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OUR IDIOT BROTHER (USA 2011)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. OUR IDIOT BROTHER
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. JESSE PERETZ
Drehbuch. EVGENIA PERETZ . DAVID SCHISGALL
Musik. ERIC D. JOHNSON . NATHAN LARSON
Kamera. YARON ORBACH
Schnitt. JACOB CRAYCROFT . ANDREW MONDSHEIN
Darsteller. PAUL RUDD . ELIZABETH BANKS . ZOOEY DESCHANEL . EMILY MORTIMER u.a.

Review Datum. 2012-05-16
Kinostart Deutschland. 2012-05-17

Ned Rochlin (Paul Rudd), Titelfigur von Jesse Peretz' OUR IDIOT BROTHER, ist wohl einer der liebenswertesten Charaktere der Filmgeschichte: Er begegnet jedem Menschen mit entwaffnender Freundlichkeit, ist bedingungslos ehrlich und geradeheraus und hat ein Vertrauen in seine Mitmenschen, das auch ungebrochen bleibt, nachdem er einem Polizisten in Uniform (der vorgab, die Sorgen und den Stress seines Berufes vergessen zu wollen) Marihuana verkauft und deshalb einige Monate im Gefängnis verbracht hat.
Genau diese Momente, in denen Vertrauen in weltfremde Naivität umschlägt, sind es, die Ned in den Augen seiner Schwestern zum "Idiot Brother" machen. So warmherzig und selbstlos ihr Bruder ist, so egozentrisch, selbstverliebt und passiv-aggressiv sind die drei Schwestern. Darüber hinaus eint sie jedoch wenig: Miranda (Elizabeth Banks) ist Journalistin, arbeitet gerade an ihrem ersten großen Feature für Vanity Fair und will sich nicht eingestehen, dass sie Gefühle für ihren Nachbarn Jeremy (Adam Scott) hegt. Natalie lebt zusammen mit Freundin Cindy (Zooey Deschanel und Rashida Jones, die beide recht unterhaltsam gegen ihren gewohnten Typ spielen) und fünf anderen Mitbewohnern in einer WG und versucht sich in schlecht besuchten Hipster-Lokalen als Standup-Comedian, wobei sie von Cindy bedingungslos unterstützt wird. Ihre Bindungsangst wird sie deswegen jedoch nicht los und sie schafft es nicht, Cindy dauerhaft die Treue zu halten. Und Liz (Emily Mortimer) führt eine lieblose Ehe mit dem Dokumentarfilmer Dylan (Steve Coogan), der sie mit der Hauptperson seiner neuesten Doku, einer Ballerina, betrügt.

Als Ned, aus dem Gefängnis entlassen, seine Freundin Janet (Kathryn Hahn) auf der gemeinsamen Biodynamik-Farm (was immer das ist) aufsucht, muss er feststellen, dass ein anderer (T.J. Miller) seinen Platz - auf der Farm und an der Seite seiner Freundin - eingenommen hat. Der arbeits- und mittellose Ned wird nun unter seinen Schwestern herumgereicht, keine hält es lange mit ihm aus, doch am Ende lernen sie alle von der lebensbejahenden Einstellung ihres Bruders.

Wenn man so will ist Ned eine männliche Version der von US-Kritiker Nathan Rabin so genannten Manic Pixie Dream Girls, jenen feenhaften Frauenfiguren, deren einzige Funktion es ist, durch ihre naiv-lebensfrohe Art und ihre schrullige Naivität die Routine von ernsten, verbitterten jungen Männern aufzubrechen und ihnen die Freude am Leben zurückzugeben (siehe Kirsten Dunst in ELIZABETHTOWN, Natalie Portman in GARDEN STATE oder Zooey Deschanel in so ziemlich jedem ihrer anderen Filme). Doch ganz davon abgesehen, dass es einen unangenehmen Beigeschmack hat, wenn Ned, der eindeutige und alleinige Sympathieträger des Films, nicht nur als einziger Mann drei Frauen gegenübersteht, sondern auch die einzige Figur ist, die keinerlei Erfolge, Ambitionen oder Sinn für Verantwortung vorzuweisen hat: Eine Hauptfigur, die sich selbst nie weiterentwickelt, sorgt auch nicht gerade für Spannung oder Tiefgang.

Wahrscheinlich wäre OUR IDIOT BROTHER daher ein besserer Film, hätten Peretz und seine Autoren sich stärker auf die komödiantischen Elemente des Films konzentriert und nicht versucht, die Geschichte als dysfunctional family-Dramedy zu inszenieren. Die Figuren sind zu platt, zu eindeutig in Kategorien unterteilt, sodass die dramatischen Momente des Films selten überzeugen. Doch in den wenigen Momenten, in denen der Film seine (erhoffte) Glaubwürdigkeit zugunsten von absurder, alberner Comedy aufgibt, funktioniert er: Wenn Ned Dylan (Steve Coogan spielt seine übliche Rolle als eloquenter, egomanischer Kotzbrocken, die sich überraschenderweise noch immer nicht abgenutzt hat) nackt mit der Ballerina erwischt und der ihm erfolgreich erklärt, er habe ihr nur helfen wollen, sich für die Dokumentation zu öffnen oder Ned aus purer Freundlichkeit an einem Dreier teilnimmt, macht OUR IDIOT BROTHER großen Spaß.

Doch das Risiko solcher etwas abwegiger Szenen geht der Film selten ein. Öfter resultiert der Humor aus den Reaktionen von Neds Mitmenschen auf dessen bedenkenlose Ehrlichkeit und naives Vertrauen. Das hat durchaus seinen Charme - wenn Ned seinem Sitznachbarn in der U-Bahn all sein Geld gibt, während er sich die Schuhe bindet und dieser so verdutzt ist, dass er vergisst es zu stehlen, will man fast daran glauben, dass jemand wie Ned im wirklichen Leben doch nicht als resignierter Zyniker enden würde - doch solche Situationen sind letztlich auch zu harmlos und zu wenig überraschend, um wirklich zum Lachen zu bringen.
Und im Grunde fasst das OUR IDIOT BROTHER treffend zusammen: Der Film ist charmant, durchaus angenehm anzusehen, aber auch belanglos und vorhersehbar, wie seine Hauptfigur liebenswert-optimistisch, aber eben auch genauso ambitionslos.











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