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SHIN GODZILLA (Japan 2016)

von Marc Zeller

Original Titel. SHIN GOJIRA
Laufzeit in Minuten. 120

Regie. HIDEAKI ANNO . SHINJI HIGUCHI
Drehbuch. HIDEAKI ANNO
Musik. SHIRO SAGISU
Kamera. KOSUKE YAMADA
Schnitt. HIDEAKI ANNO . ATSUKI SATO
Darsteller. HIROKI HASEGAWA . YUTAKA TAKENOUCHI . SATOMI ISHIHARA . REN ÔSUGI u.a.

Review Datum. 2017-05-04
Kinostart Deutschland. 2017-05-04

Ein Schiff der Küstenwache, das in der Bucht von Tokyo eine verlassene Yacht untersucht, wird völlig zerstört. Gleichzeitig wird ein nahegelegener, unter Wasser verlaufender Straßentunnel schwer beschädigt und zum Teil geflutet. Die Behörden sind alarmiert: Was hat die Kraft, innerhalb kürzester Zeit solche Zerstörungen hervorzurufen? Und was steckt hinter der gewaltigen Wasserfontäne, die bald am Ort des Geschehens erscheint? Während einige Wissenschaftler noch auf eine vulkanische Eruption tippen, ist Rando Yaguchi (Hiroki Hasegawa), einer der jüngeren Politiker des Landes überzeugt, dass es sich um den Angriff einer riesigen Kreatur handelt. Yaguchi behält Recht: ein gewaltiges Monster, das bald als Godzilla bezeichnet wird, erhebt sich aus dem Meer - und Yaguchi muss mit seinem Team von Spezialisten nicht nur gegen das Wesen selbst, sondern auch gegen den eigenen Behördenapparat kämpfen ...

Wie fängt man an, wenn man den 31. beziehungsweise 29. Teil (je nachdem, ob man die US-Godzillas mitrechnet) einer Filmreihe besprechen will? Am besten ganz am Anfang, denn SHIN GODZILLA ist als Reboot der langlebigen Toho-Reihe konzipiert. Das passt, denn Hideaki Annos neuer GODZILLA ist wie im Original nie nur Monsteraction, sondern immer Abbild der Gesellschaft, Spiegel realer Ereignisse. Auffällig deutlich wird dies in den zum Teil etwas langatmigen Szenen, in denen der Umgang mit der Krise thematisiert wird - völlige Planlosigkeit, stures Festhalten an vorgefertigten Strategien, blindes Vertrauen in vermeintliche Autoritäten, undurchsichtige und hochgradig bürokratische Machtstrukturen - und all dies in den Händen von alten Männern, die Verantwortung hin und her schieben, einen Berater nach dem anderen auflaufen lassen und letztlich in ihrer unflexiblen Haltung die Jagd auf Godzilla langsam, aber unerträglich absehbar in den Sand setzen. Dies losgelöst von den Ereignissen um den Tsunami und den Reaktorunfall von Fukushima im Jahr 2011 zu betrachten, ist natürlich möglich, wird dem Film aber keinesfalls gerecht. Den direkten Bezug zu den genannten Ereignissen unterstreichen auch zahlreiche visuelle Anspielungen von in die Straßen geschwemmten Fischerbooten und panisch flüchtenden Menschen.

Somit ist die Atomkraft im weitesten Sinne also wieder - auch über sechzig Jahre nach Veröffentlichung des ersten GODZILLA-Films - der große Angstmacher, der SHIN GODZILLA wie ein Uhrwerk nach vorne treibt. Und nach hinten: Denn in den starken Momenten, in denen ein möglicher Atomschlag der heute verbündeten USA gegen das Monster diskutiert wird, brechen schmerzliche Erinnerungen an Hiroshima und Nagasaki wieder auf, huschen dunkle Schatten plötzlich ganz klar über die sonst oft trüben Augen der älteren Politiker im Film.

Wer sich nun denkt: Ich wollte eigentlich nur einen Film mit Riesenmonster sehen, kein Riesenmonster von Geschichtskurs absolvieren, dem sei beruhigend hinzugefügt, dass SHIN GODZILLA auch (!) eine sehr ansehnlich gemachte Zerstörungsorgie ist, die sich tricktechnisch wohltuend abhebt vom gängigen, auf Show-off getrimmten FX-Gedöns Hollywoods. Hideaki Annos Mitregisseur Shinji Higuchi nutzt für sein Metier eine Mischung aus verschiedenen Spezialeffekttechniken - unter anderem klassische Puppenmodelle, aber auch CGI - die in ihrer handwerklichen Präzision von Respekt vor dem Erbe der Reihe zeugen, aber natürlich auch in die Zukunft weisen, die an computergenerierten Effekten aus guten Gründen nicht vorbeikommt. Anno und Higuchi ordnen den technischen Aspekt jedoch der zu erzielenden Wirkung unter, sodass das Ergebnis eine gewaltige Kreatur ist, die klar als filmisches Konstrukt erkennbar bleibt und doch so ansehnlich ganze Landstriche verwüstet, dass SHIN GODZILLA glaubwürdig Spannung erzeugen kann.

Diese Stimmigkeit rührt auch von der insgesamt düsteren Atmosphäre her, die dem Film wirklich gut zu Gesicht steht. Keine Kämpfe gegen andere Monster, kaum humoristische Einlagen, einfach ein beklemmendes Szenario, das den Geist des Originals atmet. Zurück also zu den Wurzeln, und gleichzeitig im Retro-Chic direkt in die Moderne: Die schnörkellos inszenierte, symbolhafte Begegnung mit einer ultimativen Bedrohung passte gestern, passt heute, wird morgen noch passen - weil die großen Gefahren unserer Zeit vielleicht doch nicht so weit weg sind von den Problemen, die wir gerne als überwunden betrachten.











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