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SHUTTER ISLAND (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. SHUTTER ISLAND
Laufzeit in Minuten. 138

Regie. MARTIN SCORSESE
Drehbuch. LAETA KALOGRIDIS
Musik. ROBBIE ROBERTSON
Kamera. ROBERT RICHARDSON
Schnitt. THELMA SCHOONMAKER
Darsteller. LEONARDO DICAPRIO . MARK RUFFALO . BEN KINGSLEY . MAX VON SYDOW u.a.

Review Datum. 2010-02-18
Kinostart Deutschland. 2010-02-25

Bekloppte machen immer psst. Als Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) zum ersten Mal das Gelände von Ashecliffe betritt, steht eine irre Vettel im Rasen und legt sich den Finger an den Mund. Die Geste hat keine eigentliche Bewandnis, ist leere Einschüchterungskonvention aus dem Genre-Handbuch, wie vieles in diesem Film. Ashecliffe, eine Verwahranstalt für kriminelle Geisteskranke, fläzt wie ein Gothic-Schloss auf SHUTTER ISLAND, einem rauen, saukalten Felsbrocken von Insel, dauernd im Nebel, von Stürmen bedrängt. Teddy Daniels ist US-Marshal von Beruf, zusammen mit seinem Partner (Mark Ruffalo) wurde er herbeordert, das Verschwinden einer inhaftierten Kindsmörderin zu investigieren. (Damals, in den 50ern, gab's halt noch kein GPS.) Was die Anstaltsleitung nicht weiß: Neben seiner offiziellen Mission hat Daniels noch eine private Agenda im Hinterstübchen.

Auch Martin Scorsese will man gelegentlich zuraunen: psst. Den Geheimnissen, die das Drehbuch eigentlich kübelweise in petto hat, erweist er sich als denkbar schlechter Krämer. Trotz sintflutartiger Verdachtsmomentballung – Insassen schicken kryptische Botschaften, die Pfleger scheinen allesamt Lügner, und einer der dubiosen Residenzärzte (Kingsley, von Sydow) betont die Konsonanten verdächtig deutsch – ist schon sehr früh klar, was hier bloß Ablenkungsmanöver ist und wovon es ablenken soll. Das bisschen Kleingedruckte, das sich der Ahnung entzieht, wird zu guter letzt per Flipchart nachgereicht. (Man kann Shyamalan ja einiges vorwerfen, aber wenigstens braucht er für seine Twists keine Power-Point-Präsentationen.)

Dennis Lehane, der die Romanvorlage geschrieben hat, charakterisiert SHUTTER ISLAND als bewusst pulpige Hommage an die noirischen Knast-Thriller der 50er, BRUTE FORCE etwa, oder SHOCK CORRIDOR; ein Spiel also mit Versatzstücken, reiner Pastiche. Scorsese jedoch versteht das als Freifahrtschein, die Geschichte nicht mehr ernst nehmen zu müssen, sich, anders gesagt, von der narrativen Sorgfaltspflicht zu entbinden. Ungefähr so: Weil der Zuschauer ohnehin weiß, was ihn erwartet, ist es die Mühe, ihn auf falsche Fährten zu locken, gar nicht erst wert. Als Spannungskino ist SHUTTER ISLAND dementsprechend eine dröge, deutlich zu lange Angelegenheit.

Statt dessen konzentriert sich Scorsese auf die letzte Tugend, die ihm geblieben ist: virtuoses Ausstattungstheater von genussvoller Künstlichkeit. Wie gemalt hängt der stahlgraue Himmel über dem Eiland, an dessen Felsklüften sich die windgepeitschte See bricht. Das Kaminzimmer der Doktorschaft ist so voll mit schweren Teppichen und Kandelabern, dass man jeden Moment Vincent Price in der Tür erwartet. Im expressionistisch ausgeleuchteten Hochsicherheitstrakt werden ganze Escher-Gemälde lebendig; die Kamera zieht unter die Decke, dreht Pirouetten, sinkt wieder ab – Kinematographie, für die man gymnastische Fachtermini bräuchte. Sogar den schmucklos per Schuss-Gegenschuss aufgelösten Dialogen weiß Scorsese dank gewisser Irritationsmomente – Flammen, die von unten ins Bild schlagen – etwas Hypnotisches beizugeben.

Womit wir bei den Traumata wären. Teddy, ein doppelt gezeichneter Mann, hat die Befreiung von Dachau miterlebt, später seine Frau in einem Feuer verloren (der Brandstifter, man ahnt es, sitzt in Ashecliffe ein). Beide Vorfälle geistern ihm nachts vor dem inneren Auge herum: die zugefrorenen Leichenberge, die aussehen wie eine Giger-Installation; die glimmende Wohnung im Ascheregen. Diese Sequenzen immerhin lohnen den Kinobesuch, weil ihre melodramatische, fast schon geschmacklose Artifizialität über die bloße Reproduktion eines Genres hinausgeht. Vielmehr erschaffen sie innerhalb dieses Genres eine eigene Ordnung des Künstlichen: Wenn Noirs in Farbe träumen könnten.











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