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GEDRUCKTES IST TOT

1001 FILME - DIE BESTEN FILME ALLER ZEITEN (2005, 2. Auflage)
von Matthias Mahr

Original Titel. 1001 MOVIES YOU MUST SEE BEFORE YOU DIE
Seiten. 960

Autor. STEVEN J. SCHNEIDER

Review Datum. 2006-05-07
Erscheinungsdatum Deutschland. 2005-12-01
Verlag. EDITION OLMS AG, ZÜRICH

Erscheinungsformat. PAPERBACK
Sprache. DEUTSCH

Die Filme werden nach Jahren geordnet jeweils auf ½ bis 2 Seiten mit Infokasten, Kritik und in vielen Fällen Naheliegenderweise auch Bildern vorgestellt. Ein Genreregister zu Beginn und je eines für Titel und Regisseure am Ende sollten leichtes Auffinden bestimmter Titel gewährleisten. Die vorliegende 2. Auflage berücksichtigt Werke bis einschließlich 2004.
Um den im Untertitel gestellte Anspruch bestmöglich zu erfüllen wurde die Liste von einem breiten Gremium professioneller Kritiker erstellt, die diverse kursierende Kanons um ihre persönlichen Lieblingsfilme ergänzten. Dass bei so einer Herangehensweise (oder eigentlich ehrlich gestanden auch bei jeder anderen) immer wichtige Filme durchs subjektive Raster fallen ist selbstverständlich, dies räumt auch der Herausgeber im Vorwort ein. Dennoch vergleicht er die getroffene Auswahl selbstsicher mit einer Speisekarte [...] auf der jedes Gericht ein Treffer ist und versichert zudem über Genregrenzen und Epochen alle Formen in gleicher Weise zu berücksichtigen. Stolz scheint er darauf zu sein, selbst Animationsfilme, den Asiatischen Raum und Stummfilme abzudecken.

