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MY SUICIDE (USA 2009)

von Jenny Jecke

Original Titel. MY SUICIDE
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. DAVID LEE MILLER
Drehbuch. DAVID LEE MILLER . GABRIEL SUNDAY . ERIC J. ADAMS
Musik. TIM KASHER
Kamera. ANGIE HILL . LISA WIEGAND
Schnitt. JORDAN J. MILLER . GABRIEL SUNDAY
Darsteller. GABRIEL SUNDAY . BROOKE NEVIN . DAVID CARRADINE . MARIEL HEMINGWAY u.a.

Review Datum. 2010-02-05
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Wie kann anders eine Kritik über MY SUICIDE beginnen, als mit einer Beschreibung der Optik? Also gut: Man kann versuchen, dem Filme mit Worten wie "Bilderrausch" oder "filmische Collage" gerecht zu werden, doch das sind Vergleiche, die allenfalls eine Andeutung davon geben, wie MY SUICIDE aussieht, aber kaum einen Hinweis, wie er sich anfühlt. David Lee Millers Film schleift uns gewissermaßen am Nabel in seine Welt und damit in den Kopf des 17-jährigen Archibald Holden Buster Williams, genannt Archie (Gabriel Sunday), der sein sinnentleertes Teenieleben satt hat und in der Medienklasse seiner High School ein neues Projekt ankündigt: seinen Selbstmord vor laufender Kamera. Fortan ist Archie der Aussätzige der Schule. Seine Eltern, hilflos wie sie sind, schicken ihn zu einem indischen Psychiater (Joe Mantegna), um ja jeder Versuchung zu widerstehen, sich tatsächlich mit ihrem Sohn auseinander zu setzen. Archie bringt das Vorstadtleben gehörig in Wallung, doch eines ist von Anfang an klar: Seine Ankündigung war kein Witz.

Soweit vom Leben und seinen Gefühlen entfernt, wie er ist, nimmt Archie die Welt nur noch durch seine Kamera, sich selbst höchstens als Bild auf einem Bildschirm wahr. Sein Blick auf die Welt nimmt der Film ein, zeigt den Werdegang seines Helden als wilden Mix der Filmzitate (DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN, APOCALYPSE NOW...) und -stile, eine Identitätsbildung aus Popkulturschnipseln. Mit Green Screen und Schnittstudio im Kinderzimmer schneidert der Teen die bewegten Bilder seiner abgestumpften Existenz zusammen und wir bekommen sie zu sehen. Die Medienüberflutung ist nicht Kritik, sondern einziges Ausdrucksmittel, ist schlussendlich sein Seinszustand und die Realität nur eine Pixelsammlung. Damit ist MY SUICIDE auch die Chronik einer gescheiterten Sinn- und Gefühlssuche. Wenn die Welt taub geworden ist, scheint die Kamera die einzige Möglichkeit, sich in der Welt wiederzufinden, doch entfernt sie Archie damit nur noch weiter von dem, was er so dringend braucht. Einzig in Sierra (Brooke Nevin) findet er eine Vertraute, denn sie verspricht, sich mit ihm das Leben zu nehmen. Ihr beider Held ist der fiktive Dichter Vargas (David Carradine), der ihrer Verzweiflung Ausdruck zu verleihen scheint.

Quasi-dokumentarisch verleibt sich Gabriel Sunday die Rolle des Archie ein, breitet den ganzen Narzissmus, die Frustration, das Selbstmitleid der Figur in zahllosen Ansprachen an den Zuschauer aus, bis die Grenze zwischen Archie und Gabriel nur noch schwer zu ziehen ist. Das macht jedoch einen Großteil vom Reiz des Films aus. Denn Sunday ist ein charismatischer Mime, der den Kontakt zu den Problemen des Teenager-Lebens offensichtlich nicht verloren hat und mit seiner Tour de Force-Leistung durchaus den ganzen Filmen auf seinen jungen Schultern zu tragen in der Lage ist. Sunday, der auch an Schnitt und Drehbuch mitgewirkt hat, ist nichts weniger als das Herz des Films. Er nimmt uns MY SUICIDE als imaginäre Zuschauer von Archies Leben mit in dessen Psyche und lässt uns so eine Coming of Age-Geschichte miterleben, die mehr mit NATURAL BORN KILLERS gemein hat, als mit GARDEN STATE oder IGBY. Das Leben hat eben mehr zu bieten, als melancholische Indie-Mucke. Auch wenn man es manchmal eigentlich gar nicht sehen will.











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