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TRUE LOVE WAYS (Deutschland 2014)

von André Becker

Original Titel. TRUE LOVE WAYS
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. MATHIEU SEILER
Drehbuch. MATHIEU SEILER
Musik. BEAT SOLER
Kamera. OLIVER GEISSLER
Schnitt. SARAH CLARA WEBER
Darsteller. ANNA HAUSBURG . DAVID C. BUNNERS . KAI-MICHAEL MÜLLER . BEAT MARTI u.a.

Review Datum. 2015-09-29
Kinostart Deutschland. 2015-10-01

Mathieu Seilers neueste Regiearbeit TRUE LOVE WAYS gleicht in all ihrer verspielten Unergründlichkeit einem abstrakten Kunstwerk. Ein Film voller verschachtelter und hochästhetischer Traumbilder, die der Regisseur in fast jeder Einstellung mit Bedeutung und erotischer Spannung auflädt. Tief verästelt an den Grenzen von experimentierfreudigem Arthouse und grimmiger Exploitation zieht der in schwarzweiß gedrehte Indie-Film in langen, fast statisch anmutenden Bildkompositionen einen dichten, nebulösen Schleier über seine Geschichte. Zwischen Traum und Wirklichkeit, unausgesprochener Sehnsüchte und todbringender Katharsis wird der Zuschauer auf einen eindringlich gefilmten, rauschartigen Trip voller morbider Poesie geschickt.

Im Zentrum steht Séverine (Anna Hausburg), eine selbstbewusste Frau, die von Albträumen heimgesucht wird und die gleich zu Beginn des Films die Beziehung mit ihrem Freund Tom (Kai-Michael Müller) beendet. Dieser ist allerdings nicht bereit, seine große Liebe einfach so ziehen zu lassen. In einer Bar schmiedet er zusammen mit einem mysteriösen, fremden Mann (David C. Bunners) einen Plan, wie er seine Freundin zurückgewinnen kann. Ein fingierter Überfall soll Tom als Retter in der Not etablieren und es ihm so ermöglichen seine Verflossene zurückzuerobern. Hinter dem Plan des Fremden steckt jedoch weitaus mehr. Schneller als ihr lieb ist befindet sich die junge Frau in den Fängen einer skrupellosen Snuff-Film-Bande, die darauf aus ist, sie vor laufender Kamera umzubringen.

Die reichlich dünne Story ist sicherlich der größte Schwachpunkt der deutschen Produktion. Letztlich geht es TRUE LOVE WAYS aber gar nicht darum eine komplett nachvollziehbare Handlung zu erzählen. Vielmehr dient die inhaltliche Ebene als Form, in die Seiler seine zutiefst ästhetischen Bilder gießt und mit mehrdeutigen Assoziationen anreichert. Mitunter bleibt dabei unklar, was wahr und echt und was der blühenden Vorstellungskraft der Protagonistin entspringt. Dies erschwert streckenweise den Zugang zum Geschehen und hält den Rezipienten auf Distanz. Die Überbrückung dieser Distanz, sprich dass sich Einlassen auf das Gezeigte und das lediglich Angedeutete wird aber belohnt. Seiler eröffnet seinem Publikum eine unwirkliche und doch tief in der Realität verankerte Welt, in der das Schöne und abgrundtief Böse manchmal nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt liegen.

Einen entscheidenden Anteil an der Faszination, die TRUE LOVE WAYS sehr schnell auf sein Publikum ausübt, hat zweifelsohne Hauptdarstellerin Anna Hausburg. Ihrem nuancierten Spiel, das die Kamera in allen nur erdenklichen Perspektiven abbildet, ist es zu verdanken, dass Séverine verletzlich und stark zugleich wirkt und ihre dunkle Seite, die im Filmverlauf immer stärker zutage tritt, schlussendlich mit glaubhaft ambivalenten Zügen dargestellt wird. Der leicht milchbubihafte Tom erscheint dagegen fast als willenlose Hülle, gefangen von seinen Gefühlen und unfähig die Tragweite seiner Entscheidungen in ihren jeweiligen Folgen zu begreifen. Bei der Darstellung des mysteriösen Fremden verweigert das Drehbuch wiederum eine greifbare Verortung. So gesehen setzt der Regisseur vor allem bei seiner Hauptfigur und dem zentralen Antagonisten Leerstellen, die es zu interpretieren gilt und die eine solche Leistung auch erfordern. Insbesondere da hier auf jegliche Form der Psychologisierung fast vollständig verzichtet wird.

TRUE LOVE WAYS ist kein Film der großen Worte. Gesprochen wird kaum und wenn dann in verschlungenen Worthülsen, die nicht selten entschlüsselt werden müssen. Auch dies macht es dem Zuschauer zum Teil schwer. Daneben dürften die wenigen, aber nichtsdestotrotz ausgesprochen drastischen Gewalteruptionen zartbesaiteten Menschen sauer aufstoßen. In diesem Zusammenhang greift Seiler auf die mittlerweile genreüblichen Detailaufnahmen versehrter (männlicher) Körper zurück. Dennoch setzt der Film seine Gewalt nie selbstzweckhaft, oder unbedarft ein. In letzter Konsequenz fungieren diese Szenen als wichtige und nicht austauschbare Bausteine der gesamten Produktion. Seiler verknüpft diesbezüglich die Themen Macht und Machtergreifung mit genderspezifischen Fragestellungen und bearbeitet diese mit den Mitteln des Horrorkinos. Der Verlauf der, auf ihren zentralen Kern reduzierten, Geschichte wirkt dabei häufig wie ein dunkles, albtraumhaftes Märchen, dass ihre betörende Hauptfigur als modernes Rotkäppchen inszeniert.

Seilers Film ist definitiv nicht leicht zu entwirren, schockt und verstört, verwöhnt das Auge aber ebenfalls mit einer sehr stimmigen Ästhetik, bei der jeder profane Einrichtungsgegenstand und jede architektonische Kleinigkeit der Settings einen Teil zur Gesamtatmosphäre beiträgt. Die Independent-Produktion lebt deshalb auch von ihren Spielorten (Séverines minimalistische Wohnung, die stilvolle Villa, der unergründliche Wald, dunkle Kellergewölbe etc.), die der Filmemacher mit dem nötigen Gespür für feine und bedeutungsvolle Details furios in die Dramaturgie einbindet.

Es gibt somit viel zu entdecken, was eine mehrmalige Sichtung des Films fast schon obligatorisch macht. Abgesehen von der ausgefeilten Bildsprache gelingen dem Regisseur ebenfalls einige höchst spannende Sequenzen, die dafür sorgen, dass die langsame Erzählweise immer wieder konsequent aufgebrochen wird. Das alles macht TRUE LOVE WAYS zu einem nicht unbedingt leicht zu konsumierenden, aber ungemein fesselnden und facettenreichen Filmerlebnis für ein erwachsenes, mitdenkendes Publikum.











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