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TÖDLICHES KOMMANDO (USA 2008)

von Christian Hellwig

Original Titel. THE HURT LOCKER
Laufzeit in Minuten. 124

Regie. KATHRYN BIGELOW
Drehbuch. MARK BOAL
Musik. MARCO BELTRAMI . BUCK SANDERS
Kamera. BARRY ACKROYD
Schnitt. CHRIS INNIS . BOB MURAWSKI
Darsteller. JEREMY RENNER . ANTHONY MACKIE . GUY PEARCE. RALPH FIENNES u.a.

Review Datum. 2009-07-21
Kinostart Deutschland. 2009-08-13

Es wird der Tag kommen, an dem sich Historiker und Politologen zukünftiger Generationen mit dem 11. September 2001, dem Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten zunächst in Afghanistan und später dann 2003 in den Irak, sowie der damit verbundenen Frage, wohin dieser Weg letztendlich gemündet ist, in der Rückschau beschäftigen werden. Im Jahr 2009 ist eine Antwort auf diese Frage noch eine Unmöglichkeit, ist der Prozess doch auf unabsehbare Zeit noch nicht abgeschlossen. Fakt ist, dass der Irak fast jeden Tag Opfer von terroristischer Gewalt ist und der Wiederaufbau nur schleppend voran geht. Aber auch in den USA hat der Irakkrieg tiefe Spuren hinterlassen: Zu viele Soldaten kehren aus dem Irak nicht mehr lebend, oder aber schwer verwundet zurück. Die Bevölkerung scheint des von Bush und seinen Falken initiierten Waffengangs gegen den Irak mittlerweile überdrüssig, und auch das Kino nimmt sich diesem jüngsten Kapitel der amerikanischen Geschichte mittlerweile - wie unter anderem DAS TAL VON ELAH gezeigt hat - kritisch an. In einer Phase, in der also nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Hollywood diesen Krieg filmisch kritisch begleitet, kommt nun TÖDLICHES KOMMANDO von Kathryn Bigelow in die Kinos, die in ihrem Kriegsfilm einen etwas anderen Blick der alltäglichen Zustände im Irak zeichnet.

Es liegen nur 12 Jahre zwischen dem zweiten Golfkrieg und dem Irakkrieg von 2003, und doch hat sich die alltägliche Kriegserfahrung der Soldaten entschieden gewandelt. Scheute Bush Senior 1991 aus Furcht vor zu hohen eigenen Verlusten noch den Marsch auf Bagdad und führte stattdessen einen vornehmlich luftgestützten Krieg, der in den westlichen Medien gerne als "sauberer Krieg" verkauft wurde, brachte Bush Junior 2003 zu Ende, was der Vater einst begann. Die bekannte Folge davon ist, dass sich der Irak heute tagtäglich in einem explosiven Dauerzustand befindet, in dem die amerikanischen GIs als Besatzer empfunden, und immer wieder zwischen den Häusern der irakischen Städte bekämpft werden. Kathryn Bigelow wirft nun im Zuge von TÖDLICHES KOMMANDO einen Blick auf die Situation des Irak im Jahr 2004, der sich dem Zuschauer durch die Augen eines dreiköpfigen Bombenräumungskommandos präsentiert. Es sind noch 38 Tage bis zum nächsten Turnuswechsel für das Team Bravo. Unzählige Bomben haben Sergeant Sanborn (Anthony Mackie), Specialist Owen Eldridge (Brian Geraghty) und deren Vorgesetzer Matt Thompson (Guy Pearce) bereits entschärft. Doch was so lange gut gegangen ist, geht eines Tages nicht mehr gut. Zu spät bemerken Sanborn und Eldridge einen Mann mit einem Handy, der an der Straße steht. Die Bombe, an dessen Entschärfung sich Thompson gerade arbeitet, explodiert. Thompson überlebt die Detonation nicht. Es sind noch 37 Tage bis zur nächsten Auswechslung der Kontingente, und Sanborn und Eldridge erhalten in der Person von Staff Sergeant William James (Jeremy Renner) einen neuen Vorgesetzten.

