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KAPITELWAHL

DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL (Deutschland 2003)

von René Kewitz

Original Titel. DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL
Laufzeit in Minuten. 87

Regie. BYAMBASUREN DAVAA . LUIGI FALORNI
Drehbuch. BYAMBASUREN DAVAA . LUIGI FALORNI
Musik. ANSGAR FRERICH
Kamera. LUIGI FALORNI
Schnitt. ANJA POHL
Darsteller. JANCHIV AYURZANA . CHIMED OHIN . AMGAABAZAR GONSON u.a.

Review Datum. 2005-01-24
Erscheinungsdatum. 2004-11-17
Vertrieb. SUNFILM

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1/DD 2.0) . MONGOLISCH (DD 5.1/DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Der Abschlussfilm der Mongolin Byambasuren Davaa und des Italieners Luigi Falorni an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, entstanden im Frühjahr 2002, lässt den Zuschauer über einen Zeitraum von sieben Wochen am entbehrungsreichen Alltag der Nomadenfamilie Amgaa teilhaben, irgendwo im Nirgendwo der mongolischen Steppe. Drei Jurten beherbergen ganze vier Generationen der Familie, die mit der Zucht von Kamelen und Ziegen ihren Lebensunterhalt verdient - vom Urgroßvater bis zum kleinen Enkelsohn sind alle Familienmitglieder in die täglich zu verrichtende Arbeit eingebunden. Mittelpunkt des Lebens bilden der familiäre Zusammenhalt und die tiefe Verbundenheit zu ihren Tieren, die das Überleben der Amgaas sichern.

Der Film beginnt zu der Zeit des Jahres, in der die weiblichen Kamele ihre Kälber austragen, und so wird man schon zu Beginn Zeuge der ersten Gehversuche einiger Jungtiere. Die letzte Geburt des Frühjahres aber ist etwas ganz besonders: Einerseits, weil das neugeborene Kalb, das Botok getauft wird, weißes Fell besitzt, andererseits, weil es schon kurz nach der schwierigen Geburt vom Muttertier verstossen wird. Man empfindet beinahe Mitleid für das kleine Kamel, wie es da allein und unbeholfen durch die Steppe stakst und Klagerufe von sich gibt. Ein Großteil des Films dreht sich dann auch vor allem um das Bemühen der Amgaas, die beiden Tiere doch noch zusammenzubringen. Als jedoch alle Versuche fehlschlagen, beschliesst man, das traditionelle "Hoos"-Ritual abzuhalten, und Dude und sein jüngerer Bruder Ugna werden in die nächstgelegene Siedlung geschickt, um einen Musiker hierfür aufzutreiben.

Während ein Kamerateam bei den verbliebenen Amgaas und dem kleinen Botok bleibt, folgt die andere Gruppe den beiden Brüdern auf ihrer Reise durch die Einöde, und fast bangt man als Beobachter ein wenig um den kleinen Ugna, der unbedingt seinen Bruder begleiten will und auf dem im Vergleich zu seiner eigenen Größe geradezu riesigen Kamel regelrecht verloren aussieht. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei einer anderen Nomadenfamilie erreichen die Brüder, unbehelligt von Sandstürmen, das "Aimak-Zentrum", das ein wenig wie ein modernes Indianerreservat in den Vereinigten Staaten amutet: Ein paar zweckmässige Unterkünfte, hier und da ein altes Motorrad oder ein abgewrackter Lieferwagen, ein kleiner Elektronikladen. Eine Frau verkauft Eis aus einer schmuddeligen Gefriertruhe, Kinder scharen sich um einen Schwarzweiss-Fernseher, um alte russische Trickfilme anzusehen. Auch Ugna ist ganz begeistert und liegt seinem älteren Bruder während der Rückreise ständig mit dem Wunsch nach einem eigenen Zauberkasten in den Ohren. Hier wird der Konflikt zwischen dem Festhalten an alten Traditionen und Lebensweisen auf der einen und der voran schreitenden Verwestlichung auf der anderen Seite besonders deutlich, und man stellt sich die Frage, wieviel Zeit diesem Volk und seiner Jahrtausende alten Kultur wohl noch bleiben mag.

