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SILENI - DER WAHNSINN (Tschechien/Slowakei 2005)

von Matthias Mahr

Original Titel. SÍLENÍ
Laufzeit in Minuten. 121

Regie. JAN SVANKMAJER
Drehbuch. JAN SVANKMAJER
Musik. nicht bekannt
Kamera. JURAJ GALVÁNEK
Schnitt. MARIE ZEMANOVÁ
Darsteller. PAVEL LISKA . JAN TRISKA . ANNA GEISLEROVÁ . JAROSLAV DUSEK u.a.

Review Datum. 2007-02-17
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Als 2003 erstmals ruchbar wurde, der neue Svankmajer würde auf Werken von Edgar Allan Poe und dem Marquis de Sade basieren war diese Meldung Garant dafür, dass Kenner darüber in Verzückung gerieten. Poes Erzählungen standen bereits Pate bei den Kurzfilmen THE FALL OF THE HOUSE OF USHER und THE PIT, THE PENDULUM AND HOPE und Motive von de Sade fanden Eingang u.A. in den vielleicht besten, auf jeden Fall pursten von Svankmajers abendfüllenden Filmen CONSPIRATORS OF PLEASURE. Nach dem äußerst unterhaltsamen, absolut gelungenem, verglichen mit dem restlichen Oeuvre aber überraschend konventionellen OTESÁNEK versprach diese Themenkombination ein womöglich quintessentielles Werk.

Der Regisseur selbst trachtet danach, diese hohe Erwartungshaltung in einer Einleitung zu dämpfen, was freilich nicht gelingen sollte und vielleicht auch ein wenig eitel wirkt. Er spricht dem Werk ab Kunst zu sein weil es ein Horrorfilm sei, wertet es als infantile Verbeugung vor den beiden Schriftstellern und reduziert es auf die Frage, wie eine Nervenklinik zu führen sei. Von Poe wären lediglich ein paar Motive entlehnt und vom Marquis die Blasphemie und Subversivität.

In Wahrheit ist dies kein wirklicher Horrorfilm, zumindest nicht nach heutigen Standards. Misst man ihn etwa an Cormans Poe-Verfilmungen mit Vincent Price ist er freilich schon mitunter gruselig. Obwohl kein klassischer Episodenfilm ist die Handlung in zwei fast exakt gleichlange Teile strukturiert. (Dies wurde nicht mit der Stopuhr nachgemessen, aber der einzige Aktwechsel der vorgeführten 16mm Kopie erfolgte genau dazwischen und bei fast 2 Stunden Laufzeit gibt es wenig Spielraum, die Rollen unterschiedlich lange zu konfektionieren.)
Die erste Hälfte orientiert sich in der Tat nur vage an Poe. Vom vorhandenen Motiv jemanden oder etwas lebendig zu begraben war Poe geradezu besessen. So wurde eine Katze versehent-, ein Mensch vorsätzlich in The Black Cat bzw. The Cask of Amontillado eingemauert. Am ehesten erinnern einzelne Dialogpassagen aber an The Fall of the House of Usher und vor allem den weit weniger bekannten, im Stil teilweise essayhaften, The Premature Burial (Die Scheintoten). Doch ist dies nur eine Episode in der Episode in der ein psychisch vorbelasteter junger Mann, der schlafwandelnd dazu neigt, die Einrichtung zu zertrümmern, von einem sogenannten Marquis auf dessen Anwesen eingeladen wird. Hier kommt auch die von Svankmajer angesprochene Blasphemie zum tragen: In einer ungemein atmosphärisch inszenierten schwarzen Messe, in der der Marquis Gott verlacht und provozieren will.
Im zweiten Teil rät der Marquis seinem Gast einen freiwilligen Aufenthalt in der Klinik eines befreundeten Psychiaters. Hier folgt die Geschichte, mit Teils großer Freiheit und doch nicht mehr nur vage angelehnt Poes System des Dr. Teer und Prof. Feder. Musste in der Vorlage der die Anstalt besuchende Gast überrascht feststellen, dass der vorher angewandten Methode, den Patienten jegliche Freiheiten zu lassen einer restriktiven Therapie gewichen ist, verhält es sich im Film genau andersrum. Der Held wiederum sorgt auf seine Weise, dass die alten Verhältnisse mit ihren an Die 120 Tage von Sodom erinnernden Straftherapien wieder eingeführt werden. Es wird hier zwischen den Zeilen nur zu klar, dass mit der "alten Ordnung" das kommunistische Regime gemeint ist. Svankmajers Arbeit war zu Zeiten des Warschauer Paktes immer behindert worden. Seinem Wunsch, auch Langspielfilme zu machen konnte er nie folgen. DER TOD DES STALINISMUS IN BÖHMEN war 1990 seine Art der Abrechnung mit dem System. So ist es nur zu verständlich, dass er den jetzigen politischen Verhältnissen in Tschechien, die Sozialdemokraten haben eine Koalition mit den Kommunisten gebildet, nicht goutiert.

Svankmajer wäre nicht Svankmajer ohne seine famos-skurrilen Animationen, die mittels Stop-Motion und raffiniertem Editing toter Materie Leben einhaucht. Hier durchziehen Szenen mit animiertem Fleisch, Augen und anderen organischen Teilen die Handlung. Das ist wieder mehr als typisch, man denke nur an den witzigen Kurzfilm MEAT LOVE und viele andere. Vor allem Anfangs sind auch einige Sequenzen dabei, die sicher bei jedem bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei einer mit Zungen, die die Reste einer Mahlzeit auslecken, hat sich der Meister schnitttechnisch wieder einmal selbst übertroffen, in einem weiteren Beispiel stoßen ebenfalls Zungen aus den Körperöffnungen einer Büste, was visuell großartig kommt. Schon die einzige Animationseinstellung mit bewegter Kamera im Film, mit durch Matsch robbenden Fleischstücken enttäuscht, obwohl technisch aufwendiger, etwas und mit der Zeit läuft sich das Konzept etwas tot. Anders als in den bisherigen Langfilmen bilden die Animationen keine Einheit mit dem Rest, kommentieren höchstens geringfügig das Gezeigte. Bewusst werden diese Einsprengsel auch akustisch durch aufdringliche Drehorgelmusik vom Rest abgehoben. So empfindet man sie als Fremdkörper im eigentlichen Film und wünscht sich obwohl sie den Schauwert vergrößern, fast, dass sie, wenn schon nicht ganz entfernt, so doch in kleineren Dosen eingesetzt worden wären.
Überhaupt ist das Timing von SÍLENÍ nicht so perfekt, auch mancher Monolog des Marquis scheint etwas lange. Hat man den Film einmal gesehen, den formvollendeten Bogen, der gezogen wurde in seiner Ganzheit betrachtet, hat man wohl durchaus wieder Appetit auf eine zweite Vorführung. Und obwohl die Geschichte im Prinzip leicht verständlich ist, dürfte das lohnen. So ist es eindeutig klar, wenn vielleicht auch nicht für jeden gleich ersichtlich, was die ominöse 13. Züchtigungstherapie eigentlich ist, aber auch so manche Äußerung des Marquis scheint mehr zu bedeuten, als offensichtlich ist. Verglichen mit den vier vorangegangenen Langfilmen, ALICE, FAUST und den beiden eingangs Erwähnten, mag SÍLENÍ nicht ganz den hohen Erwartungen entsprechen, die für den neuen Syankmajer selbstverständlich wären, ein weit herausragender, vielschichtiger, trotz kleiner Längen oft witzig- und spannender Film ist es aber allemal geworden.











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