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DER SCHWARZE ENGEL (Argentinien/Spanien 2018)

von André Becker

Original Titel. EL ANGEL
Laufzeit in Minuten. 118

Regie. LUIS ORTEGA
Drehbuch. LUIS ORTEGA . SERGIO OLGUIN . RODOLFO PALACIOS
Musik. JOSE LUIS DIAZ
Kamera. JULIAN APEZTEGUIA
Schnitt. GUILLE GATTI
Darsteller. LORENZO FERRO . LUIS GNECCO . CHINO DARIN . CECILIA ROTH u.a.

Review Datum. 2019-06-01
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Argentinien in den siebziger Jahren. Das ganze Land ächzt unter den umfassenden politischen Spannungen. Die Stimmung ist aufgeladen. Geradezu explosiv. Und dennoch: Ein seltsamer Groove erfasst vor allem die Jugend. Laue Sommernächte, wilde Partys und hemmungsloser Drogenkonsum. In dieser Zeit beginnt die kriminelle Laufbahn des Teenagers Carlos Eduardo Robledo Puch, genannt Carlitos.

DER SCHWARZE ENGEL erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von Carlitos (gespielt von Lorenzo Ferro) Aufstieg und Fall als packendes Zeitportrait, dass mit somnolenten Bildern sehr einprägsam das gesellschaftliche Klima des Landes widerspiegelt. Der schnörkellosen Regie und dem sehr fokussiert aufgebautem Drehbuch ist es zu verdanken, dass die, von Pedro Almodovar realisierte, Produktion seiner Figur zwar sehr nah kommt, die im Charakter angelegten Ambivalenzen aber stets mitdenkt und hier eine ausreichende Distanz schafft. Wirklich greifbar ist die Hauptfigur nicht. Und das ist auch gut so.

Während es anfangs noch vergleichsweise harmlose Delikte sind, die Carlitos mit vollkommen empathieloser Gleichgültigkeit begeht, ändert sich das Ausmaß seiner Vergehen schlagartig als er zusammen mit seinem Mitschüler Hector (Chino Darin) und seinem gerissenen Vater auf Raubzüge quer durch die argentinische Oberschicht geht. Der erste Mord lässt nicht lange auf sich warten. Weitere werden folgen.

Regisseur Luis Ortega erspart dem Publikum allzu grausame Details der sehr umfangreichen Verbrecherbiografie von Carlitos und zeigt die Taten eher als Nebenschauplätze. Carlitos Beweggründe bleiben diffus. Gier, Geltungssucht und identitäre Verwirrungen werden als Gründe durch das Skript angeboten, dies allerdings nicht mit dem Anspruch auf unmittelbare Gültigkeit. Die wahre Sprengkraft der gesamten Story liegt dabei im engelsgleichen Äußeren des jungen Mannes. Ortega arbeitet sich diesbezüglich erfolgreich daran ab, die Diskrepanz zwischen dem jungenhaften Auftreten und der Kaltblütigkeit der Morde und sonstigen Verbrechen auszuarbeiten.

Mittels eines sehr genauen Gespürs für politische und soziokulturelle Aspekte entwirft DER SCHWARZE ENGEL ein sehr scharfsinniges Zeitportrait, dass von Stimmung und Atmosphäre her eher wie die Story eines Kleinkriminellen daherkommt und weniger wie die Geschichte eines der berüchtigten Verbrechers Argentiniens. Die homoerotische Spannung zwischen Carlitos und seinem Kumpel Hector bildet dabei eine Rahmung, die Ortega eher als Grundrauschen einsetzt, das abgesehen von einer erstaunlich expliziten Szene, nie in aller Konsequenz ausformuliert wird.

DER SCHWARZE ENGEL kommt gerade durch das Nicht-Erklären der jeweiligen Taten der Unergründlichkeit der wahren Ereignisse recht nah. Ortega vermeidet fadenscheinige Erklärungsversuche, die angesichts der teils enorm grausamen Verbrechen von Carlitos, wahrscheinlich eh nur ins Leere laufen würden. Die Bilder eines verträumten Jugendlichen, der mit einem gestohlenen Motorrad über die sonnendurchfluteten Straßen einer argentinischen Vorortsiedlung tuckert und die Szenen eines immer noch sehr jungen Mannes, der ohne jede Regung wehrlose Menschen im Schlaf erschießt wollen nicht zusammenpassen, finden unter der Regie von Ortega aber letztendlich doch in einer filmeigenen Logik zueinander. Luis Ortegas Film erwischt einen dann letztlich doch kalt. Das dies trotz oder gerade wegen der leichtfüßigen Inszenierung gelingt ist beachtlich. Ein angenehm irritierendes Filmerlebnis.

SCHWARZER ENGEL erscheint am 27.06.2019 von Koch Media auf Blu-ray und DVD.











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