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TROPA DE ELITE (Brasilien/Niederlande/USA 2007)

von Björn Lahrmann

Original Titel. TROPA DE ELITE
Laufzeit in Minuten. 115

Regie. JOSÉ PADILHA
Drehbuch. BRÁULIO MANTOVANI . JOSÉ PADILHA . RODRIGO PIMENTEL
Musik. PEDRO BROMFMAN
Kamera. LULA CARVALHO
Schnitt. DANIEL REZENDE
Darsteller. WAGNER MOURA . ANDRÉ RAMIRO . CAIO JUNQUEIRA . FERNANDA MACHADO u.a.

Review Datum. 2009-06-29
Kinostart Deutschland. 2009-08-06

So eine Stimme ist ein verführerisch' Ding. Vertraut sie sich bloß selbst genug, vertraut man ihr gern mit, manchmal sogar blind – was vor allem dann von Vorteil ist, wenn die Bilder, denen sie aufgepfropft ist, eine gänzlich andere Sprache sprechen. Eine solche Stimme besitzt Capitão Nascimento, Einsatzleiter der brasilianischen Spezialpolizei BOPE, der uns als geneigter Off-Erzähler durch die Handlung führt. Mitte 30 ist er, von kompaktem Bau, mit stechendem Blick und kräftigen Kiefern, durch die seine Stimme gemahlen kommt wie der Kreidestaub, der dem Wolf einst Zutritt zu den Geißlein verschaffte. Uns Geißlein im Publikum nun erzählt Nascimento eine Geschichte: von der schlechten, "normalen" Polizei Rio de Janeiros, die korruptionsverseucht ist bis dorthinaus und per Schmiergeldarrangements einen falschen Burgfrieden mit den Drogenbossen der Favelas geschlossen hat – und der guten Elite-Einheit BOPE, die gnadenlos unbestechlich ist und also die letzte Bastion im Dienste der Gerechtigkeit.

Doch so blütenweiß angeblich ihre Weste, so schwarz sind ihre Uniformen, bestickt mit grinsenden Totenschädeln vor gekreuzten Pistolen, und wenn sie die Favelas stürmen, fließt unweigerlich Blut. Wir bekommen so einen Einsatz vorgeführt: Unschuldige werden ohne Vorwarnung über den Haufen geschossen, ein jugendlicher Kurier vom wutentbrannt geifernden Nascimento – jenem Mann, dessen jovialem Geplauder wir uns bislang arglos anvertraut hatten – so lange gefoltert, bis er seinen Dealer verpetzt und anschließend als Verräter den Slumlords zum Fraß vorgeworfen wird. Inszeniert ist das alles als rauschhafte Actionsequenz, ungestüme Hochglanz-Kinetik in Bildern von gläserner Schönheit – doch ist dies zu einem hohen Preis erkauft: Der Zuschauer ist unweigerlich gezwungen, die Perspektive eines Faschisten einzunehmen. TROPA DE ELITE wendet die konventionellen Überwältigungstaktiken des Actionkinos wie eine Waffe gegen sein Publikum: Gedankenloses Geilfinden ist direkt gekoppelt an ein Gutheißen der gezeigten Unmenschlichkeiten. Manch einer hat ihm diese radikale Alternativlosigkeit zum Vorwurf gemacht, er spiele damit der Propaganda in die Hände und glorifiziere Polizeigewalt. Dass dieser Vorwurf nicht hunderprozentig ins Leere läuft, macht den Film umso spannender.

Nascimento braucht einen Nachfolger, denn er wird Vater und leidet unter Panikattacken. Zwei Kandidaten bieten sich an: der idealistische schwarze Cop Matias, der nebenbei Jura studiert und sich in eine Kommilitonin mit Drogenconnections verliebt hat, und sein heißsporniger, aber gutmütiger Freund Neto. Etwas zu lange – beinahe die halbe Laufzeit – wendet sich der Film der Vorgeschichte der beiden zu, bis sie dann von der Korruption in den eigenen Reihen genug haben und sich zum BOPE-Training melden. Das Boot Camp ist eine Mischung aus archaischem Kult und FULL METAL JACKET: Die Rekruten werden gedemütigt noch und nöcher, ihre Körper in Form gehauen durch Nascimentos erbarmungslose Drills, bis sie bereit sind, ihre eigene Kotze zu fressen. Die Stimme als Machtinstrument und der Körper als ihr Objekt treten hier in einen perversen sokratischen Dialog, an dessen Ende der Schüler dem Lehrer sich anverwandelt haben wird. Gerade deshalb taugt Matias trotz seines ausgesucht harmlosen Studentengesichts nicht zur positiven Identifikationsfigur, weil er ebenso hilflos in Nascimentos Welt(sicht) hineingestoßen wird wie der Zuschauer.

In Brasilien war TROPA DE ELITE 2007 ein kontrovers diskutierter Kassenknüller, 2008 folgte der Hauptpreis der Berlinale. Warum er erst jetzt regulär in die Kinos kommt, während sonst noch die trübseligste bärengekrönte Tundra-Tragödie im Sauseschritt einen Verleih findet, ist ein Rätsel. Vielleicht, weil er weder im Arthaus noch im Multiplex so richtig zu Hause ist. Der Film ist, was er thematisiert: eine Grauzone. Seine scharfsichtige, vor Ironie triefende Darstellung von Institutionen, die sich selbst und einander gegenseitig auffressen – vorrangig Polizei und Drogenhandel –, erinnert an die brillante amerikanische Fernsehserie THE WIRE. Die Szenen in der Uni, wo reiche weiße Halberwachsene schlau über Foucault diskutieren und hinterher per Graskauf den Drogenhandel mitfinanzieren, demontieren jede bequem-liberale Gegenposition zur monströsen BOPE-Brutalität. Schwarz oder Weiß sind grundsätzlich keine Optionen in einem Land, wo in den teuren Vorstädten privatfinanzierte Todesschwadrone patrouillieren mit dem Auftrag, unerwünschten Besuch aus den stetig expandierenden Favelas abzuknallen. Dies mitzubedenken fordert TROPA DE ELITE dem Zuschauer stets ab – auch und vor allem dann, wenn die Kamera wieder wie entfesselt durch nächtliche Ghettos hetzt und überall so furchtbar schön die Mündungsfeuer reflektiert werden, als blicke man nicht mehr auf eine Leinwand, sondern geradewegs in einen unbarmherzigen Spiegel.











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