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SCHILF (Deutschland 2011)

von Andreas Günther

Original Titel. SCHILF
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. CLAUDIA LEHMANN
Drehbuch. CLAUDIA LEHMANN . LEONIE TERFORT
Musik. THOMAS KÜRSTNER . SEBASTIAN VOGEL
Kamera. MANUEL MACK
Schnitt. NIKOLAI HARTMANN
Darsteller. SEBASTIAN WITTICH . STIPE ERCEG . BERNADETTE HEERWAGENS . NICOLAS TREICHEL u.a.

Review Datum. 2012-03-06
Kinostart Deutschland. 2012-03-08

Der Film, der sich unaufhörlich verzweigt.

Die Verfilmung des Bestsellers "Schilf" von Juli Zeh sollte ein Thriller über Paralleluniversen werden. Doch statt in parallele Welten zerteilt sich der Stoff heillos in verschiedene Genres - wenngleich auf hohem stilistischen Niveau.

Die promovierte Physikerin Claudia Lehmann weiß offenkundig bestens über das Thema Bescheid, das ihr erster abendfüllender Spielfilm SCHILF behandelt. Wie sie in einem Artikel für das Presseheft erläutert, besagt die Theorie der Parallel- oder Multiuniversen, das etwas gleichzeitig sein und nicht sein kann. Denn "bei jeder Entscheidung (durch eine Messung oder Beobachtung), zu der das Universum gezwungen wird, (spaltet) sich dieses in mehrere Universen auf, wobei jeweils nur eine der möglichen Varianten realisiert wird". Meist kontrovers plaudern darüber im Roman "Schilf" von Juli Zeh und in Lehmanns Verfilmung Sebastian Wittich (Mark Waschke) und Oskar Hoyer (Stipe Erceg). Sie sind Kapazitäten auf dem Gebiet der experimentellen Physik. Der eine arbeitet an einer Theorie der Paralleluniversen, der andere an den Teilbeschleunigern des CERN in der Schweiz. Vor allem aber sind sie Freunde. Das in einer elegant komprimierten Form darzustellen, an der man die versierte Kurzfilmerin erkennt, macht der Regisseurin Lehmann sichtlich Spaß. Der musikclipartige Vorspann in Super 8, DV und Hi bringt wackelige Bilder von Frotzeleien im Auto, von einem Abend in der Kneipe, in der sich Sebastian nach der Frau hinter der Bar umdreht, die er heiraten und mit der er ein Kind haben wird, was zu Ferien zu viert am Strand führt, in denen mit einem abgebrochenen Ast physikalische Formeln in den Sand gekritzelt werden... Wie nebenbei, völlig unangestrengt, zaubert Lehmann ein intimes Porträt von Angehörigen einer Elite, die Gestalten unserer Kindheit wie Showmaster Frank Elstner die "Stillen Stars" genannt haben, die selbstbewusst sind, aber nicht arrogant, die abheben, aber dabei mit beiden Beinen auf der Erde stehen, deren Witze über die deutsche Vergangenheit ihnen aber buchstäblich im Halse stecken bleiben. Von diesen Menschen möchte man mehr erfahren, und wenn das noch mit einer spannenden Handlung verbunden wird - umso besser!

Soweit kommt es jedoch nicht. Das großartige Potential bleibt unausgeschöpft. Das Drehbuch, das angelsächsische Experten wahrscheinlich als ‚character driven' qualifiziert hätten, aber vor allem die hervorragenden Darsteller platzen vor Geschichten, die sie nicht auserzählen respektive ausspielen dürfen. Das Leben von Sebastians Frau Maike (Bernadette Heerwagen) wirkt unausgefüllt. Klinikarzt Dr. Ralph Dabbeling (Paul T. Grasshoff), mit dem sie ausgedehnte Fahrradtouren unternimmt, ist offenkundig in sie verliebt. Sebastian ist misstrauisch. "Lass ihr doch die Freude", rät dagegen Oskar, der jedoch selbst Dabbeling düster mustert. Aufgrund seiner Verwicklung in einen Medizinskandal tituliert er ihn nur als "Mengele". Gleichzeitig hat man den Eindruck, dass Oskar Sebastian um seine Frau und seinen etwa zehnjährigen Sohn Nick (Nicolas Treichel) beneidet. Überdies geraten Oskar und Sebastian während einer Fernsehsendung in Streit, in der Oskar die Paralleluniversen-Theorie als ethisch problematisch attackiert. Etwas zu viele Konfliktlinien überlagern sich, auch wenn Lehmann diese in räumlichen Arrangements eindrücklich zu inszenieren weiß.