Kathryn Bigelows TÖDLICHES KOMMANDO kann durchaus als Fortführung von Sam Mendes JARHEAD – WILLKOMMEN IM DRECK verstanden werden. Beide Regisseure erzählen ihre Geschichte aus der Mikroperspektive einzelner Soldaten und sparen dabei die politischen Hintergründe des jeweiligen Konflikts völlig aus. Das ist nicht nur legitim, sondern angesichts der offensichtlichen Tatsache, dass es beiden Filme um die Skizzierung täglicher Erfahrungswelten der Soldaten geht, sogar nötig. Denn die Soldaten, die auf den Straßen im Auftrag ihrer Regierung töten und sterben, sind für den Krieg, den die Politiker beschlossen haben, nicht verantwortlich. Doch während sich JARHEAD mit den Problemen von hochgerüsteten und aufgeputschten Soldaten beschäftigt, die an der Grenze zu Kuwait auf eine Invasion warten, die niemals kommen wird, thematisiert TÖDLICHES KOMMANDO die Folgen einer ständigen Bedrohungssituation, der sich die Soldaten im Irak 2004, anders noch als 1991, ausgesetzt sehen müssen. Auf dieser Ebene reüssiert dieser jüngste Film von Kathryn Bigelow, die sich vor allem mit GEFÄHRLICHE BRANDUNG und STRANGE DAYS einen Namen gemacht hat und zu den wenigen weiblichen Action-Regisseuren der Branche gehört. Es ist nicht zuletzt der verwackelten Handkamera mit ihrer fast dokumentarischen Optik zu verdanken, dass sich die latente Bedrohungssituation und die damit verbundene Anspannung unter der die Soldaten stehen, direkt auf die Zuschauer überträgt. Hinzu kommt, dass die Gefechte weniger unter dem Gesichtspunkt der Action, sondern unter dem Aspekt des Realismus, auf sehr langsame Art und Weise inszeniert sind, was die ständig herrschende Anspannung noch unterstreicht.

Kathryn Bigelow gelingt es somit, tief in die Lebenswelt der Soldaten abzutauchen, und ein Bild zu zeichnen, dass der Realität zumindest in Bezug auf die Alltagserfahrung – obschon natürlich filmisch zugespitzt - recht nahe kommen dürfte. Wenn sich Staff Sergeant James an der Entschärfung mehrere Sprengsätze versucht und seine Kameraden die Umgebung absichern, so können sie zwischen all den Irakern, die sich an den umliegenden Gebäuden versammeln, Freund und Feind nur schwer von einander unterscheiden. Was dieses Bild vermitteln will, ist dann auch mitnichten die amerikanisch-propagandistische Botschaft, dass alle Iraker Terroristen sind, sondern ist viel mehr Metapher für das Dilemma, in dem sich der Soldat auf der Straße befindet. Der eben nicht weiß, ob etwa der fünfzehnjährige Junge vor ihm auf der Straße einen Sprengsatz unter der Zeitung trägt, oder eben nicht. Während TÖDLICHES KOMMANDO auf der Ebene der täglichen Erfahrungswelten der Soldaten also durchaus funktioniert, gilt das für die zweite Ebene, mit der sich der Film offensichtlich beschäftigen möchte, nur eingeschränkt.

Schon zu Beginn des Films macht TÖDLICHES KOMMANDO mit einem an den Anfang gestellten Zitat auf die drogenähnliche Wirkung des Krieges aufmerksam. Mit anderen Worten: Der Film möchte auch in die Psyche der Soldaten blicken. Möchte sich mit der Frage beschäftigen, warum der Krieg den Soldaten verändert, warum dieser den Krieg am Ende sogar braucht. Doch an dieser Stelle kommt der Film nicht über Ansätze hinaus. Die Aggression, die sich zwischen den Soldaten entwickelt und die sich durch die ständige Anspannung noch verstärkt, wird zwar ebenso thematisiert wie die Auswirkungen des Schreckens des Krieges an sich, geht aber niemals tief genug, um vollends überzeugen zu können. Auch die Tatsache, dass sich der heimgekehrte Soldat in seiner vertrauten Umgebung nicht mehr zurecht findet, mit dem Kind, dem Alltag und der Frau, die nichts von "seinem" Krieg wissen will, nichts anfangen kann, kommt leider zu kurz, um als ernstzunehmende Beschäftigung mit dem Thema gelten zu können. In der Summe gelingt es TÖDLICHES KOMMANDO jedoch, ein eindringliches Portrait der Lebenswelten dreier Soldaten im Einsatz, die von den jeweiligen Darstellern auf überzeugende Art und Weise verkörpert werden, zu zeichnen. Handwerklich ist TÖDLICHES KOMMANDO zudem auf hohem Niveau: Mitreißend, spannend, nervenzerreißend, was sich nicht zuletzt auch gleich zu Beginn des Films in einer eindrucksvollen Detonation äußert. Es sei jedoch an dieser Stelle noch einmal betont, dass es sich bei TÖDLICHES KOMMANDO eben nicht um einen reißerischen Actioner handelt, wie es der unglücklich gewählte deutsche Titel suggeriert, sondern um einen Film, der zwar unterhalten soll, nichts desto trotz ein ernstes Anliegen hat: THE HURT LOCKER, so der Originaltitel, bezeichnet die Schublade, in der die letzten Habseligkeiten der im Einsatz gefallenen Soldaten aufbewahrt werden.











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