AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
MEINUNGSMACHER

SUMMER WARS (Japan 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. SAMÂ WÔZU
Laufzeit in Minuten. 114

Regie. MAMORU HOSODA
Drehbuch. SATOKO OKUDERA
Musik. AKIHIKO MATSUMOTO
Kamera. YUKIHIRO MASUMOTO
Schnitt. SHIGERU NISHIYAMA
Darsteller. RYUNOSUKE KAMIKI . NANAMI SAKURABA . MITSUKI TANIMURA . SUMIKO FUJI u.a.

Review Datum. 2010-02-11
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Es ist ein weiter Weg von Oz nach Kansas. Kenji geht ihn zum ersten Mal. Als einer von Abermillionen Systemadministratoren des weltumspannenden Computernetzwerks Oz ist der Elftklässler es gewohnt, tagelang bloß in die Röhre zu glotzen. Jetzt hat ihn Schulschönheit Natsuki über den Sommer ins Ländliche eingeladen, wo der 90. Geburtstag ihrer Großmutter ansteht. Im traditionsreichen Riesenclan der Jinnouchis ist das Einloggen eine deutlich kompliziertere Angelegenheit, als Kenji es aus der virtuellen Welt gewohnt ist, zumal er völlig unverhofft Natsukis boyfriend spielen muss, der er, real besehen, nur zu gern wäre. Als ein mysteriöser Hacker namens Love Machine Kenjis Oz-Account usurpiert und damit die halbe Welt lahm zu legen droht, müssen die Jinnouchis Zusammenhalt beweisen, um größeres Unheil zu verhindern.

Die Familie als ältestes aller Social Networks steht in SUMMER WARS kurz vor dem funktionalen Kollaps. Der Oma wird heile Welt vorgegaukelt, beim Essen zankt man sich pausenlos, und der tief in der japanischen Geschichte verwurzelte Stammbaum steht in Form einer leeren Ritterrüstung in der Ecke und fängt Staub. Hauptkonkurrent Oz ist dagegen eine Surrogat-Community von äußerster Popularität, gewissermaßen das Internet nach der totalen Facebookisierung: Statt weitgehend anonym durch einzelne Sites zu surfen, bildet Oz eine ganzheitlich organisierte Second-Life-Struktur, betretbar nur per individuellem Avatar (meist in Tierform, damit sich ruchlose Megacorporations auch hinter niedlichen Häslein verschanzen können) und von potenziell grenzenloser Interaktionsfreiheit.

Gerade die ist es jedoch, die Love Machine zu einem so mächtigen Gegner werden lässt: Durch maßloses "Friending" wachsen sein Profil wie Einflussbereich ins Unendliche, bis er zur monströs wuchernden Tag-Cloud geworden ist. Derweil muss Kenji feststellen, dass zwischenmenschliche Beziehungen in der Realität eine vergleichsweise fragile, diffuse Sache sind. Wo letztere aus einem vielschichtigen, kaum auf einen Blick aufzulösenden Geflecht von Verhältnissen und Geschichten bestehen, ist Oz ein geschichtsfreier Raum und damit buchstäblich bodenlos. Dementsprechend visualisiert der Film den Cyberspace als gähnend weißes Nichts, vor dessen Hintergrund User und Objekte flüchtig erscheinen und ebenso schnell wieder verschwinden können. Zwar steht der Designminimalismus von Oz in wohltuendem Kontrast zu virtualästhetischen Verbrechen à la Myspace, wirkt gegenüber dem Landhaus im Grünen aber gleich doppelt kalt und bezugslos.

Mit SUMMER WARS empfiehlt sich Mamoru Hosoda als nächster großer Anime-Erzähler. Seine Virtuosität liegt weniger im Originären als im unorthodoxen Eklektizismus, mit dem er Bewährtes verbindet: Die prachtvoll-realistischen Landschaftsgemälde und nachvollziehbaren Charaktere scheinen einem Ghibli-Film entsprungen; die dreidimensional gerenderte Virtual Reality erinnert an die kopflastigen Sci-Fi-Welten Mamoru Oshiis; und die nicht immer ganz trennscharfe Durchtränkung von analoger und digitaler Sphäre kennt man aus den Filmen seines Madhouse-Kollegen Satoshi Kon. Eindrucksvoll ist Hosodas Kontrolle über sein romanhaftes Ensemble, in dem jede Figur ihren festen Platz hat, wunderbar auf den Punkt gebracht in einem lateralen Tracking Shot, der auf Sitzhöhe an den einzelnen Mitgliedern des Jinnouchi-Clans vorüberführt. Oz dagegen, das in seiner abstrakten Dimensionslosigkeit zugleich flach und unendlich tief wirkt, weiß Hosoda für einige entfesselte Actionsequenzen urbar zu machen. Nach dem fantastischen THE GIRL WHO LEAPT THROUGH TIME ist ihm somit ein weiterer, zeitgemäß hybrider Spaß gelungen, der bei aller formalen wie narrativen Komplexität vollkommen mühelos vorbeirauscht.











AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2018 a.s.