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VENGEANCE (Hong Kong/Frankreich 2009)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. VENGEANCE
Laufzeit in Minuten. 108

Regie. JOHNNIE TO
Drehbuch. KA-FAI WAI
Musik. TAYU LO
Kamera. SIU-KEUNG CHENG
Schnitt. DAVID M. RICHARDSON
Darsteller. JOHNNY HALLYDAY . ANTHONY WONG . SIMON YAM . SYLVIE TESTUD u.a.

Review Datum. 2009-11-23
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Der französische Koch Costello kommt nach Macau, wo seine Tochter schwer verletzt nach einem brutalen Überfall im Krankenhaus liegt. Seine beiden Enkelkinder und sein Schwiegersohn wurden bei dem Überfall erschossen. Seine Tochter bittet ihn um Rache. Das lässt sich der ältere Herr nicht zweimal sagen, immerhin war er in jüngeren Jahren Berufskiller. Aber in Macau kennt er sich nicht aus. Glücklicherweise beobachtet er in seinem Hotel einen Mord. Er stellt den drei Killern nach und heuert sie an. All sein Geld und sein Restaurant will er ihnen überlassen. Zu viert machen sie sich an die Recherchen, die sie bald nach Hongkong führen. Die Zeit drängt, denn Costello hat nicht nur Rache im Kopf, sondern auch eine Kugel. Er verliert sein Gedächtnis und muss sich mit beschrifteten Fotos immer wieder daran erinnern, was er tun wollte, wer Freund und wer Feind ist. Die Frage ist berechtigt, denn es stellt sich heraus, dass hinter dem Überfall auf seine Familie der Boss der Männer steckt, die nun in Costellos Diensten stehen.

Ursprünglich war Alain Delon für den Part des Costello vorgesehen, schließlich teilt sich die Figur Nachnamen und Garderobe mit seiner Killer-Rolle in DER EISKALTE ENGEL. Als er absprang, ging die Rolle an Johnny Hallyday, den französischen Elvis. Im Gegensatz zum amerikanischen Elvis lebt der französische noch, auch wenn man das an seiner Mimik nicht immer ablesen kann. Ob Hallyday ein begnadeter Schauspieler ist, ist allerdings für VENGEANCE überhaupt nicht von Belang. Er ist einfach 'ne Type, und zwar genau die richtige Type für diesen Film. Seine raspelnde Stimme und sein geraspeltes Gesicht beherrschen die Leinwand anscheinend ohne Anstrengung. Wo andere Filme Landschaftsaufnahmen haben, hat VENGEANCE das Gesicht von Johnny Hallyday. Seine knappen, melodischen Sätze in angenehm französischem Englisch sind wie eine zweite Filmmusik. Das Krachen der wohldosierten Schießereien ist eine dritte. Johnnie To setzt sie kunstvoll abstrakt in Szene, bisweilen ohne die Schießenden oder Beschossenen direkt im Bild zu haben. Andere Details scheinen ihm dann wichtiger, wie ihm überhaupt andere Dinge wichtiger scheinen, als einen pulverdampfenden Action-Film der leichten Lösungen abzuliefern. Wenn er mit Costello einen Rächer zeigt, der öfter mal vergisst, wen er rächen will und warum, stellt er die Frage nach dem Sinn von Rache oder der Legitimität von Gegengewalt glaubwürdiger als thematisch ähnliche Filme, die ihre Protagonisten allenfalls mit ein paar Gewissensbissen von der Stange ausstatten. Dennoch werden Genrekonventionen nicht komplett über Bord geworfen. Es kommt zum befriedigenden finalen Shoot-out, aber das clevere Skript öffnet ungeahnte Interpretationsmöglichkeiten, wer schlussendlich wen in wessen Namen rächt.

Dass Hallyday bestens kompatibel ist mit dem Rest des Ensembles, größtenteils Wiederholungstäter aus dem Johnnie-To-Universum, ist essenziell wichtig für das Gelingen des Unterfangens. Denn natürlich ist dies in erster Linie ein Film über Männerfreundschaft und Loyalität, kommt schließlich aus Hongkong. Das sentimentale Beharren auf blutsbrüderliche Männerideale ist inzwischen eines der verzichtbarsten Klischees des Hongkong-Kinos. Man mag sie nicht mehr sehen, die Schwarz/weiß-Rückblenden kurz vor Abspann, die unsere Kumpels nochmal in Zeitlupe scherzend und lachend in besseren Zeiten zeigen, bevor sie sich leider gegenseitig abknallen mussten, weil Geld, Frauen und Verpflichtungen zwischen sie gekommen waren.
VENGEANCE triumphiert, weil er nicht zeigt, wie Männerfreundschaft vordergründig zelebriert wird, sondern wie sie entsteht. Costello und die chinesischen Killer haben zunächst eine reine Geschäftsbeziehung, aber sie kommen einander schnell näher – nicht mit vielen Worten und großen Taten, sondern jeweils mit den richtigen. Das geht zu Herzen ohne das Gehirn zu beleidigen, und es hallt lange nach. Viel länger als jede Schießerei.











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