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DIE SIMPSONS - DER FILM (USA 2007)

von Martin Eberle

Original Titel. THE SIMPSONS MOVIE
Laufzeit in Minuten. 88

Regie. DAVID SILVERMAN
Drehbuch. JAMES L. BROOKS . MATT GROENING
Musik. HANS ZIMMER
Kamera. -
Schnitt. JOHN CARNOCHAN
Darsteller. DAN CASTELLANETA. JULIE KAVNER. NANCY CARTWRIGHT. YEARDLEY SMITH u.a.

Review Datum. 2007-07-24
Kinostart Deutschland. 2007-07-26

DIE SIMPSONS-Familie ist weit gekommen. Vom kurzen Einspieler in der TRACY ULLMAN SHOW über die immerhin 18 Staffeln überdauernde Fernsehserie hat sie es jetzt in die Kinosäle geschafft.

Die Fernsehserie war lange Zeit einfach nur großartig. In Springfield, dem beschaulichen Örtchen, das überall liegen könnte, wurde die große Welt im Kleinen dargestellt, mit scharfem, analytischen Witz, einer Unmenge an brillanten popkulturellen Zitaten und einer idealtypischen Durchschnittsfamilie, die mit liebevollen Charakterstudien von fünf zusammengeworfenen Individuen unterschiedlichster Mentalität, die sich hassen, schlagen aber auch lieben und sich immer wieder zusammenraufen. Familie halt. Matt Groening, dem Erfinder der SIMPSONS, und seinen Autoren ist es nicht genug zu danken, dass sie die in US-Serien übliche Süsslichkeit, Schwülstigkeit und Harmoniesüchtigkeit immer wieder vermieden haben. So wurden DIE SIMPSONS zu mehr als einer gelungenen Cartoonserie, sie sagt auch viel über unsere eigenen Befindlichkeiten.

Nach immerhin 20 Jahren zeigt die Serie allerdings deutliche Abnutzungserscheinungen. Die meisten Witze sind schon gemacht worden, die besten Ideen ausgeschlachtet. Da werden die grotesken Elemente schon mal willkürlich reingeballert, ohne Sinn und Verstand. Die Figuren, die eigentlich von ihrer Vielschichtigkeit leben, werden rabiat auf Klamauk getrimmt, ihr eigentliches Wesen dann einfach mal komplett vergessen. Vom alten Charme ist zur Zeit wenig übrig.

Da ist der Sprung auf die große Leinwand eine gute Entscheidung, wieder etwas Leben in die Bude zu bringen. Nicht ohne Risiko, denn das auf TV getrimmte Team musste sich einer neuen Dramaturgie anpassen, dem Rhythmus des Kinofilms. Diese Aufgabe fiel den Autoren zu, die schon in den Anfängen mit Matt Groening gearbeitet haben, James L. Brooks, Al Jean, Mike Scully, David Mirkin und noch so einigen anderen.

DIE SIMPSONS – DER FILM fängt auch gleich in alter Souveränität statt. Der Familienausflug der SIMPSONS führt ins Kino, wo die Filmversion von ITCHY UND SCRATCHY, dem TV-Zeichentrickduo im Springfielduniversum gegeben wird. Homer ist sauer. Was für Idioten müssen das sein, die für etwas, das man im Fernseh für lau zu sehen bekommt, an der Kinokasse gute Dollars zahlt! Er beschimpft das Publikum, zunächst seine Sitznachbarn im Kino, dann uns, die wir uns in der gleichen Situation befinden. Lustig. Aber Homer liegt falsch, denn die Kino-SIMPSONS katapultieren das Fernsehformat in eine echte Kinodimension. Der Plot, der die aktuelle Klima- und Umweltproblematik furios aufgreift, ist dabei gar nicht das Wichtigste. Vielmehr sind es die Figuren, die SIMPSONS selbst, die hier ihre Charakteristiken ungleich vielschichtiger und kompromissloser ausleben dürfen. Homer ist ignoranter denn je, seine Triebgesteuertheit führt zu einer Umweltkatastrophe in Springfield und damit zu einer echten, den Familienzusammenhalt bedrohenden Krise. Besonders hinreissend und tragisch schön ist der Vater-Sohn Konflikt. Bart, der rabaukige Sohn, darf zum ersten Mal eine tiefe Einsamkeit und Verletztheit zeigen angesichts eines Vaters, dessen Interesse in erster Linie die Befriedigung stumpfer Primärbedürfnisse ist. Rührend vor allem Barts Hinwendung zum sonst stets verspotteten Christentrottel Flanders, der als liebevoller Vaterersatz zu ungeahnter menschlicher Größe aufsteigen darf. Das sind Ambivalenzen, die im kurzen TV-Format keinen Platz haben, für die sich der Sprung ins Kino also gelohnt hat.

Es ist wirklich eine Spezialität amerikanischer Fernsehautoren, Tiefe, sogar Tragik mit Witz zu verbinden. Und das haben die SIMPSONS – Macher geschafft. DIE SIMPSONS – DER FILM hat eine so unglaublich Gag-Dichte, vom feinen Zitat bis hin zum groben Scherz, der dann gerne nochmal gebrochen wird... es ist ein Fest. Dazu das Breitbildformat, virtuose Fahrten, toller Sound: der Film ist bigger than life, ein grandioser Knüller.

Ein Problem bleibt allerdings. Denn ob die SIMPSONS jetzt, wo sie die Kinoleinwand so souverän erobert haben, noch ins enge Fernsehformat passen: ich glaub es nicht. Das ist allerdings auch eine frohe Botschaft. Fernsehen war gestern, Kino die Zukunft. Zumindest für die SIMPSONS.











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