AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
MEINUNGSMACHER

REYKJAVIK WHALE WATCHING MASSACRE (Island 2009)

von Alexander Karenovics

Original Titel. REYKJAVIK WHALE WATCHING MASSACRE
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. JULIUS KEMP
Drehbuch. SJON SIGURDSSON
Musik. HILMAR ÖRN HILMARSSON
Kamera. JEAN NOEL MUSTONEN
Schnitt. SIGURBJORG JONSDOTTIR
Darsteller. PIHLA VIITALA . MIRANDA HENNESSY . AYMEN HAMDOUCHI . GUNNAR HANSEN u.a.

Review Datum. 2010-11-23
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Der Titel erinnert nicht von ungefähr an Tobe Hoopers legendäres BLUTGERICHT IN TEXAS - der isländische Slasher mit blumigem Namen verfrachtet das bekannte Backwood-Szenario auf hohe See: eine Gruppe Walfänger der alten Schule will sich die Jagd von ein paar Eurokraten nicht vermiesen lassen und zielt mit der Harpune fortan auf Touristen; davon gibt's schließlich genug. Auf Umweltschutz-Organisationen sind die Einheimischen auch nicht gut zu sprechen; man muß nicht mal zur Hillbilly-Meute gehören, um so fiese Sprüche wie Green Piss beim Stammtisch zum Besten zu geben.

Für flaue Mägen sorgt die Titelsequenz, die in dokumentarischen Aufzeichnungen aus dem isländischen Filmarchiv Arbeiter beim blutigen Geschäft (Ausweiden und Zerlegen der Beute) zeigen. Im Film selbst geht's dagegen ausschließlich Zweibeinern an den Rollkragen: eine aus allerlei Nationen bunt zusammengewürfelte Truppe hat auf einem ausgemusterten Walfänger eine Sightseeing-Tour gebucht um die imposanten Säugetiere im natürlichen Umfeld zu beobachten, und gerät dabei prompt ins Visier von Madam Ahab und ihrer degenerierten Crew. Fans des '74er TEXAS CHAINSAW MASSACRE dürfen sich auf einen Gastauftritt von Gunnar Hansen (niemand anderes als der originale Leatherface) als Kapitän des Touri-Kahns freuen.

Das Final Girl hat man innerhalb der ersten fünf Minuten identifiziert, und auch sonst gewinnt das Skript keinen Preis für Originalität, macht sich stattdessen einen Spaß daraus, verschiedene nationale Stereotypen (vom arroganten Nouveau Riche bis zum japanischen Kamikaze-Girly) im Angesicht der Gefahr durch den Kakao zu ziehen; zugegeben, eine ziemlich bittere Sorte Kakao, aber der ruppige Ton wird Genre-Fans zweifellos gefallen. Einen Klassiker hat man sich mit REYKJAVIK WHALE WATCHING MASSACRE allerdings nicht ins Netz geholt (dafür bräuchte es Charaktere anstatt Typen).

Bis zum ersten gespaltenen Schädel vergehen etwa 20 Minuten, danach schippert der Film überraschend konstant im 10 Knoten Bereich dahin, und auch wenn viele Situationen eher zufällig und erzwungen wirken und selten einer konsequenten Dramaturgie folgen, sorgt das unverbrauchte Setting, der herrlich grobkörnige Look, und der hohe Bodycount für erfrischend unglamouröse Unterhaltung. Der Ton ist sicherlich grantiger als beim handelsüblichen DTV-Slasher aus Hollywood, einen Torture-Porn bekommt man aber trotzdem nicht. Kompromißlos: check. Brutal: aber hallo - bleibt dabei jedoch pragmatisch und effizient und ergötzt sich niemals mehr am Leid seiner Opfer als unbedingt notwendig. Auch die nihilistische Terror-Note des Namensvetters fehlt. Die härtesten Akkorde werden auf der Audio-Spur angeschlagen, wenn im Abspann skandinavischer Gute-Laune-Metal das treffende Ausrufezeichen setzt.

Seien wir ehrlich: die größte Tugend des Films ist sein Herkunftsland, aber weil der isländische Genre-Film im internationalen Wettbewerb nun nicht gerade inflationär vertreten ist, ist man umso geneigter, jeden Versuch zunächst von der sympathischen Schokoladenseite zu sehen - was Island hier für einen souveränen Einstand im Horror-Genre abliefert, verdient Respekt. Und als erstaunlichste Entdeckung steht am Ende ohnehin wieder mal die Erkenntnis, was für eine Art Film im Ausland staatlich gefördert wird, während bei uns Horror primär immer noch Sache von Familienpolitik ist.











AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2018 a.s.