Dann wird Nick auf einem Rastplatz aus dem Auto entführt, während sein Vater eine Besorgung machen will. Eine Frauenstimme meldet sich bei Sebastian und gibt ihm scheinbar den Auftrag, Dubbeling zu töten, wenn er seinen Sohn wiedersehen will. Wenn Manuel Macks Kamera um den hektisch in sein Handy brüllenden Sebastian herumwirbelt, glaubt man, in dem besten deutschen Thriller seit langem endlich angekommen zu sein. SCHILF mag vom Fernsehen finanziert sein, aber das sieht man glücklicherweise nicht. Wenn Sebastian seiner Frau, die sich im Kurzurlaub befindet, vorlügt, der Junge sei im Zeltlager, wenn er sein Handy, voller Ungeduld auf ein Lebenszeichen von Nick wartend, bei der Essenszubereitung neben das Gemüse legt, wenn Sebastians Pullover sich beim Anschlag auf Dubbelling mit Naturabfällen und Blut vollsaugt, ist SCHILF wunderbar frei von der Schuss-Gegenschuss-Monotonie und anderen ästhetischen Grobschlächtigkeiten, die einen sonst in solchen Adaptionen anstarren. Stattdessen wird man wunderbar verführt von veristischen Details und den stumm sprechenden Dingen, die so viel von unserer Verzweiflung künden können.

Nicks Entführung hätte wie beim Billard der Stoß mit der weißen Kugel sein können, der das Gemengelage der Motive, Ereignisse und Personen klärt und in Bewegung bringt. Aber zu viele Kugeln bleiben liegen. Der Film beschränkt sich darauf, Sebastian zum Opfer seiner Theorie zu machen, und ihn gleichzeitig retten zu wollen. Nick telefoniert aus dem Zeltlager. Er gibt später an, von seinem Vater dorthin gebracht worden zu sein. Hat eine Entführung überhaupt stattgefunden? "Kann denn beides sein, dass ich entführt wurde und im Zeltlager bin?" fragt Nick. Nicht nur er ist ratlos. Sebastian muss sich fragen, ob er in zwei verschiedenen Universen lebt oder verrückt ist - oder beides. Maike verlässt ihn mit Nick, die Polizei sucht ihn. Oskar hilft, scheint aber weit mehr zu wissen, als er sagt. Statt diese Stränge konsequent weiterzuverfolgen, wartet der Film mit der Figur "Schilf" auf, die dem Film seinen Namen gibt, aber im Gegensatz zu Juli Zehs Roman kein Kriminalkommissar ist, sondern ein älterer Mann, der sich als Zeitreisender entpuppt. Das ist das Element zu viel, dass die Lust am Film in Verdruss umschlagen lässt. Der Rest ist Verwirrung und Beliebigkeit.

SCHILF startet als Generationen- und Gruppenporträt, legt ein Intermezzo als Be-ziehungs-Kammerspiel ein, nimmt die Abzweigung zum Psychothriller, geriert sich an-schließend als Wissenschaftskrimi und sucht sein Heil in der Science Fiction. Nicht in Welten verzweigt sich der Film, sondern in Genres. Seine Stärke, die Unmittelbarkeit der Figuren und Geschehnisse, entlarvt sich als seine größte Schwäche, denn dahinter steht der in Interviews immer wieder bekundete Wunsch der Regisseurin, die mit Leonie Terfort auch das Drehbuch verfasst hat, ihre Figuren "in einer Welt" zu verankern - eben auch dank veristischer Details. Was fehlt, ist die Unwirklichkeit. Der große argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges hat das gewusst. Seine klassische Kurzgeschichte zu dem Thema, "Der Garten der Pfade, die sich verzweigen", über einen Mann, der sich aufgrund der Parallelität der Zeit seiner Urheberschaft einer Tat, die ebenso als Verrat wie als Heldentat gelten kann, nicht sicher sein darf, wird durch perspektivische Brechungen ent-wirklicht. Zeh hat es ähnlich gemacht, Lehmann aber sollte beim nächsten Mal lieber Menschen als Theorien in den Mittelpunkt stellen. Trotz ihrer beruflichen Vorkenntnisse. Die filmischen Mittel dafür beherrscht sie allemal.











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