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GEDRUCKTES IST TOT

LOST IN LYNCHWORLD (2005, 1. Auflage)
von Björn Eichstädt

Original Titel. LOST IN LYNCHWORLD
Seiten. 126

Autor. DOMINIK ORTH

Review Datum. 2006-08-07
Erscheinungsdatum Deutschland. 2005-11-01
Verlag. IBIDEM VERLAG

Erscheinungsformat. PAPERBACK
Sprache. DEUTSCH

Irritation und Verlorenheit. Das sind Gefühle, die wohl jeder schon erlebt hat, wenn er zum ersten Mal einen Film von David Lynch gesehen hat. Vor allem LOST HIGHWAY und MULHOLLAND DRIVE spielen mit den traditionellen Rezeptionserfahrungen des Zuschauers, schicken ihn auf falsche Fährten und darüber hinaus in ein tiefes, schwarzes Nichts. Erklärungen für die Handlung dieser Filme gibt es viele, die Ansätze werden in der Psychoanalyse, Psychiatrie oder auch Mythologie gesucht, der allgegenwärtige Symbolismus in Lynchs Filmen führt häufig zu Erklärungen, die sich bei erneuter Sichtung als unvollständig erweisen.

Dominik Orth beschäftigt sich in seinem wissenschaftlichen Buch LOST IN LYNCHWORLD, Untertitel Unzuverlässiges Erzählen in David Lynchs Lost Highway und Mulholland Drive, mit genau dieser Schwierigkeit. Warum verwirren Lynchs jüngste Werke unsere Realitätserfahrungen? Was ist der Grund für die Unmöglichkeit einer vollständigen Erklärung von LOST HIGHWAY und MULHOLLAND DRIVE? Der neue Zugang Orths gründet auf dem literaturwissenschaftlichen Konzept des unzuverlässigen Erzählens, dem Spiel mit verschiedenen Realitäten, der Nichtunterscheidung zwischen interner und externer Realität und der Nichtvereinbarkeit zwischen der "Weltsicht des Erzählers mit dem Wirklichkeitsmodell des Rezipienten".

Wer nun detaillierte Erklärungen zu Begebenheiten in Lynchs Filmen erwartet, wird über weite Strecken des Buchs enttäuscht. Denn Orth handelt vor allem die Zulässigkeit seines Konzepts ab, erläutert den Ansatz des unzuverlässigen Erzählen auf breiter Front. Was ist ein unzuverlässiger Erzähler? Und wie kann er als solcher enttarnt werden? Welche anderen Beispiele gibt es in der Kinogeschichte? Im Grunde, so Orth, ist der unzuverlässige Erzähler nur dann zu erkennen, wenn werkimmanent ein Bezugspunkt zur wirklichen Realität geknüpft wird. Als Beispiel ist FIGHT CLUB von David Fincher aufgeführt, der den Zuschauer lange Zeit im Unklaren über die Identität des Protagonisten Tyler Durden lässt, sie aber am Ende aufklärt und so die Unzuverlässigkeit des vorangegangenen Plots offenbart.

An diesem Punkt kommen Lynchs Filme endlich ins Spiel: Denn gerade die Bezugspunkte zur objektiven Realität fehlen vor allem bei LOST HIGHWAY komplett. So rettet sich Dominik Orth in eine gewagte These, um seine Grundidee der Übertragbarkeit des literaturwissenschaftlichen Konzepts vom unzuverlässigen Erzählen auch auf Lynch übertragen zu können. Zitat: "Denn die Unzuverlässigkeit bezieht sich in diesen Filmen Lynchs nicht mehr auf die Wahrheit einer sowieso nicht widerspruchsfreien naturalisierbaren erzählten Welt, sondern auf die Art und Weise der erzählerischen Vermittlung, auf die experimentelle erzählerische Konstruktion der Filme an sich, also auf die inkohärente Erzählweise, die weder die Rekonstruktion einer möglichen erzählten Welt zulässt, noch die Existenz einer Realität innerhalb der Fiktion als wahrscheinlich erscheinen lässt."

Das ist schön, aber schon wieder mit so viel wenn und aber versehen, dass auch dieses Buch schließlich nur ein weiterer Puzzlestein im Kosmos der wissenschaftlichen Erklärungsmodelle für Lynchs Filme ist. Eine Lösung scheint auch Orths teilweise sehr gezwungener Ansatz nicht zu bieten. Für Freunde des wissenschaftlichen Diskurses ist das Buch also durchaus zu empfehlen, wer eine finale Erklärung für Lynchs Filme sucht, sollte lieber die Finger von dem Band lassen.


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