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DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILL STAND (USA 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE DAY THE EARTH STOOD STILL
Laufzeit in Minuten. 103

Regie. SCOTT DERRICKSON
Drehbuch. DAVID SCARPA
Musik. TYLER BATES
Kamera. DAVID TATTERSALL
Schnitt. WAYNE WAHRMAN
Darsteller. KEANU REEVES . JENNIFER CONNELLY . KATHY BATES . JOHN CLEESE u.a.

Review Datum. 2008-12-08
Kinostart Deutschland. 2008-12-11

Zu Anfang eine steile These, weil so was immer gut kommt. Sie lautet: Filme mit Hang zum Übernatürlichen könnten immens davon profitieren, wenn man ihren Protagonisten die Hände abschlüge. Spätestens seit Erfindung des Jedi-Ritters, scheint mir nämlich, können Wesen aus fremden Welten mit selbigen schlichtweg alles anstellen, wonach ihnen gerade beliebt: Elektroschocks verpassen, Telekinese betreiben, sich selbst und andere heilen, Maschinen kontrollieren etc. Selbstredend ist derartige Omnipotenz ein Garant für gähnende Langeweile, weil sich damit praktisch jede Gefahrensituation buchstäblich im Handumdrehen auflösen lässt.

Klaatu (Keanu Reeves) gehört zur Spezies jener fingerfertigen Alleskönner, für die der Ausbruch aus einem Hochsicherheitstrakt bloß noch eine Sache von zwei, drei magischen Handgriffen darstellt. Dorthinein wird er zunächst gesperrt, weil man das in Zeiten des Patriot Act eben mit Aliens zu tun pflegt, die unangekündigt im Central Park landen und einen scheißgroßen Roboter bei sich haben. Der Grund für Klaatus Erdenbesuch in DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND – einem klinisch toten Remake des gleichnamigen Sci-Fi-Klassikers von 1951 – scheint zunächst derselbe zu sein wie im Original: Als Abgesandter einer intergalaktischen Föderation will er auf einer UN-Konferenz zu den Führern der Erde (prominente Gattungsvertreter im Fernsehbild: Angela Merkel nebst Wladimir Putin) sprechen, um sie der menschlich-allzumenschlichen Zerstörungswut zu gemahnen. Als sein Vorhaben jedoch an der Betonköpfigkeit der amerikanischen Regierung – repräsentiert durch Verteidigungsministerin Regina Jackson (Kathy Bates) – scheitert, bleibt ihm nur noch die Flucht, auf der ihm die Mikrobiologin Helen Benson (Jennifer Connelly) hilfreich zur Seite steht.

Wer den Vorgänger noch im Kopf hat, wird sich denken können, dass die Parallelen der beiden Filme spätestens an dieser Stelle enden müssen; zu stark ist der ursprüngliche Plot dem Zeitkolorit des Kalten Krieges verhaftet, als dass er heute noch funktionieren könnte. Darin nimmt der stets gutmütig lächelnde Michael Rennie eine bürgerliche Deckidentität an und quartiert sich in der Pension von Helen Benson – damals noch Hausfrau und alleinerziehende Mutter – ein. Als Vatersurrogat für ihren kulleräugigen All-American Son Bobby lernt der Fremde hautnah die Nestwärme der amerikanischen Kernfamilie kennen, so dass sein abschließender Friedensappell, wiewohl von kruder Glückserzwingungs-Ideologie durchsetzt, doch grundsätzlich von Hoffnung geprägt ist. Damit korrespondieren auch die messianischen Züge Klaatus, der sich in Anlehnung an Jesus nicht nur den Namen Carpenter – also Zimmermann – gibt, sondern am Ende sogar eine Wiedergeburt inklusive Himmelfahrt feiert.

Für Rennies Post-9/11-Wiedergänger besteht dagegen keinerlei Hoffnung mehr: Die Möglichkeit der Integration bleibt ihm versagt, sogar sein menschlicher Leihkörper ist ihm fremd (was Reeves nur zu gern als Freifahrtschein benutzt, um es sich in seinem üblichen Dachlattenschauspiel bequem zu machen; im ganzen Film bewegt er nicht einen einzigen Gesichtsmuskel). In recht schnöder Punkt-für-Punkt-Negation des alten Konzepts zeichnet das Remake Klaatus Weg als Spießrutenlauf durch eine Gesellschaft, die sich dauerhaft im Präventivschlag-Modus befindet und ungefragt auf alles schießt, was ihr irgendwie terroristisch vorkommt. Exemplarisch wird die Unmöglichkeit des Dialogs an Helens Stiefsohn Jacob aufgezeigt, dessen Trauerprozess für seinen im Golfkrieg gefallenen Vater in einen blinden Rachekult umgeschlagen ist und der Klaatu bedingungslos tot sehen will. Komplementär dazu ist auch der tatsächliche Plan der Außerirdischen ins Monströse gewuchert: Um die Erde zu retten, so Klaatu, müsse die Menschheit ausradiert werden. Die Christus-Metapher invertiert sich zur alttestamentarischen Genozid-Phantasie, bei der Klaatu noch schnell ein paar Tierspezies in eine Art Arche rettet, bevor er eine Heuschreckenplage aus gefräßigen Nanobots auf Amerika loslässt.

Man könnte sich über derlei verkrampft hippen Nihilismus echauffieren, wäre er nicht bloß eine allzu offensichtliche Strategie, um dem ursprünglich eher handzahmen Szenario ein bisschen Action einzuflößen. Einfallsreichtum und Inszenierungskunst halten sich dabei trotz sichtbarem Budget in trübsten Direct-to-Video-Grenzen: Ein willkürlicher Air Strike hier, ein unmotivierter Autounfall da, und zwischendurch fuchtelt Klaatu ein bisschen mit den Händen rum. Das CGI-Update des beliebten Roboters Gort sieht dem Gummi-Original überraschend ähnlich, steht aber die meiste Zeit bloß doof in der Gegend rum und funkelt bedrohlich mit dem roten Laservisier. Handlungslogik ist für das verquaste Drehbuch ein Fremdwort, die Reihe unbeantwortbarer Fragen ist endlos: Wenn das Schicksal der Menschheit ohnehin besiegelt ist – wieso kommt Klaatu dann überhaupt noch zu Besuch? Warum liefert er sich die filmlange Hatz mit seinen Verfolgern, obwohl er die Erde jederzeit wieder verlassen könnte? Auch wird nie klar, ob er die Details des Zerstörungsplans kennt, ob er selbigen befürwortet, ob er ihn persönlich auslösen muss oder ob es einen externen Countdown gibt. Ist am Ende aber auch völlig schnurz, denn sobald Klaatu nur eine Bach-Kantate vorgespielt bekommt, schwant ihm plötzlich, dass es so schlimm um die Menschheit ja doch nicht bestellt sein kann. Die Rettung erfolgt, wie auch sonst, mit wedelnden Händen. Unter seinem dauergrauen Apokalypse-Chic ist DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND letztlich also kitschig, verlogen und manipulativ, vor allem aber: schlechtes Handwerk.











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