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SIEBEN LEBEN (USA 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. SEVEN POUNDS
Laufzeit in Minuten. 118

Regie. GABRIELE MUCCINO
Drehbuch. GRANT NIEPORTE
Musik. ANGELO MILLI
Kamera. PHILIPPE LE SOURD
Schnitt. HUGH WINBORNE
Darsteller. WILL SMITH . ROSARIO DAWSON . WOODY HARRELSON . BARRY PEPPER u.a.

Review Datum. 2008-12-22
Kinostart Deutschland. 2009-01-08

Wir sehen Ben Thomas (Will Smith), wie er den Notruf wählt, um seinen eigenen Selbstmord zu melden. Wir sehen Ben Thomas, wie er einen blinden Call-Center-Mitarbeiter (Woody Harrelson) wüst und ungerecht zusammenscheißt. Wir sehen Ben Thomas, wie er als freundlicher Finanzbeamter einen Klientenbesuch macht. Wir sehen Ben Thomas, wie er in einem schönen Auto zu einem schönen Haus am Meer braust, wo ihn eine schöne Frau erwartet. Wir sehen Ben Thomas, wie er voller Elan ein Team von Raumfahrtingenieuren leitet. Wir sehen Ben Thomas, wie er apathisch in einem versifften Motelzimmer liegt und einen besorgten Anruf seines Bruders abwimmelt. Wir sehen...

Okay, Schluss damit! Mittlerweile haben nicht nur ausgebildete Ärzte kapiert, unter welcher Krankheit SIEBEN LEBEN – zumindest in seinen ersten 30 Minuten – leidet: akutes Iñárritu-Fieber. Symptome: Zeitebenenverschränkung, Plotüberlagerung, Chronologiezerwürfelung. Wo jedoch der Regisseur von 21 GRAMM (mit dem dieser Film hier mehr Ähnlichkeiten hat, als man zunächst ahnt) seine formalen Sperenzchen idealerweise in Geschichten über Kontingenzerfahrungen reflektiert, sind sie hier reiner Vertuschungsmechanismus: Ben – und mit ihm der Film – hat ein Geheimnis, von dem wir zwar unbedingt wissen sollen, dass es da ist – erraten dürfen wir es hingegen nicht. Das Problem ist nun: Wer dermaßen hart auf Twistkurs eingestellt ist, sollte, bevor er endlich zur Enthüllung des Rätsels und folgerichtigen Umwertung alles zuvor Gesehenen schreitet, in der Zwischenzeit eine halbwegs interessante, wenigstens nachvollziehbare Tarngeschichte zu erzählen haben – und da hapert's bei SIEBEN LEBEN gewaltig.

Denn von allen potenziellen Story-Strängen (s.o.) verdickt sich ausgerechnet der Finanzbeamtenplot, und der ist, bei aller Liebe, total behirbelt: Ben besucht Menschen, die wegen kostspieliger Krankengeschichten mit der Steuer im Verzug sind und entscheidet vor Ort, ob sie einen Aufschub bekommen oder nicht. Seine Methode ist, vorsichtig gesagt, bürokratisch wie moralisch nicht ganz wasserdicht (obwohl der Film letzteres natürlich lautstark behauptet) und besteht in einer rein privaten Einschätzung, ob die jeweilige Person im emphatisch-amerikanischen Sinne "good and decent" zu nennen sei. In Bens Augen gar nicht "good" sind, nur mal zum Beispiel, Leute, die mit zu strenger Hand ein Pflegeheim führen und einen BMW fahren; geradezu engelshaft "good" hingegen sind solche, die sich mit viel Idealismus gebrauchskünstlerisch verdingen und ihre Hunde vegetarisch ernähren. In letztere Kategorie fällt Emily (hinreißend wie immer: Rosario Dawson), eine einsame Hochzeitseinladungsdruckerin mit einem lebensbedrohlichen Herzleiden.

Dass die beiden sich auf Anhieb lecker finden, muss ich wohl niemandem groß erzählen. Auf dem langatmigen Weg zum ersten Tête-à-tête baut der Film allerdings eine emotionale Zweigleisigkeit auf, die ihn hilflos auseinanderfahren lässt: Die Euphorie der knospenden Romanze wird immer wieder von Momenten unterbrochen, in denen sich Ben als von Dämonen zerfressener Trauerkloß zeigt: Häufig steht er im Regen, der in jeder dritten Szene auf ihn runterpladdert, und stiert bitterernst ins Nichts. Manchmal sitzt er einfach nur im Auto und brüllt. Hin und wieder wird sehr geweint. Andeutungsweise lässt sich eine Schuld in seiner Vergangenheit zusammenreimen, die es wiedergutzumachen gilt; in erratisch scheinenden Aktionen, die Robin Hood vor Neid erbleichen lassen würden, bewahrt er eine arme Migrantin vor ihrem prügelnden Ehemann und spendet in der Mittagspause mal eben narkosefrei Knochenmark.

Spätestens hier offenbart sich das narrative Kernproblem von SIEBEN LEBEN: Die Erklärung für Bens Verhalten, die aufzuschieben der Film sich nach Kräften bemüht, ist ein dermaßen integraler Bestandteil der Story, dass der ganze Rest ohne ihre Kenntnis schlichtweg nicht mehr funktioniert und zu frustrierendem, beizeiten lachhaftem Mumpitz gerinnt. Geradezu schizophren wirkt die Spaltung zwischen Liebesglück und Todessehnsucht: Gabriele Muccino, der schon die letztjährige Smith-Heulkrampfattacke DAS STREBEN NACH GLÜCK inszenierte, verpasst seinem neuen Feel-so-bad-it's-good-movie die morbide Aura eines Leichenbegängnisses. Smith und Dawson harmonieren zwar gut miteinander und halten sich löblich zurück, um das melodramatische Pathos ein wenig zu dämpfen, haben aber keine Chance gegen die gewittergraue Bildgestaltung und schwermütige Musikuntermalung; zudem nimmt man Smith den jungenhaften Herr-Kaiser-Charme des Steuersekretärs immer noch deutlich besser ab als Schmerz und Selbsthass, die bei ihm weniger nach Suizid- als nach Oscarkandidat aussehen.

Wer jetzt unbedingt noch einen Hinweis in Richtung des finalen Twists lesen möchte, bitte sehr: Es handelt sich um eine einigermaßen perverse Engführung des weihnachtlichen Gebots "Geben ist edler denn nehmen". Wenn es dabei jedoch um die kostbare Zeit des Kinozuschauers geht, der ja – anders als die Katze – bloß ein Leben zur Verfügung hat, würde ich im Fall von SIEBEN LEBEN über die Validität dieses Sprichworts noch mal ernsthaft nachdenken.











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