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UNTIL THE LIGHT TAKES US (USA 2008)

von Stefan Mader

Original Titel. UNTIL THE LIGHT TAKES US
Laufzeit in Minuten. 93

Regie. AARON AITES . AUDREY EWELL
Drehbuch. -
Musik. diverse
Kamera. AUDREY EWELL . ODD REINHARDT NICOLAYSEN
Schnitt. ANDREW FORD
Darsteller. GYLVE NAGELL . JAN AXEL BLOMBERG . VARG VIKERNES . BJARNE MELGAARD u.a.

Review Datum. 2010-08-26
Kinostart Deutschland. 2010-08-12

Black Metal ist kalte, hässliche, böse Musik.
Black Metal war in seinen Anfängen eine authentische Innovation.
Black Metal wurde aber auch Brandstiftung, Selbstmord und Mord und nicht zuletzt dadurch, so grotesk es klingen mag, auch zum Trend.

Wie es scheint sind es vermehrt Nordamerikaner, die dem Mythos Black Metal auf den Grund gehen wollen. Egal ob Michael Moynihan (LORDS OF CHAOS), Sam Dunn (METAL - A HEADBANGER'S JOURNEY) oder nun eben Aaron Aites und Audrey Ewell mit UNTIL THE LIGHT TAKES US - in der neuen Welt scheint man sich besonders für das musikalische Schreckgespenst schlechthin zu interessieren.
Zum Teil mag dies dem vollständigen Fehlen richtungsweisender Genrevertreter in Amerika geschuldet sein - was Black Metal angeht ist man jenseits des großen Teiches Zaungast - andererseits ist die Faszination, die Black Metal auf das Regieduo Aites/Ewell ausübt, leicht nachzuvollziehen. Die ungeschliffene Rohheit und die morbide Ästhetik, die den norwegischen Underground der frühen 90er auszeichneten, haben auch knapp zwanzig Jahre später nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Doch so wie die Zeit die attraktiven Seiten des Black Metal unberührt lässt, werden gleichsam auch die scheußlichen Auswüchse nicht gemildert. Die zwei Morde und zig Kirchenbrandstiftungen, die 1992-93 von Mitgliedern der norwegischen Black-Metal-Szene verübt wurden, waren damals verwerflich und sind es heute noch. Aus der naiven Authentizität gerade mal dem Teenageralter entwachsener Männer wurde plötzlich tödlicher Ernst und es ist eines der größten Armutszeugnisse der Szene, dass viele Musiker sich bis heute nicht von den Taten ihrer Kumpane distanzieren können oder wollen.

Genau hier soll auch meine Kritik an UNTIL THE LIGHT TAKES US einhaken, denn die Regisseure achten peinlichst genau darauf, das Gezeigte und Gesagte in keiner Weise zu kommentieren. Während dies einem mündigen Publikum zunächst nur recht sein kann, käme ein kritischer Kommentar mit fortlaufender Dauer des Films mitunter doch gelegen, um so mancher haarsträubender Wortspende einen kontrastierenden Blickwinkel entgegenzusetzen. Etwa wenn Mayhem-Drummer Hellhammer sich heiter an minderjährige Copycats erinnert, die eine Kirche anzünden wollten, um seinen Bandchef Euronymus zu beeindrucken. Oder wenn Varg Vikernes seine Brandstiftungen unwidersprochen als Vergeltung für die Unterdrückung der norwegischen Kultur durch das Christentum rechtfertigen will. Oder wenn er im Detail erklärt, wie er den Mord an Euronymus nun genau begangen hat… In Vikernes' Fall geht die Distanz zum Interviewten am eklatantesten verloren, gibt es letztlich eher Wasser auf die Mühlen der Heldenverehrung, die diesem Mann unverständlicherweise immer noch zuteil wird, während gleichzeitig vergessen wird zu erwähnen, dass Vikernes während seiner Haft vornehmlich mit esoterischem UFO-Mumpitz, rassistischen Traktaten und aktiver Mitarbeit bei Nazi-Gruppierungen auf sich aufmerksam machte.
Ein unverzeihlicher faux-pas, der den Film auf ganzer Linie disqualifizieren würde, kämen nicht auch Leute zu Wort, die zu kritischer Reflexion über die damaligen Geschehnisse fähig sind. Dementsprechend besser funktioniert das Konzept des Redenlassens dann auch bei Fenriz, dem Kopf der Genre-Mitbegründer Darkthrone, der über die musikalische Entwicklung des Stils aus erster Hand zu berichten weiß und darüber hinaus einige erwachsene Einsichten zu der Frage, was die heutige Szene noch mit den ursprünglichen Ideen zu tun habe, beisteuert. Doch selbst in den Interviews mit Fenriz gelingt es nicht, die quintessenzielle Frage nach dem Warum zu beantworten - warum es ausgerechnet in diesem kreativen Umfeld zu massiver, gewalttätiger Eskalation kam.

Zunächst vielversprechend ist auch der Ansatz, den sekundären kulturellen Einfluss des Black Metal unter Einbeziehung des Künstlers Bjarne Melgaard, dem Ästhetik und Symbolismus des norwegischen Undergrounds als Inspiration dienen, bestimmen zu wollen. Dessen Interpretationswut bei gleichzeitiger Fokussierung auf altbekannte Motive stoßen bei Fenriz, als er Melgaards Ausstellung besucht, allerdings auf leicht süffisante Ratlosigkeit: "It's not like I don't see these images every fuckin' day..."
Es ist eine Szene, die vielleicht sinnbildlich für UNTIL THE LIGHT TAKES US verstanden werden kann: Ein ambitioniertes Projekt, das allerdings nicht genau weiß, wohin es will und sich zu sehr auf plakative Aspekte stützt, während es die erhofften neuen Erkenntnisse schuldig bleibt.











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