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TURBO KID (Kanada/Neuseeland 2015)

von André Becker

Original Titel. TURBO KID
Laufzeit in Minuten. 93

Regie. FRANCOIS SIMARD . ANOUK WHISSELL . YOANN-KARL WHISSELL
Drehbuch. FRANCOIS SIMARD . ANOUK WHISSELL . YOANN-KARL WHISSELL
Musik. JEAN-PHILIPPE BERNIER . JEAN-NICOLAS LEUPI
Kamera. JEAN-PHILIPPE BERNIER
Schnitt. LUKE HAIGH
Darsteller. MUNRO CHAMBERS . LAURENCE LEBOEUF . MICHAEL IRONSIDE . EDWIN WRIGHT u.a.

Review Datum. 2015-10-21
Kinostart Deutschland. 2015-10-22

Postapokalyptische Themen waren insbesondere im Kino der achtziger Jahre beliebte Projektionsflächen für die zu diesem Zeitraum grassierenden Urängste westlicher Gesellschaften. Das Ende der Welt, es war durch die Bedrohungsszenarien des kalten Krieges mehr als greifbar. Weitere politische und soziale Entwicklungen lieferten den Stoff für unzählige großangelegte, aber noch viel mehr kleiner skalierte Filmvisionen, die ein äußerst düsteres Zukunftsbild zeichneten. Die Menschheit zurückgeworfen und in karge Wüstenlandschaften katapultiert. Der Kampf um Wasser, oder Öl die zentrale Antriebsfeder des Daseins, marodierende und plündernde Banden allgegenwärtig. Dies war die Welt bahnbrechender Meilensteine wie MAD MAX - THE ROAD WARRIOR, oder grobschlächtiger Werke aus der Kategorie Guilty pleasure wie THE RIFFS oder DER KAMPFKOLOSS. Dies ist auch die (staubige) Welt von TURBO KID. Eine mit viel Hingabe zum Detail und Genre-Kenntnis gefilmte Hommage an die glorreichen Zeiten des Endzeitkinos.

Wir schreiben das Jahr 1997. Die Weltordnung ist zusammengebrochen, das Wasser chronisch knapp und die wenigen besiedelten Gebiete in den Händen skrupelloser Tyrannen. In dieser lebensfeindlichen Umgebung hat sich der junge Träumer und Comic-Fan Kid (klasse besetzt: Munro Chambers) eine halbwegs sichere Existenz aufgebaut. Tagsüber durchstreift er mit seinem BMX-Rad die Gegend um verwertbare Gegenstände aufzutreiben, die er auf dem lokalen Markt verscheuern kann. Nachts bietet ihm eine unterirdische Behausung Schutz vor den herumziehenden Banden und dem unwirtlichen Wetter. Sein Leben ändert sich schlagartig als er auf das junges Mädchen Apple (zuckersüße Performance: Laurence Laboeuf) trifft, die kurze Zeit später vom lokalen Gang-Boss Zeus (als Arschloch vom Dienst: Michael Ironside) entführt wird und in einer Arena gegen mordlüsterne Kampfmaschinen antreten soll. Kid überlegt nicht lange und beschließt seine neue Freundin zu retten, koste es was es wolle. Nur gut, dass er durch Zufall einen mit Spezialkräften ausgestatteten Kampfanzug gefunden hat. Die Befreiungsaktion wird jedoch schwieriger als gedacht, denn seine Gegner sind nicht nur zahlenmäßig überlegen, sondern verfügen zudem über ausgesprochen fiese Wunderwaffen.

TURBO KID ist purer Wahnsinn. Von der ersten Minute an drückt das Regie-Trio François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell mächtig aufs Gaspedal und schickt seine jugendliche Hauptfigur auf eine mitreißende Heldenreise voller abgedrehter Ideen und rasanter Actionszenen. Immer mit einem Augenzwinkern und zitatreich inszeniert setzt der Film seinen stilechten Retro-Look auf ausgesprochen charmante Weise ein. Ganz konkret bedeutet dies, dass tatsächlich ein Feeling aufkommt, als würde man ein B-Movie aus den seligen achtziger Jahren mit allen genretypischen Ingredienzen bestaunen.

Der Low-Budget-Film, der trotz budgetbedingter, produktionstechnischer Einschränkungen nie billig ausschaut, hat unzählige originelle Ideen zu bieten, die von den Machern mal zurückhaltend und mal offensiv als Trümpfe ausgespielt werden. Angefangen beim poppigen Kampfanzug des Helden, über die abgefahrenen Waffen (abschussbereite Kreissägen, ein Nunchaku aus Hämmern etc.) bis hin zu den kreativ ausgeführten Splatterszenen. Weiterhin punktet der Film vor allem mit seinen sympathischen Darstellern. Insbesondere das Gespann Chambers und Laboeuf harmoniert prima miteinander und sorgt dafür, dass einem der Cast gleich mächtig ans Herz wächst.

TURBO KID erfreut zudem den Genre-Fan mit einer Vielzahl handgemachter Effekte, die ohne sichtbare CGI-Sperenzchen auskommen und besonders im letzten Drittel (und natürlich im brachialen Showdown) deutlich an Quantität und Qualität zunehmen und diesbezüglich immer extremere Ausmaße annehmen. Obwohl literweise Kunstblut fließt wirkt der Film mit seinen BMX-Verfolgungsjagden, den verspielt-witzigen Dialogen und seinen liebenswerten Figuren nicht wie eine düstere Endzeitvision, sondern eher wie ein unschuldig-naiver Tagtraum eines Kindes, dass zu viele Superheldencomics und Popcorn konsumiert hat. Fürwahr, Splatterfilm und putzige Niedlichkeit gehen hier Seite an Seite und das erstaunliche daran ist, dass es tatsächlich hervorragend funktioniert.

Lediglich die immer gleichen Settings der Marke Schrottplatz mit umgekippten Einkaufswagen sind ein wenig eintönig, was den Filmspaß aber keinesfalls nachhaltig schädigt. Insgesamt schafft es die, auf zahlreichen Festivals mit Preisen überhäufte, Produktion sehr schnell ihr Publikum zu begeistern und dieses Gefühl über die gesamte Laufzeit präsent zu halten. Ein toller, bombastisch unterhaltsamer Film, der aus jeder Pore das Herzblut aller Beteiligten atmet. Ein waschechter Crowd pleaser der nicht nur dazu einlädt, sondern der es auch zu 100% verdient hat ausgiebig gefeiert zu werden.











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