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TOKYO SONATA (Japan/Hong Kong/Niederlande 2008)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. TOKYO SONATA
Laufzeit in Minuten. 119

Regie. KIYOSHI KUROSAWA
Drehbuch. KIYOSHI KUROSAWA . SACHIKO TANAKA . MAX MANNIX
Musik. KAZUMASA HASHIMOTO
Kamera. AKIKO ASHIZAWA
Schnitt. KOICHI TAKAHASHI
Darsteller. TERUYUKI KAGAWA . KYOKO KOIZUMI . HARUKA IGAWA . YU KOYANAGI u.a.

Review Datum. 2008-11-17
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Kiyoshi Kurosawa fühlte sich schon länger unwohl in seinem Ruf als Horrorregisseur, und man merkte es ihm an. Im höflichen Versuch, halb den Erwartungshaltungen des Stammpublikums und halb dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, entstanden in den letzten Jahren ein paar entschieden halbgare Filme. TOKYO SONATA gehört nicht dazu. TOKYO SONATA ist auch kein Comeback, denn ein Comeback ist immer eine Rückkehr zu alter Form. TOKYO SONATA hingegen ist eine Abkehr, ein Befreiungsschlag mit der Faust auf den Tisch: ein Familiendrama ohne Geister, Mörder oder Monster. Wer den Film unbedingt zumindest düster und abgründig finden möchte, darf das tun, ist aber im Unrecht.

Ein Familienvater verliert plötzlich seinen Job. Er erzählt seiner Frau und den beiden Söhnen nichts davon und verlässt weiterhin jeden Tag das Haus, als wäre nichts gewesen. Wie in jeder vernünftigen Familie erzählt auch in dieser Familie sowieso niemand jemandem je etwas. Die Mutter behält für sich, dass sie längst Bescheid weiß. Der ältere Sohn verheimlicht seinen Wunsch der US-Armee beizutreten, bis er auf dem schon vorbereiteten Papierkram die Unterschrift der Eltern braucht. Der jüngere Sohn gibt sein Geld für die Schulkantine heimlich für Klavierstunden aus (das machen die jungen Rebellen von heute wohl anstatt Punkrock). Wenn alle Geheimnisse nahezu gleichzeitig ans Licht kommen, droht die Familie daran zu zerbrechen.

Kopf hoch, TOKYO SONATA ist zwar ein Drama, aber es ist kein Marathonfußmarsch in bleischweren Stiefeln durchs Tal der Tränen bei Nacht. Da ist immer ein unterschwelliger Humor in den Geschehnissen und Charakteren, bisweilen ein recht böser, ohne dass je eine der Figuren vorgeführt würde. Und ohne dass der Humor je das Tempo der Erzählung beflügeln würde. TOKYO SONATA ist ein ruhiger Film, und das ist Prinzip. Es scheint fast, als hätte Kurosawa bewusst einen Gegenpol zur üblichen Darstellung Tokios im Film schaffen wollen. Wird sonst stets das hektische Metropolengewusel betont, ist in diesem Film das Warten das zentrale Motiv, bildlich umgesetzt im wiederkehrenden Motiv des Anstellens in Menschenschlangen – vor Wohltätigkeitsküchen, auf Ämtern, bei Vorstellungsgesprächen und medizinischen Untersuchungen. Der Vater wartet auf eine neue Arbeit. Die Mutter wartet auf ein besseres Leben. Nur die beiden Kinder realisieren, dass man etwas tun muss, wenn man mit dem Gegebenen unzufrieden ist.

Kiyoshi Kurosawa inszeniert das alles ohne Mätzchen, aber mit vielen subtilen Details. Etwa wenn sein Blick auf den ausgestreckten Händen der Mutter verweilt, die vom Sofa aufgeholfen werden möchte, obwohl ihr Mann sich schon mitten im Satz ins Bett verabschiedet hat (Sie sehen: aussichtsloses Warten als Motiv). Mal werden Figuren bedrohlich von Treppengeländern angeschnitten, wenn sie etwas Wichtiges sagen, mal sagen Autospuren im Sand alles, was man wissen muss. Das Ensemble passt sich dem perfekt berechneten Understatement perfekt an. Hier gibt es keine Oscar-Clips, sondern echte Schauspielerei. Besonders Kyoko Koizumi in der interessanten Mutterrolle arbeitet sich schnell in Herz und Hirn: stark genug, mit der Krise zu leben, aber zu schwach, um etwas zu überwinden.

Im letzten Drittel leidet TOKYO SONATA ein wenig an seinem Ruhegelöbnis. Wenn die Ereignisse turbulenter werden, hätte auch die Inszenierung turbulenter werden dürfen, und etwas mehr Mut zur Schere im letzten Akt hätte der zweistündigen Gesamtlaufzeit auch nicht geschadet. Aber das schmälert kaum den positiven Gesamteindruck eines Films, der mit Humor ernst bleibt und nie prätentiös wird.











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