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SPECTRE (Großbritannien/USA 2015)

von Andreas Günther

Original Titel. SPECTRE
Laufzeit in Minuten. 148

Regie. SAM MENDES
Drehbuch. NEAL PURVIS . ROBERT WADE . JEZ BUTTERWORTH
Musik. THOMAS NEWMAN
Kamera. HOYTE VAN HOYTEMA
Schnitt. LEE SMITH
Darsteller. DANIEL CRAIG . MONICA BELLUCCI . LEA SEYDOUX . CHRISTOPH WALTZ u.a.

Review Datum. 2015-10-29
Kinostart Deutschland. 2015-11-05

Nachts in Tanger, Nordafrika. Grillen zirpen. Im Lichtkegel, der auf ein Ziegeldach fällt, taucht ein neugieriges kleines Mäuschen auf. Von der Loggia des Hauses aus richtet James Bond (Daniel Craig) seine Pistole auf das Tierchen. "Für wen arbeitest du?" Die Frage ist weniger lächerlich oder verrückt als sie klingt. Eine allgegenwärtige Überwachung wird in SPECTRE zu einer weltweiten Bedrohung. Sie treibt Bond fast mehr Schweiß auf die Stirn als seine physischen Gegner. In seinen Adern zirkuliert so genanntes 'Smartblood', Nanoteilchen, die die geographische Position orten lassen. Nicht feindliche Agenten haben das Zeug injiziert, sondern Q (Ben Wishaw), im Auftrag der Londoner Zentrale.

Bewegt sich das 24. Abenteuer des britischen Superagenten somit in den Bahnen des Paranoia-Thrillers? Regisseur Sam Mendes, bekanntlich am Theater orientiert, zieht es mehr zu einem kammerspielartigen Psychoduell zwischen Bond und dem von Christoph Waltz verkörperten Bösewicht Franz Oberhauser. Oder er schwelgt in purer Bond-Nostalgie. Gelegentlich schwebt ihm, wie Abschweifungen verraten, sogar eine ganz andere Art von Film vor. Aber der Mission im Dienste ihrer Majestät gebricht es nicht nur an einem klaren Konzept. Sie führt auch kaum genug Nährstoffe mit sich, seien es visuelle Reize, Witz oder Action-Einfälle, um bis zum Ende durchgeführt zu werden.

Schon der in Bond-Filmen übliche Prolog, in den sich die mexikanische Regierung mit einem zweistelligen Millionenbetrag eingekauft haben soll, lässt zittern. Nicht um Bond, sondern darum, dass der Film die Erwartungen erfüllen möge, die der Werberummel geweckt hat. Der 'Tag der Toten' in Mexiko City bildet die pittoreske Kulisse. Aber eben nur die Kulisse. Das groteske Massenspektakel der Totenmasken und Skelettkostüme erwacht nicht zum Leben. Statt darin einzutauchen, klebt die Kamera von Hoyte van Hoytema unausgesetzt an den Hauptakteuren wie ein furchtsames Kind an seiner Mutter, wenn es ins Gedränge geht. Statt mit eingesprenkelten Spritzern von Streetlife eine unheimliche Atmosphäre zu schaffen, obsiegt hier die Angst, den Zuschauer zu verlieren. Das geschieht ohnehin, wenn ein durch die Luft treibender Hubschrauber, in dem ein Nahkampf stattfindet, immer aus derselben Perspektive gezeigt wird. Die nächste Enttäuschung ist, dass kein Gag das Vorspiel beendet, sondern eine simple Überblendung auf den Vorspann.

In dem wird Bond von Frauen und einem riesigen Kraken umgarnt. Das ist im Hinblick auf die Handlung nicht ganz einfach zu verstehen. Denn Bond verhält sich doch ziemlich monogam. Und die Krake ist zwar auf dem Ring der Mitglieder der Geheimorganisation 'Spectre' eingraviert, aber sonst gibt es weit mehr Wüste als Wasser zu sehen. Die Bedeutung ist eben ganz und gar symbolisch: 'Spectre' hat seine Fangarme überall drin, besonders in der Überwachung von Menschen. Deshalb kann es kein Zufall sein, wenn der Chef des Centre for National Security Max Denbigh (Andrew Scott) das Null-Null-Sieben-Programm, James Bond und M (Ralph Fiennes) abschaffen und sämtliche Agenten gegen Kameras und Drohnen austauschen will. Weltweite Anschläge liefern dafür die Begründung. Doch wer trägt für sie die Verantwortung?

