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YOUNG ADULT (USA 2011)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. YOUNG ADULT
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. JASON REITMAN
Drehbuch. DIABLO CODY
Musik. ROLFE KENT
Kamera. ERIC STEELBERG
Schnitt. DANA E. GLAUBERMAN
Darsteller. CHARLIZE THERON . PATTON OSWALT . PATRICK WILSON . ELISABETH REASER u.a.

Review Datum. 2012-02-23
Kinostart Deutschland. 2012-02-23

Mavis Gary, Ghostwriterin einer erfolgreichen Teenie-Buchreihe, ist Ende 30, Alkoholikerin und frisch geschieden. Aus einer Massen-Email erfährt sie, dass ihre Jugendliebe Buddy Slade (Patrick Wilson) und seine Frau ihr erstes Kind bekommen haben. Mavis setzt sich in den Kopf, Buddy, der in ihren Augen in seiner Ehe gefangen und unglücklich ist, zurückzugewinnen und kehrt von Minneapolis zurück an ihren Heimatort, die Kleinstadt Mercury. Dort nutzt sie jede Gelegenheit, Zeit mit Buddy zu verbringen und sieht selbst einen Auftritt der Band seiner Frau oder die Tauf-Zeremonie seines Kindes noch als Chance für weitere wenig subtile Annäherungsversuche. Zwischendurch betrinkt sie sich mit ihrem ehemaligen Mitschüler Matt Freehauf (Patton Oswalt). Matt wurde in der Schule für schwul gehalten und von seinen Mitschülern zusammengeschlagen, sodass er noch immer gehbehindert ist, wohnt jetzt mit seiner Schwester zusammen und verbringt seine Freizeit damit, Teile verschiedener Actionfiguren zu neuen Kreationen zusammenzulöten und - für Mavis wohl der Hauptgrund, Zeit mit ihm zu verbringen - seinen eigenen Schnaps zu brennen.

Die Zusammenarbeit von Diablo Cody und Jason Reitman ruft natürlich JUNO ins Gedächtnis, doch YOUNG ADULT ist weniger Nachfolger als vielmehr Gegenentwurf zur 2007er Feelgood-Komödie: War Juno noch eine durch und durch liebenswerte Heldin, die ihrem Alter voraus war und für die ihre Teenager-Jahre eher ein Hindernis waren, das es zu überwinden galt, ist Mavis Gary eine zynische, verbitterte Figur, die ihre Highschool-Zeit als den Höhepunkt ihres Lebens sieht und sich noch immer für die prom queen hält, zu der alle anderen auf sehen. Dass sie in dieser Ansicht am Ende des Films von einer Figur, die Mavis' Verhalten seit ihrer Rückkehr nicht miterlebt hat, noch bestärkt wird, macht ihren Realitätsverlust nur noch tragischer: Aus ihrem selbstzerstörerischen Trip zieht sie letztlich keine Lehre, ihr Hilferuf bleibt unerhört.

Es ist nicht im eigentlichen Sinne befriedigend, aber durchaus erfrischend, wie sich Codys Drehbuch klassischen Hollywood-Strukturen und echter Charakter-Entwicklung verweigert. Vieles bleibt in YOUNG ADULT unausgesprochen, unbeantwortet, undefiniert. So auch Mavis' "Beziehung" mit Matt: Nach einer der deprimierenderen Sex-Szenen der Kinogeschichte hört die gemeinsame Geschichte der beiden mit Mavis' Rückkehr nach Minneapolis einfach auf, eine Antwort auf die Frage, ob und was die Beziehung für Mavis bedeutet hat, bleibt der Film schuldig und das ist gut so: Cody hat kein Interesse daran, ihre Hauptfigur am Ende eine Wandlung zum Positiven durchmachen zu lassen und das Publikum so mit einem guten Gefühl zu entlassen - eben Erwartungen zu erfüllen.
Eine nicht weniger tragische Figur ist Matt, in gewisser Weise die Antwort auf die Seth Rogens dieser Welt, die sympathischen man children, die mit Mitte 30 noch leben wie mit Anfang 20 und sich bewusst weigern, erwachsen zu werden. Matt hat es nicht geschafft, aus seinem Nerd-Eremiten-Dasein auszubrechen, er hängt wie Mavis seiner Highschool-Zeit nach, doch für ihn ist sie vor allem ein Trauma, das er nie überwunden hat. Mavis gehört zu genau der Gruppe Menschen, die für dieses Trauma verantwortlich sind und trotzdem fühlt er sich zu ihr hingezogen ("Guys like me are born loving women like you." sagt er gegen Ende, wohl einer der klügsten Sätze, die man seit langem im Kino hören durfte).

Dass ein Film getragen von so problematischen Figuren (Matt ist anders als Mavis zwar durchaus sympathisch, aber ebenso verbittert und zynisch) nicht nur funktioniert, sondern auch noch äußerst komisch ist, ist Diablo Codys gewohnt authentischen, pointierten Dialogen ebenso zu verdanken wie den Darstellern: Theron gibt Mavis eine Verletzlichkeit, die bei aller Antipathie gegenüber der Figur dennoch stellenweise Mitgefühl weckt, Oswalt spielt Matt mit genau dem Sarkasmus, aber auch genau der Wärme, die man von seinen großartigen Liveprogrammen kennt und im Zusammenspiel entwickeln sie eine Dynamik, die man von diesem doch sehr ungleichen Leinwandpaar wohl nicht erwartet hätte (dass keiner von beiden für einen Oscar nominiert wurde gehört zu den größten Fehlentscheidungen der Academy in diesem Jahr).

Reitman selbst hält sich dieses Mal angenehm zurück, dem Hochglanz-Look seiner bisherigen Filme steht ein rauerer, schnörkelloser entgegen. Von der erneut sehr schönen Titelsequenz abgesehen bietet YOUNG ADULT sicher keine beeindruckenden, einprägsamen Bilder. Seine Geschichte erzählt der Film eben über die Dialoge und das Spiel seiner Darsteller und, ein Stück weit, über seinen Soundtrack. Der untermalt zwar etwas plakativ, aber auch äußerst pointiert Mavis fehlgeleitete Sehnsucht nach der Vergangenheit und darf auch als ein Kommentar zur gerade allerorten grassierenden 90er-Nostalgie interpretiert werden, wenn beispielsweise Buddy Slades Frau (Elizabeth Reaser) mit ihrer ausschließlich aus jungen Müttern bestehenden Band gerade den Song covert, der Mavis zuvor an ihre besten Jahre mit Buddy als das coolste Paar der Highschool erinnerte (The Concept von Teenage Fanclub, das als eine Art ironischer Theme-Song für Mavis fungiert).

In Reitmans Filmographie ist YOUNG ADULT ein kleiner Bruch, er hat seine comfort zone verlassen und einen sperrigeren, aber auch komplexeren Film als seine bisherigen Werke gedreht. Dass das Drehbuch erneut von Cody stammt beweist ihre Vielseitigkeit und unterstreicht nach ihrer großartigen Serie UNITED STATES OF TARA erneut, dass sie zur Zeit zu den interessantesten Autorinnen Hollywoods gehört.











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