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DER SEE DER WILDEN GÄNSE (China/Frankreich 2019)

von André Becker

Original Titel. NAN FANG CHE ZHAN DE JU HUI
Laufzeit in Minuten. 113

Regie. DIAO YINAN
Drehbuch. DIAO YINAN
Musik. BEE SIX
Kamera. DONG JINSONG
Schnitt. KONG JINLEI . MATTHIEU LACLAU
Darsteller. HU GE . GWEI LUN-MEI . LIAO FAN . WAN QIAN u.a.

Review Datum. 2020-08-30
Kinostart Deutschland. 2020-08-27

Fast zu schön um wahr zu sein. DER SEE DER WILDEN GÄNSE ist pure, unverfälschte Kinomagie und vor allem eins: Ein unfassbar cooler Gangsterfilm. Eine atemlose Reise, die voller Überraschungen steckt und die an unwirkliche Orte führt. In traumwandlerische Bilder getaucht. Ein Film, in der die Nacht tausend Farben kennt. In beängstigender Perfektion gefilmt von Diao Yinan. Der gefeierte chinesische Regisseur (goldener Bär für FEUERWERK AM HELLICHTEN TAG) widmet sich dabei geradezu klassischen Themen des Gangsterkinos. Es geht um Verrat, Flucht und letztlich den Kampf mit allen Mitteln. Gegen jede Chance.

DER SEE DER WILDEN GÄNSE führt sein Publikum zunächst in die chinesische Metropole Wuhan, wo der schlagkräftige Gangster Zhou Zenong (Hu Ge) in einen blutigen Bandenkrieg gerät. Als die Lage eskaliert und ein Polizist stirbt, muss Zhou überstürzt fliehen und die Großstadt hinter sich lassen. Mit Hilfe der Prostituierten Liu Aiai (Gwei Lun-Mei) schafft es der junge Kriminelle schließlich die Verfolger abzuschütteln und unterzutauchen. Doch das anfängliche Gefühl von Sicherheit ist trügerisch. Sowohl Polizei als auch Gangmitglieder sind ihm dicht auf den Fersen.

Auch von Liu Aiai geht Gefahr aus, wenngleich Diao Yinan diese Story-Entwicklung nicht lange verdeckt hält. Nicht nur mit ihrer Rolle verortet sich der Film in der Tradition des altehrwürdigen Film noir. Vertrauenswürdig ist in DER SEE DER WILDEN GÄNSE niemand, es dominieren Außenseiterfiguren, die am Rande der Gesellschaft ihren Platz gefunden haben. Dies aber, so legt es der Film nahe, mit einem gleichsam furchtlosen und selbstsicheren Habitus, der ihnen allen eine Aura des Unverwundbaren zuweist.

Erwartungsgemäß ist DER SEE DER WILDEN GÄNSE ein sehr sinnlicher Film, der immer wieder Momente leiser Poesie in die betörenden Bilder einfließen lässt. Schon die ersten Minuten, wenn der Film mehrere Ereignisse, die noch folgen werden, vorwegnimmt und zeigt wie Zhou Zenong und Liu Aiai das erste Mal aufeinandertreffen, umweht eine melancholische Grundstimmung. Es ist warm und regnet. Ein junger Mann wartet in einer Bahnhofshalle auf seine Rettung (in Form von Liu Aiai). Ihre Blicke treffen sich, geredet wird wenig, dennoch liegt schon hier das erotische Flirren in der schwülen Nachtluft, welches die beiden getriebenen Seelen den ganzen Film über begleitet (und das sich schließlich in einem kleinen Boot in einer, für eine chinesische Produktion, erstaunlich expliziten Oralsexszene entlädt).

DER SEE DER WILDEN GÄNSE lebt darüber hinaus von seinen zahlreichen skurrilen Szenen, die von Diao Yinan aber so geschickt eingebaut werden, dass sie innerhalb der eigentlich sehr genre-typischen Gangster-Story keine Fremdkörper bilden. Wenn auf einem Wochenmarkt plötzlich zu Boney M. getanzt wird und kurze Zeit später ein wildes Tohuwabohu ausbricht, ist man als Zuschauer erst irritiert aber schnell fasziniert mit welcher inszenatorischen Leichtigkeit der Film diesbezüglich vermeintliche Kontraste und Brüche in ein großes ästhetisches Ineinander überführt. Überhaupt ist Diao Yinans Film ein visuelles Erlebnis, dass der Regisseur mit einer enormen Bandbreite an Farben- und Schattenspielen immer wieder neu zu steigern weiß.

Meisterhaft ist zudem wie Diao Yinan die architektonischen und räumlichen Gegebenheiten der Schauplätze des Films nutzt. Sei es die Enge einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung, die unwirkliche Atmosphäre eines Zoos (!), die Einsamkeit einer Landstraße (auf der in der ersten Hälfte eine rasante Verfolgungsjagd auf Motorrollern stattfindet) oder die Ruhe eines stillen Sees, die doch nur von kurzer Dauer ist. Yinan hat hier zahlreiche kraftvolle Szenen geschaffen, die eine sehr unmittelbare Erfahrungswelt evozieren, die sich zweifellos nur auf der großen Leinwand voll entfalten kann. Es ist daher ein großes Glück, dass der Film hierzulande regulär in den Kinos erscheint und man somit die Möglichkeit erhält ihn dort zu bewundern wo er hingehört.











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