Einige Tage nach der Rückkehr der Brüder trifft dann der Musikleher der "Aimak"-Schule ein, das Ritual kann beginnen. Und während man den traditionellen Gesängen und den Klängen der Pferdekopfgeige lauscht, wird man tatsächlich ganz unvermittelt Zeuge eines kleines Wunders: Das Muttertier beginnt zu weinen. Ein paar Minuten später wird das Junge vorsichtig herangeführt, und siehe da, Kuh und Kalb finden endlich zueinander. Während der Kinoauswertung des Films soll in diesem Moment vielerorts ergriffenes Schluchzen aus dem Publikum zu hören gewesen sein, und auch ich fühlte mich seltsam berührt von dem, was ich da beobachtete, ein merkwürdiges "Glücksgefühl" darüber, dass sich am Ende doch noch alles zum Guten wendet. Angesichts des Erfolgs findet sich die ganze Familie zu einer kleinen Feier ein, es wird gesungen und gelacht, der Tag neigt sich dem Ende zu. Zeitsprung: Die letzte Szene des Films zeigt Dude und Ugna beim Ausrichten einer Satellitenschüssel für den grade vom Vater gekauften Fernseher. Der Fortschritt hat letztlich auch hier endgültig Einzug gehalten.

Was DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL von vielen anderen Vertretern seiner Gattung abhebt, ist unter anderem das völlige Fehlen von Off-Kommentaren. Kein Erzähler versorgt einen mit mehr oder weniger interessanten Informationen über Mensch und Tier, die Bilder und wenigen gesprochenen Worte reichen völlig aus, um eine ganz eigene Atmosphäre zu erzeugen. Neben den Landschaftsimpressionen beeindruckt vor allem das Wesen dieser einfachen Menschen, die völlig auf sich gestellt in der Steppe leben. Da wird, so scheint es, nur gesprochen, wenn es nötig ist, vieles mit Blicken oder Gesten gesagt. Keine Höflichkeitsfloskeln werden ausgetauscht, wenn Gästen Essen oder Unterkunft angeboten wird - wer etwas annimmt, empfindet natürlich Dankbarkeit dafür. Alles ist ganz auf das Wesentliche konzentriert. Das Leben von Marsmenschen könnte nicht weiter weg von unserem sein.

Absolut gelungen: Die Kameraarbeit, die immer dicht am Geschehen ist und den Zuschauer teilhaben lässt, ohne jemals aufdringlich zu wirken. Alle Beteiligten agieren dabei so natürlich, dass man glauben könnte, sie wären sich des Filmteams um sie herum überhaupt nicht bewusst. Insgesamt ein sehr ruhiger, beizeiten fast meditativer Film, der zudem fast gänzlich ohne Musikuntermalung auskommt, was auch in diesem Genre mittlerweile nicht mehr die Regel darstellt, der Wirkung aber nur zuträglich ist. Auch die Besucher diverser Filmfestivals konnten sich dieser anscheinend nicht entziehen, wenn man sich den großen Erfolg auf internationaler Ebene anschaut - von der Mongolei wurde der Film sogar (erfolglos) als offizieller Anwärter auf den "Best Foreign Language Film"-Oscar eingereicht.

DVD.
Die Bildqualität kann man reinen Gewissens als sehr gut bezeichnen, Bildfehler oder ähnliches sind mir nicht aufgefallen. Hier und da sind leichte Unschärfen zu verzeichnen, welche den Gesamteindruck aber kaum trüben. Auf der akustischen Seite lässt einem das Menü die Wahl zwischen der mongolischen "Original-" und einer deutschen Synchronfassung (beide sowohl in DD 5.1 als auch 2.0 Surround verfügbar), wobei man sich der Authentizität wegen klar für die ursprüngliche Version entscheiden sollte, die sich auf Wunsch deutsch untertiteln lässt. Trotz vieler Außenaufnahmen sind die "Darsteller" jederzeit gut zu hören; die Synchronisation wirkt dagegen leider ziemlich aufgedrückt und nimmt dem Film einiges von seiner tollen Atmosphäre.

An Extras stehen neben informativen Interviews mit den beiden Jungregisseuren und Produzent Tobias Siebert noch eine Fotogalerie, der Kinotrailer sowie ein kleines "Making Of" bereit, das allerdings für den Mitteleuropäer schwer verständlich sein dürfte, da am Set fast ausschliesslich Mongolisch gesprochen wurde. Ausserdem haben die Trailer zu IN THIS WORLD, DOLLS, TRAIN DE VIE und KITCHEN STORIES ihren Weg auf die Scheibe gefunden.








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