AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
MEINUNGSMACHER

THE TRIBE (Ukraine/Niederlande 2014)

von David Leuenberger

Original Titel. PLEMYA
Laufzeit in Minuten. 132

Regie. MIROSLAV SLABOSHPITSKY
Drehbuch. MIROSLAV SLABOSHPITSKY
Musik. -
Kamera. VALENTYN VASYANOVYCH
Schnitt. VALENTYN VASYANOVYCH
Darsteller. GRIGORIY FESENKO . YANA NOVIKOVA . ROSA BABIY . ALEXANDER DSIADEVICH u.a.

Review Datum. 2015-10-18
Kinostart Deutschland. 2015-10-15

Der 130-minütige "Gebärdensprachenfilm" ohne "richtigen" Dialog und ohne Untertitel - so wird wohl THE TRIBE in erster Linie rezipiert werden. Dass dieser auf den ersten Blick außergewöhnlich erzählte Film auch noch aus der Ukraine kommt, dürfte ihm bei Zuschauern mit bequemeren Sehgewohnheiten einen wohl noch schwereren Stand geben.

Was wie ein gewagtes Konzept aussieht, nämlich einen Film von A bis Z nur in Gebärdensprache, ohne "konventionelle" Dialoge zu erzählen, entpuppt sich letztlich als ein fast klassisches, weil pures visuelles Erzählen. Kino in Reinform sozusagen - und das auch noch mit Vorgeschichte. Miroslav Slaboshpitsky wollte den Zuschauer in die Stimmung des klassischen Stummfilms versetzen. Mit Friedrich Wilhelm Murnaus zwischentitelfreien DER LETZTE MANN hat THE TRIBE auch mehr Wurzeln als mit "esoterischen" Experimentalfilmen. Wahrhaftig avantgardistisch und grenzensprengend wäre es wohl gewesen, den Film komplett tonlos - also auch aus der audiellen Binnenperspektive seiner Protagonisten - zu präsentieren.

So kommt THE TRIBE wohl den Sichtungserfahrungen in Henri Langlois' Cinémathèque Française recht nahe, wo selbst japanische Filme ohne Untertitel projiziert wurden. Eine erzieherische Erfahrung in Sachen Filme-Sehen, wie manch ein Besucher (Truffaut, Godard, Rivette etc.) lobte. Auch THE TRIBE ist im positiven Sinne ein pädagogischer Film, weil er auf rigorose Weise lehrt, nicht nur zu schauen, sondern auch zu sehen. Nicht nur durch ihre Prämisse fordert die ukrainisch-niederländische Koproduktion zum aktiveren Sehen auf, sondern auch durch ihre Inszenierung: Lange Einstellungen, manchmal statische und fast unbewegte Tableaus, manchmal spektakuläre Plansequenzen, die die Protagonisten über mehreren hunderten Metern folgen; hohe Tiefenschärfe; komplexer Bildaufbau, der alle Möglichkeiten des Cinemascopes ausschöpft - sie alle erziehen den Zuschauer zum aktiven Sehen, indem sie ihm beim Sehen zugleich freie Hand geben. Man kann auf die Mimik und Gestik der Protagonisten achten. Oder auf die detailverliebte Ausstattung, die ihrerseits über viele Einzelheiten eigene Geschichten erzählt. Oder auf beides. Formal ein wahrlich demokratischer Film.

Pädagogisch ist THE TRIBE allerdings nur im formalen, nicht im inhaltlichen Sinne. Er ist auch deshalb ein erfrischender Film, weil er sich auf seine Protagonisten wirklich einlässt und jegliche Problematisierung des Gehörlos-Seins unterlässt (abgesehen von zwei Szenen, in dem Gehörlose mit einer hörenden Umwelt interagieren). Es gibt hier keine pseudoliberale, weil selbstgefällige, Mitleid heuchelnde und objektivierende Perspektive auf Gehörlose, die sie zu hilflosen Opfern degradiert. Miroslav Slaboshpitsky traut seinen Protagonisten zu, ganz alleine für sich zu sprechen. Er traut seinen Zuschauern zu, die Protagonisten und ihre Geschichten auch so zu verstehen (dass er die Zuschauer für blöd hält kann man ihm auf jeden Fall nicht vorwerfen). Überhaupt traut er den Zuschauern sehr vieles zu, auch im Bereich des Schmerzempfindens.

THE TRIBE ist ein auch ein sexuell expliziter und extrem gewalttätiger Film, ein selbstbewusstes Stück transgressives Kino voller Lust an Tabubrüchen. Wer nur auf Gaspar Noé und Nicolas Winding Refn schwört, ahnt nicht, was sich für ein furioses Potential im wilden Osten Europas verbirgt. Und möglicherweise ist es genau dieser Aspekt, der dem Film im Lauf der zweiten Hälfte ein Stück weit zum Verhängnis wird. Wer sich auf die besondere Erzählsituation des Films einlässt (und der Film ist derart gut inszeniert, dass offene Zuschauer kein Problem damit haben werden), wird bei zunehmender Laufzeit merken, dass sich hinter THE TRIBE im Kern doch relativ konventionelle Halbstarken-ploitation verbirgt, die sich manchmal etwas zu demonstrativ und lustvoll mit rohem Sex (ob konsensual oder nicht), Nihilismus, Sleaze, Dreck und Abscheulichkeiten kokettiert. Minderjährige, die sich prostituieren, minutenlang ausgedehnte Sex- und Vergewaltigungsszenen, Alkohol und Drogen, Mobbing - die Grundzutaten unterscheiden sich nicht wirklich von handelsüblicher Halbstarken-ploitation, sei es des verfemten bundesdeutschen Kinos der 1960er Jahre oder der Handelsmarke Larry Clark. So gewagt THE TRIBE in seiner Machart ist, so bequem bleibt er in der Distanzierung vor seinen Figuren (der Film enthält nur Totale oder halbnahe Einstellungen, keinen einzigen Close-Up). Es ist die Distanz eines kühlen Beobachters, es ist aber auch die Distanz eines Filmemachers, der sich vor dem Kontrollverlust absichern möchte. Die minutenlang beobachteten Do-It-Yourself-Abtreibungen, die aberwitzige Schmierigkeit des Teenie-Strichs an der Trucker-Raststätte, die mit Nachttischen zu Brei zerschlagenen Köpfe: sie alle mögen schockieren, aber eine wirklich bleibende Erinnerung hinterlassen sie doch nicht.

Dennoch bleibt der positive Eindruck. Darüber, dass es noch Filmemacher gibt, die nicht nur ihren Bildern, sondern auch ihren Zuschauern vertrauen. Und Hoffnung. Darauf, dass wildes Kino aus dem Osten es manchmal auch schafft, "rüberzumachen".











AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2018 a.s.