eine Reihe Werbespots für die dänische Boulevardzeitung Ekstra Bladet zeigt Ernst-Hugo Järegård in verschiedenen Rollen auf Dänemark im Allgemeinen und die Zeitung im Speziellen schimpfend. Er befindet sich dabei im Reichskrankenhaus, was natürlich zusätzlich Bezug zur Serie schafft. Dieser fehlt beim berühmten älteren Werbespot SAUNA von 1986 völlig. Dass dieses in die Cannesrolle aufgenommenes frühe Kleinod zusätzlich dabei ist, wird freilich niemand KOCH Media verübeln. Zusätzlich darf, eigens für die DVD produziert, Udo Kier ein paar Worte ans Publikum richten. Seine Hoffnung bezüglich einer dritten Staffel lässt aber auf Unkenntnis der Audiokommentare schließen, da dort ganz klar nein dazu gesagt wird. Jene Audiokommentare, eingesprochen von Lars von Trier, Koautor Niels Vørsel und Cutterin Molly Malene Stensgaard, gibt's nur zu ein bis zwei Szenen pro Folge, was aber zusätzlich einlädt sie nach jeder Folge gleich anzuhören. Das umfangreichste Extra ist ein Portrait von Triers, den Korpus bildet dabei ein Interview, welches er ca. 1998 gegeben haben muss. IDIOTEN war abgeschlossen, DANCER IN THE DARK als Musical ohne Erwähnung des Namens oder Björks in der Planung. Dazu wurde alles Mögliche eingefügt. Nicht immer ist ein sinnvolles Konzept erkennbar, nach einem BREAKING THE WAVES Teaser in dem von Trier im Kilt erklärt, er wolle keine Bilder des Films zeigen, weil die aus dem Kontext gerissen nicht die nötige Kraft hätten, sieht man eben das: Bilder des Films. Dennoch ist einiges an interessantem Material dabei. Zu allen Extras, bei denen das nötig ist, sind deutsche Untertitel einblendbar. Insgesamt erschlägt einen die DVD nicht gerade mit Extras, macht hier auch keine Neuerfindung, qualitativ passt aber alles. Originaltrailer sind auch dabei und das schönste Extra ist vermutlich sowieso, dass hier nicht Extrascheiben mit allerlei Unfug veröffentlicht wurden, die einen Verkauf in zwei Boxen und damit doppelte Einnamen rechtfertigen sollten. Immerhin handelt es sich um zwei Staffeln und im Audiokommentare der fünften Folge stellt sich das Trio nochmals vor, was vermuten lässt, dass hier oder in anderen Sprachfassungen diese Möglichkeit zumindest angedacht wurde. Eine runde, preisgünstige Sache also. Und das bei einem Meilenstein der Fernsehgeschichte.








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