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NAPOLI NAPOLI NAPOLI (Italien 2009)

von Matthias Mahr

Original Titel. NAPOLI NAPOLI NAPOLI
Laufzeit in Minuten. 102

Regie. ABEL FERRARA
Drehbuch. GIUSEPPE LANZETTA . MAURIZIO BRAUCCI . GAETANO DI VAIO . ABEL FERRARA
Musik. FRANCIS KUIPERS
Kamera. ALESSANDRO ABATE
Schnitt. FABIO NUNZIATA
Darsteller. PEPPE LANZETTA . SHANYN LEIGH . LUCA LIONELLO . ERNESTO MAHIEUX u.a.

Review Datum. 2009-11-28
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Neapel ist hoffnungslos und brutal. Was die Bestselleradaption GOMORRHA in Spielfilmform darlegt, will Abel Ferrara nun dokumentarisch nachzeichnen. Ebenso wie der Film vom letzten Jahr ist NAPOLI NAPOLI NAPOLI in verschiedene Erzählebenen gegliedert, zwischen denen es kaum Bezugspunkte gibt.

Der Hauptstrang führt ins lokale Frauengefängnis, der Film ist hier in erster und eigentlich einziger Linie eine Ansammlung von Interviews diverser Insassen im begrünten Hof der Anstalt. Ein wenig eintönig scheint die Uniformität der Befragung: Vorname, Alter, Art des Vergehens geben die meisten auf Ferraras Geheiß als Erstes Preis. Und es wirkt geradezu ungeschickt, wenn schließlich mit einer Kommunalpolitikerin auch der erste Interviewpartner, der nicht aus dem Gefängnis stammt mit Name und Alter vorgestellt wird. "Und was hat die jetzt verbrochen?" dürfte nicht wenigen Zusehern im ersten Moment durch den Kopf schießen, unbeachtet der Tatsache, dass sie vor einem anderen Hintergrund eingefangen wird.
Der Film zeigt aber ebenso männliche Knackis, auch wenn er bei diesen nicht an deren Geschichte interessiert ist. Statt dessen sieht man sie, von einem kurzen Hofgang abgesehen, in ihre beengend überfüllte Zelle gepfercht. Auch hierdurch wird der Zuseher, in dem Fall recht lange Zeit, suggestiv oder unbeholfen in die Irre geführt. Da von den weiblichen Häftlingen niemals der Alltag beleuchtet wird, immer nur Interviews in der Unbeengtheit des Gartens folgen, scheint es, deren Unterbringung wäre weit weniger problematisch. Erst relativ spät bricht eine Frau diese Illusion wenn sie angibt, wie viele Zellengenossinnen mit ihr eingesperrt sind.
Als drittes Element sind Spielszenen eingewoben, die mit den beiden Gefängnissen überhaupt nicht in Bezug stehen und die triste Verkommenheit des neapolitanischen Alltags beleuchten sollen. Banal und schlecht gespielt sind diese Szenen das größte Ärgernis im Film.

Fragwürdig erscheint aber auch, dass sich Abel Ferrara um die Anonymität der gefangenen Frauen in keiner Weise schert. Er lässt sie sich mit Vornamen vorstellen, in den Endcredits stehen sie sogar mit vollen Namen, ihre Gesichter bleiben zu jeder Zeit kenntlich. Fraglos haben die Damen dazu ihre Zustimmung gegeben, bestimmt sind ihre Resozialisierungschancen in einer Stadt wie Neapel äußerst gering, aber ebenso zweifelsfrei kann ihnen so ein Verhalten niemals nutzen, unter Umständen aber doch auch schaden.
Eine kluge Art das zu umschiffen zeigte erst letztes Jahr Tina Leisch in ihren hervorragenden Dokumentarfilm GANGSTER GIRLS aus der Frauenhaftanstalt Schwarzau, der einzigen Österreichs. Sie kam zu dem Film über ihre Arbeit mit der ansässigen Theatergruppe und setzte die dort verwendete blau-weiße Schminke auch dafür ein, die Insassinnen für den Film unkenntlich zu machen. Weit ästhetischer und vordergründig natürlicher als mit Schatten oder Rasterverzerrung, aber ebenso effektiv. Und auch sonst zeigte die Filmregiedebütantin dem alten Hasen Ferrara souverän vor, wie man so ein Thema richtig anpackt. Die gleichen Elemente, Interviews, Gefängnisalltag, Spielsequenzen (der Theatergruppe), werden dort von einem Ort destilliert und fügen sich zu einen homogenen Ganzen zusammen. Der eine wie der andere auf Video mit geringem Stab und Budget gedreht, ist GANGSTER GIRLS spannend, visuell ansprechend und informativ, NAPOLI NAPOLI NAPOLI langweilig, ohne Idee in Szene gesetzt und spekulativ. Und das, obwohl das Thema des ersten Films am Papier weniger spannend wirkt. Was ist schon die einzige Frauenhaftanstalt in Österreich gegen eine in der Camorra-Hochburg?

Zum Abspann präsentiert sich Ferrara selbst bei einem Konzert, das er vor Gefangenen gibt. Auch das wirkt eher inkohärent zum Rest des Filmes, dazu aber auch relativ eitel. Will Ferrara dem Filmpublikum gegenüber sein zweites Standbein promoten? Sich seiner karitativen Ader als Jailhouse Rocker á la Johnny Cash brüsten? Oder als Musiker einfach einen weiteren Anlass dafür schaffen, in Anfangs- wie Endcredits mit dem eigenen Namen aufzutauchen? Gerade was letzten Punkt betrifft, holt Ferrara nämlich ungemein viel heraus, mehr als sonst aus irgendeinen Aspekt des Films.











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