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SCHNEEFLÖCKCHEN (Deutschland 2017)

von André Becker

Original Titel. SCHNEEFLÖCKCHEN
Laufzeit in Minuten. 120

Regie. ADOLFO KOLMERER
Drehbuch. AREND REMMERS
Musik. ROMAN FLEISCHER
Kamera. KONSTANTIN FREYER
Schnitt. WILLIAM JAMES. ROBERT HAUSER
Darsteller. REZA BROJERDI . ERKAN ACAR . XENIA ASSENZA . MATHIS LANDWEHR u.a.

Review Datum. 2017-09-03
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Vorhang auf für SCHNEEFLÖCKCHEN. Die von Adolfo Kolmerer (Regie) und Arend Remmers (Drehbuch) inszenierte Action-Comedy zeigt, dass man sich um das, vielerorts gerne totgesagte, Genre-Kino aus Deutschland eigentlich keine großen Sorgen machen müsste. Vorausgesetzt uns erreichen auch künftig solche irrwitzigen Crowd Pleaser wie diese rasante Großstadtodyssee, die vollkommen furchtlos und ohne falsche Zurückhaltung durch die unterschiedlichen Genres pflügt.

Aufgeteilt ist der Film in einzelne Themensegmente, die dem Handlungsverlauf Struktur und Sinnhaftigkeit geben. Die erste Station führt uns in eine leicht ranzige Berliner Dönerbude, wo zwei schnieke junge Männer mit Namen Tan (Erkan Acar) und Javid (Reza Brojerdi) gestrandet sind und eine hitzige Diskussion über vermeintlich Nebensächliches führen. Bereits in diesen ersten Minuten lassen die Macher die Herzen all derer höher schlagen, die zackig geschriebene Nonsens-Dialoge zu schätzen wissen. Es bleibt natürlich nicht nur bei diesen blitzschnellen Dialogpassagen, denn die eigentliche Handlung strotzt nur so vor irren Einfällen irgendwo zwischen genial und vollkommen gaga.

Besagte Jungs aus dem Imbiss sind zwei schwerbewaffnete, in ihrer Derbheit aber durchaus sympathisch gezeichnete Kleingangster, die eines schönen Tages in ihrer schrottreifen Karre ein noch unvollendetes Drehbuchmanuskript finden, dass exakt die letzten und darauf folgenden Stunden ihres Daseins nachzeichnet, inklusive sämtlicher Wortwechsel und Ereignisse. Schnell finden die beiden Freunde heraus, dass das Drehbuch von einem windigen Zahnarzt geschrieben wurde, der das Geschreibsel primär als Hobby betreibt und dabei eigentlich nichts Böses im Sinn hat. Eine (eher schmerzhafte) Befragung des Doktors bringt zwar keine wirkliche Aufklärung, aber immerhin gelangen die zwei unfreiwilligen Hauptdarsteller an eine mehr oder minder komplette Drehbuchfassung. Tan und Javid kommen aber gar nicht erst dazu die erweiterte Fassung zu lesen, da ab diesem Zeitpunkt allerlei obskure Gestalten (Auftragskiller, verrückte Neofaschisten, wildgewordene Kneipengäste usw.) den Weg der beiden kreuzen. Ach ja, eine engelsgleiche Sängerin namens Schneeflöckchen, eine junge Dame auf Rachefeldzug (gespielt von Xenia Assenza) und ein Straßenkämpfer mit Superheldenambitionen tauchen auch noch auf und führen zu immer neuen, scheinbar schicksalshaften Begegnungen.

Auf den ersten Blick hört sich das alles freilich ziemlich strange und heillos überfrachtet an. Regisseur Kolmerer gelingt es jedoch aus den einzelnen Sequenzen ein erstaunlich kohärentes Narrativ zu formen. Nach und nach finden die jeweiligen Abschnitte zusammen und offenbaren hier fast nebenbei vieldeutige Genre-Referenzen und Querverweise auf soziale Problemfelder (überdeutlich die Thematisierung von Rassismus und allgegenwärtiger gesamtgesellschaftlicher Verrohung). Das Drehbuch vergisst diesbezüglich allerdings nie den Spaß-Faktor zu pushen und geht in regelmäßigen Abstände mit einem angemessenen Tempo in die Vollen.

Highlights sind z.B. ein brachialer Shoot-out in einer Bar, kurze aber einprägsame Kampfchoreografien (mit Mathis Landwehr, der zuletzt in dem B-Reißer IMMIGRATION GAME ordentlich austeilte) und jede Menge abgefahrener Ideen, die den Filmverlauf immer wieder ins Groteske rücken und dem Unterhaltungswert der Produktion enorm zuträglich sind. Obwohl nicht alle Einfälle hyper-originell sind (z.B. das polnische Killerduo, das einem Backwood-Slasher entlaufen sein könnte), weist doch der Großteil der Figuren in Punkto Erscheinungsbild und Habitus ein unverwechselbares Profil auf. Regie und Drehbuch (eigentlich müsste man hier eher von Drehbücher sprechen) hinterlassen somit eine spezifische Duftnote, die im deutschen Genre-Film oftmals schmerzlich vermisst wird. Zudem punktet der Film mit einer geerdeten, gleichsam sehr prägnanten Bildgestaltung. Von Fernsehoptik (ein weiterer häufig artikulierter Vorwurf an deutsche Genre-Filme) fehlt hier jedenfalls zum Glück jede Spur.

Die über Crowdfunding finanzierte Produktion kann darüber hinaus auf der schauspielerischen Ebene überzeugen und lässt mit Tan und Javid zwei wild fluchende Anti-Helden von der Leine, denen man gerne mit einem verschmitzten Lächeln durch die schummrigen Straßen und Hinterhöfe Berlins folgt. Dass die ruhigeren Momente im Gesamtkontext der Erzählung ebenso funktionieren, belegt noch einmal zusätzlich, dass es das Team vor und hinter der Kamera versteht neben all der überdrehten Bambule in genau den richtigen Momenten mal einen Gang zurückzuschalten. Insofern ist es nicht übertrieben wenn man SCHNEEFLÖCKCHEN als einen der besten deutschsprachigen Genre-Filme der letzten Jahre bezeichnet. Ein rotzfreches Erwachsenen-Märchen im Eskalations-Turbo, ein Buddy Movie bei dem auch Gott mal kurz vorbei schaut oder vereinfacht ausgedrückt: Eine echte Spaßgranate, der es zu wünschen ist, dass sie von einem größeren Publikum wahrgenommen und geschätzt wird.











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