Dennoch fällt bei Durchsicht der Auswahl aus, dass dieses Versprechen nicht wirklich eingelöst werden konnte. Dies liegt wohl zum einen an der Majorität an Nordamerikanischen und Britischen Autoren, die eine starke Hollywood-Lastigkeit erkennen lassen. Unter den 41 ausgewiesenen Western finden sich abgesehen von DELICATESSEN (???) gerade mal zwei Europäische (Co-) Produktionen, die allseits bekannten und beliebten Leone-Klassiker SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD und ZWEI GLORREICHE HALUNKEN. Selbst eine Granate wie der (im Angloamerikanischen Raum zugegeben relativ unbekannte) LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG bleibt unberücksichtigt. Noch schlimmer fällt ins Gewicht, dass anscheinend ausschließlich Leute integriert wurden, die sich mit Filmen im Allgemeinen befassen. Wahre Spezialisten etwa der von Steven Jay Schneider etwas borniert als "exotisch" abgetanene Bereiche hätten wohl kaum auf Filme wie WATERSHIP DOWN, WHEN THE WIND BLOWS oder DAS GROSSE RENNEN VON BELLEVILLE (Zeichentrick), TOKYO DRIFTER, LADY SNOWBLOOD oder DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN (Asiatischer Film) bzw. DER MÜDE TOD, ENGELEIN oder LADY WINDERMERE'S FAN (Stummfilm) vergessen. Echte Geheimtipps findet man selten. Ins Auge gefallen ist etwa TAUSENDSCHÖNCHEN, ein fabelhafter Tschechischer Film von 1966, dessen Nennung mehr als verdient ist, der ganz ohne Festivalpreis aber nur allzu leicht unterm Radar hätte durchfliegen können. Auffällig ist hingegen eine stattliche Menge an ausgewählten Filmen, die auf Gründen von technischen Innovationen oder weil sie einen Genreboom ausgelöst haben eine gewisse Berechtigung hätten, davon abgesehen aber zumindest in einer so engen Auswahl von nur 1001 anfechtbar wären. THE JAZZSINGER, A HARD DAY'S NIGHT (während YELLOW SUBMARINE sich nicht findet!), TOP GUN, JURASSIC PARK, SCREAM oder GLADIATOR um nur einige zu nennen. Abgesehen davon, dass bei so einem Focus die Nicht-Berücksichtigung etwa eines Lumière-Films oder des "Cinemascope-Mantels" doch sehr fragwürdig erscheint, widerspricht dies auch dem im Vorwort vollmundig versprochenem "Jeder Film ein Treffer". Das so was "objektiv" gar nicht möglich ist, versteht sich von selbst, doch finden sich u.A. mit MANHUNT (1986), ANNIES MÄNNER, BIG, INDEPENDENCE DAY und MEET THE PARENTS auch so manche Werke auf der "Speisekarte" aus denen wohl so mancher am Liebsten einen Gurkensalat machen würde.
Der Informationsgehalt richtet sich eher an den Laien. Längenangaben erfolgen ausschließlich in Minuten, was zumindest im Stummfilmbereich reiner Schwachsinn ist. (Aufnahme- und Abspielgeschwindigkeit war wegen des Filmtransports in der Kamera per Handkurbel nie normiert.) Sie beziehen sich im Übrigen auf die (ebendort mitunter fragwürdig überlieferte) ursprüngliche Theaterfassung. (In relativ wenigen Fällen, etwa bei Jacksons HERR DER RINGE, werden zusätzliche Alternativlängen im Kästchen angegeben, sonst meist im Text erwähnt.) Die bei Stummfilmen erwähnten Farbfassungen beziehen sich hingegen auf heute überliefertes Quellmaterial. Es ist kaum anzunehmen, dass LES VAMPIRES ursprünglich in s/w im Kino lief, nur hat halt keine viragierte Kopie die Zeit überdauert. Diese Angabe geht schon in Ordnung (auch, dass beim CALIGARI der Einfachheit halber lediglich "viragiert" steht, wo doch zumindestens die BAFA-Quelle auch Tonungen enthält), es soll nur verdeutlicht werden, dass hier unmittelbar nebeneinander Äpfel mit Birnen vermischt werden. Im eigentlichen Text bemühen sich die Autoren recht erfolgreich die Filme einen kompakt näher zu bringen wo dies möglich auch kuriose Anekdoten zu erzählen. Manches ist etwas simplifiziert. Etwa wenn geschrieben steht: Tabu ist der letzte Film des Regisseurs F.W. Murnau [...]. Er lebte nicht lange genug, um Tonfilme zu drehen - er verunglückte [...] eine Woche vor der New Yorker Premiere. Stimmt im Wesentlichen, möglicherweise hätte er sich in den Folgejahren auch zum Tonfilm bekehren lassen. Fest steht jedoch, dass er aus innerer Überzeugung weiterhin Stummfilme drehte. TABU kam 1931 heraus! Die Möglichkeit Tonfilme zu drehen hätte er also durchaus gehabt. In anderen Fällen fällt die Formulierung etwas arg euphorisch aus. (Ganz klares jawohl! RAN ist ein großartiges Meisterwerk. Aber etwas dezenter hätte man das doch ausdrücken können.) Und alles weiß man schließlich auch nicht. Vollmundig wird am rückseitigen Cover versprochen: Schlagen Sie dieses Mammut-Buch an einer beliebigen Seite auf und sie finden die wichtigsten Daten über einen Film plus einige Fakten, die Sie vielleicht überraschen werden. Dass sich beim zugegeben oft imitierten RESERVOIR DOGS keinerlei Hinweis auf CITY ON FIRE findet mag vermutlich auch überraschen.
Zu Beginn wurde hier behauptet, die Register sollten ein leichtes Auffinden der Filme ermöglichen. Der Konjunktiv wurde leider nicht ohne Grund gewählt. Der Titelindex weißt nur deutsche Titel aus. Kennt man von einem Film nur den Originalname steht man an. Und ganz ehrlich: wem sagen HEISSES EISEN oder DIE SATANSWEIBER VON TITTFIELD etwas? Aber selbst wenn man von DELIVERANCE den im TV zumeist üblichen deutschen Titel BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE kennt, hat man den Film noch nicht zwangsläufig gefunden. Statt deutsche Alternativtitel getrennt einzuordnen, werden sie beide unter einem Eintrag gemeinsam geführt. Nur unter F findet man deshalb "Flussfahrt / Beim Sterben ist Jeder der Erste". Im Gegensatz zum Regisseur-Register ist man bei den Titeln wenigstens auf dem neuersten Stand. Ab Anfang der 90er Jahre wurde offenbar noch kurz vor Drucklegung viel umgeschichtet. Miike Takashi findet sich etwa im Register ohne das ein Film von ihm vorgestellt wird, vermutlich wurde sein AUDITION in letzter Minute noch zugunsten von OLD BOY gekickt, Park Chan-wook wird hinten nämlich nicht genannt. Durch solche Änderungen verschieben sich natürlich auch alle anderen Beiträge, sodass die Seitenangaben gegen Ende durchgehend falsch sind. Letztendlich findet man viele Filme am leichtesten indem man in anderen Druckwerken oder im Internet erst mal die Jahreszahl eruiert.

Auch wenn hier jetzt einige Mängel angeführt wurden, muss man doch zugeben, dass die Erstellung eines solch umfangreichen Kompendium keine leichte Sache ist. Viele Menschen, die auf der Suche nach den "essenziellen" Filmen (respektive jenen, die von Vielen als solche angesehen werden) sind, werden hiermit auch eine große Freude haben. Für den Film-Buff mag viel herumgeschleppt werden, was so bekannt ist, dass man es nur als Ballast empfinden kann. Müssen denn wirklich STAR WARS und LOTR gleich je drei der 1001 Plätze belegen? Wäre man da nicht mit vier echten "Geheimtipps" besser bedient? Die hohen Ziele, die Mr. Schneider im Vorwort setzt, muss man als gescheitert annehmen. Dass man auch als versierter Cineast die eine oder andere Anregung aus diesem Buch mitnehmen kann versteht sich von selbst, primär richtet es sich aber doch an eine Leserschaft, die etwas weniger Ahnung vom Medium hat. Wem es aber nicht primär darum geht die "ultimative Enzyklopädie" zum Thema zu erstehen sondern etwas zum Schmökern haben will liegt mit dem Buch auch anderenfalls so verkehrt nicht.


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