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GEDRUCKTES IST TOT

ROMAN POLANSKI - TRAUMATISCHE SEELENLANDSCHAFTEN (2010, 1. Auflage)
von Matthias Mahr

Original Titel. ROMAN POLANSKI - TRAUMATISCHE SEELENLANDSCHAFTEN
Seiten. 297

Autor. ANDREAS JACKE

Review Datum. 2012-07-13
Erscheinungsdatum Deutschland. 2010-02-01
Verlag. PSYCHOSOZIAL-VERLAG

Erscheinungsformat. BROSCHIERT
Sprache. DEUTSCH

Andreas Jacke widmet sich in diesem Buch den Regiearbeiten Roman Polanskis. Nach einem kurzen Abriss über die akademischen Kurzfilme bekommt von DAS MESSER IM WASSER bis einschließlich DER GHOSTWRITER jedes Werk sein eigenes Kapitel.

Man merkt es dem schöngeistigen Philosophen an, dass er so seine Probleme mit trivialen Stoffen hat und diese von ihren filmischen Adaptionen nicht zu trennen gewillt ist. Folgerichtig kann für ihn etwa ROSEMARY'S BABY "kein gelungener Film" sein, vielmehr ein "effekthaschende(r) Unterhaltungsfilm, der auf der Ebene von David Lynch (und nicht darüber) liegt." (S. 90) Und "ALIEN funktioniert teilweise auf derselben Basis wie REPULSION, nur auf einem erheblich schockhafteren und damit niedrigeren Niveau." (S. 206 f.)
Umso überraschender, dass Jackes Buch selbst des Öfteren sprachlich zu wünschen übrig lässt. So unbeholfen die ständige Wortwiederholung von "infantil" und insbesondere "romantisch" zu Beginn des TANZ DER VAMPIRE-Abschnitts wirkt, so rätselhaft bleibt es auf S. 74, warum "Paul Werner in seinem Buch [...] an den Interessen des Regisseurs vorbei" geht. Zwar wird hier angegeben, auf welche Seiten des älteren Polanski-Buches sich die Passage bezieht, ohne konkretes Zitat wird man den Zusammenhang aber nicht verstehen. Für den Akademiker, der alle Quellen beieinander hat, noch gangbar, verschließt sich die Lektüre hier dem interessierten Allgemeinleser, an den sich der Band ebenso richtet.
Auf S. 114 f. verknüpft der Philosoph zwei Sätze derart, dass der Anschein erweckt wird, Nicolas Roeg und Andrej Tarkovskij wären ein und dieselbe Person. Ebenfalls schlechter Stil: "Auch dieser Roman von Harris (Anm.: gemeint ist THE GHOST) enthält einige Assoziationen zum faschistischen Deutschland, von dem ebenfalls FATHERLAND gehandelt hatte." (S. 276) Das ist jetzt gewiss nicht grammatikalisch falsch, aber doch von eher holprigem Satzbau und keineswegs von der Qualität, die man von einem "Feingeist" (und einem guten Lektor) erwarten würde.
So sehr Andreas Jacke das Triviale abzulehnen scheint, geht er ausgerechnet Spielberg offenbar auf den Leim: "THE PIANIST kam in der Kinogeschichte verhältnismäßig spät. Vor allem Steven Spielberg hatte neun Jahre zuvor mit SCHINDLER'S LIST (1993) das Thema in einer überdimensionalen Form so inszeniert, dass der definitive Film darüber, so glaubte man, damals bereits vorlag." (S. 223) Sofern hier "man" mit dem Autor gleichzusetzen ist, wäre dies doch ein Armutszeugnis.

Wirklich schlimm an dem Buch sind jedoch diverse Interpretationen, die oft genug an den Haaren herbeigezogen scheinen. Zwei Beispiele für viele:
"Polanski hielt sich eng an diese Vorlage (Anm.: Christopher Lee in Fishers DRACULA), als er seinen Graf von Krolock (Ferdy Mayne) entwarf. Ferdy Mayne kam aus Deutschland, emigrierte nach England und änderte dann seinen Namen. Er bekam später eine kleine Nebenrolle in Kubricks Film BARRY LYNDON (1975), in dem er einen preußischen Oberst spielte. Der Ire Lyndon erklärte ihm in einer kurzen Szene, dass er sogar zum Teufel gehen würde, um der preußischen Armee zu dienen. Dieser merkwürdige Dialog kann als direkte Anspielung auf DANCE OF THE VAMPIRES verstanden werden." (S. 64)
"CHINATOWN ist außerdem ungewöhnlich sorgfältig im symbolischen Bereich durchdacht (der Filmtitel beinhaltet sicherlich nicht zufällig den Namen Towne des Drehbuchautors)." (S. 122)

Es ist allerdings nicht alles schlecht in dieser Abhandlung. Seine Stärken spielt Andreas Jacke dort aus, wo er komparatistisch tätig werden kann, insbesondere im Kapitel über MACBETH, in dem er freilich Anknüpfungspunkte an Kurosawa und Welles findet und das insgesamt doch recht lesenswert ist. Völlig ins Absurde steigert sich sein Konzept allerdings in seiner "Betrachtung" von THE GHOST WRITER, den er zur damaligen Zeit noch gar nicht gesehen haben konnte und von dem er folgerichtig (noch unter dem Arbeits- und Romantitel THE GHOST) nur die Vorlage analysiert. Aber die traumatischen Seelenlandschaften des Roman Polanski scheinen für den Autor ohnehin primär durch die Wahl der Stoffe zu erblühen. Wer braucht da für eine Analyse noch einen Film?


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