Mit dieser Frage könnte zu tun haben, dass Bond, eigentlich kaltgestellt, in einem letzten, testamentarischen Auftrag von Ms Vorgängerin (Judi Dench) ermittelt. Deshalb liegt er in Rom nicht nur für eine eilige doch herzliche Nummer mit der Witwe (Monica Bellucci) eines Gangsters im Bett, sondern verwickelt sich auch in eine gewaltsame Auseinandersetzung mit dem mächtigen Geheimbund 'Spectre'. Flüchtig wird er dessen Chef Oberhauser ansichtig. In den österreichischen Alpen stöbert er einen Weggefährten Oberhausers auf, der ihm weitere Hinweise gibt, wenn Bond seine Tochter schützt. Diese Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux) begleitet Bond auf eine buchstäblich heiße Spur in die nordafrikanische Wüste. Weil sie alles sehen und hören, scheinen Bonds Gegner jedoch immer einen Schritt voraus zu sein.

Selbstverständlich säumen diverse Stunts den verworrenen Fortgang der Dinge. Eine Autoverfolgungsjagd durch Roms enge Gassen, mit dem Sportflugzeug ohne Flügel den Schneeabhang hinunterasen und sich in einen Verbrecher-SUV bohren, Prügelei im Zug, Explosion einer Fabrik. Nichts davon berührt, alles bloß zum Abhaken gedacht. Die Drehbuchautoren Neal Purvis, Robert Wade und Jez Butterworth - um nur die offiziellen zu nennen - belustigen sich mit einer Anspielung auf den Titel des letzten, fragmentarisch gebliebenen Roman des US-Kultschriftstellers David Foster Wallace. Regisseur Mendes gibt zu erkennen, dass er lieber Bernardo Bertoluccis HIMMEL ÜBER DER WÜSTE verfilmt hätte.

Zur Bilanz gehört auch, dass es Christoph Waltz nicht gelingt, mit den Gefühlen von Bond und Swann so zu spielen, dass der Schrecken entsteht, den seine Rolle eigentlich fordert. Daran hindert ihn zum einen ein Übermaß an Lässigkeit und zum anderen der Umstand, dass Purvis, Wade und Butterworth zwar von Liebe und einem Bruderkonflikt aus Bonds Kindheit faseln lassen, aber wenig Substanz dafür liefern. Während Monica Belluccis Part fast undankbar zu nennen ist, kann sich Léa Seydoux offensichtlich gar nicht einkriegen, dass sie nun ein richtiges Bond-Girl ist. Ein umwerfendes Kleid trägt sie mit dem Stolz der Abiturientin beim Abschlussball.

Und dann das Thema. Immer wenn es um die totale Überwachung geht, sieht Daniel Craig müde und alt aus bis zur Runzeligkeit. Ist er ein Ebenbild seines desinteressierten Regisseurs? Dann hätte Mendes seine Aufgabe gründlich verfehlt. Totale Überwachung - wenngleich nicht schon mit den digitalen Mitteln von heute - gilt als Leitsujet des Thrillers spätestens seit Langs DR. MABUSE, DER SPIELER von 1922. Doch wohl noch nie hat ein Film es so unkreativ behandelt wie SPECTRE. Statt bloß Schauplätze früherer Bond-Filme zu zitieren und Oldtimer aufzufahren, hätten sich die Macher gründlich Terence Youngs JAMES BOND 007 - FEUERBALL anschauen solllen. Da hätten sie erfahren können, wie toll es im Kino aussehen kann und was für spannende Verwicklungen sich ergeben, wenn jemand mit Täuschungen der Wahrnehmung und Verschachtelungen des Beobachtens zu spielen weiß. So aber ist SPECTRE nach SKYFALL eine große Enttäuschung.











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