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MOTHER! (USA 2017)

von Andreas Günther

Original Titel. MOTHER!
Laufzeit in Minuten. 121

Regie. DARREN ARONOFSKY
Drehbuch. DARREN ARONOFSKY
Musik. TONY FINNO
Kamera. MATTHEW LIBATIQUE
Schnitt. ANDREW WEISBLUM
Darsteller. JENNIFER LAWRENCE . JAVIER BARDEM . ED HARRIS . MICHELLE PFEIFFER u.a.

Review Datum. 2017-09-14
Kinostart Deutschland. 2017-09-14

Mit MOTHER! unternnimmt Darren Aronofsky ganz offensichtlich den Versuch, mindestens vier Fliegen mit einem Film zu erschlagen. Zum einen will er einen Film mit seiner und für seine relativ neue Freundin Jennifer Lawrence machen. Aber sie darf darin natürlich nicht so aussehen, wie die Welt sie kennt, also weder hellblond noch dekolletiert noch mit milchiger Haut, sprich: bloß nicht auf die Art sexy, die sie kultiviert hat. Zum anderen möchte Aronofsky gern in allegorische Bilder fassen, was ihm über künstlerische Schöpfung im Allgemeinen und über die Macht der Poesie im Besonderen so im Kopf herumschwirrt. Und, ja, drittens ist da noch das Verhältnis zwischen Mann und Frau, das ihm auf dem Herzen liegt. Viertens sorgt er sich schließlich doch noch, ob das ganz große Publikum so etwas sehen will, und nimmt ein gut florierendes Horror-, Mystery- und Dystopie-Subgenre ins Programm. Keine der vier Fliegen erwischt Aronofsky. Er liegt stets meilenweit daneben.

Sozusagen mit der letzten Fliege anzufangen, erlaubt ein Resümée der Handlung. Um sich beim mutmaßlich jungen Publikum anzubiedern, bietet Aronofsky "Home Invasion" der krassesten, aber auch unglaubwürdigsten und lächerlichsten Art.

Das Ehepaar Eli (Javier Bardem) und Grace (Jennifer Lawrence) lebt in einem abgeschiedenen, alten, sehr renovierungsbedürftigen Landhaus. Es ist grillenumzirpter Spätsommer. Dichter Eli ringt in seinem Arbeitszimmer mit seiner Schreibblockade, während Grace still fürs leibliche Wohl sorgt, auch sonst beflissen den Haushalt führt und noch Zeit findet, Zimmer für Zimmer herzurichten.

Eines Abends klingelt bei ihnen ein Fremder (Ed Harris), der sich erst als Arzt, der ein Buch schreiben will, dann als sterbender Bewunderer der Werke von Eli vorstellt. Eli ist begeistert über so viel "Leben", Grace entgeistert, dass Eli den hustenden Raucher über Nacht aufnimmt. Aber sie fügt sich. Am nächsten Morgen kommt des Fremden Ehefrau (Michelle Pfeiffer) hinzu. Sie will Grace dabei "helfen", dass sie mal wieder mit ihrem Mann schläft, um endlich Kinder zu bekommen. Zu diesem Zweck rät sie, Spitzen- statt Baumwollhöschen zu tragen. Als die beiden Fremden aus Versehen einen Kristall zerschlagen und Eli ungehalten reagiert, glaubt Grace, dass er sie rausschmeißt. Aber dann tauchen deren Söhne auf (Brian und Domhnall Gleason) und erschlagen einer den anderen wie einst Kain und Abel. Eli begleitet die Eltern mit dem verblutendenden Jungen ins Krankenhaus. Als er zurückkommt, ist er ergriffen , dass sich ihm soviel "Leben" gezeigt hat, als der junge Mann in seinen Armen starb.

Bald darauf rückt die Trauergemeinde an. Sie hätten ja keinen anderen Ort, sagt Eli. Die Trauergemeinde hat viel Energie. Grace kann gerade noch verhindern, dass sich ein Pärchen ins Ehebett legt. Als Grace geltend macht, dies sei schließlich ihr Haus, erntet sie spöttisches Gelächter. Einer der Gäste bedrängt Grace, mit ihm "spazieren" zu gehen. Andere fangen an, das Haus zu streichen. Wieder andere ruckeln solange auf der Küchenspülung herum, bis sie zerbricht, und Wasser das Haus überschwemmt. In Scharen ergreifen die Invasoren die Flucht. Eli ist aber entzückt von soviel "Leben". Er und Grace vögeln im Stehen auf der Treppe. Am nächsten Morgen weiß sie, sie ist schwanger, und er schreibt entrückt eine ganz "großartige" Geschichte nieder, stilecht auf eine Art Pergament. Kitsch lass nach.

Die prominente Besetzung wirft die Frage auf, von welchem Verblödungsgrad eines Drehbuchs an gefeierte Schauspieler eine Rolle auch mal ablehnen. Anscheinend gibt es keine Niveauuntergenze. Verstörend ruppig setzen die Ensemblemitglieder ihre Gestikmaschine in Gang und stoßen hektisch ihre Sprechbeiträge hervor, als würde so niemand den Schwachsinn bemerken, den sie verzapfen. Michelle Pfeiffer ist sichtlich unwohl in ihrem lasziven Part, als fühlte sie sich zu alt für Erotik. Eine ähnliche Prüderie durchzieht die Inszenierung. Michelle Pfeiffers Figur lästert über Baumwollhöschen, weiß aber offensichtlich nicht, dass man beim Genitalverkehr solche Bekleidung ausziehen muss, egal, wie aufreizend gestaltet. Aber es kommt noch schlimmer. Das D-Zug-Tempo der Performance ist nicht der Scham über die Mitwirkung an einer höchst dumpfbackigen Produktion geschuldet, sondern dem Zeitdruck. Der Film verpasst jedes Stoppsignal für ein gnädiges Ende.

Gut neun Monate später, kurz vor Grace' Niederkunft, finden sich Bewunderer, ja jünger von Elis neuem Buch ein. Diesmal ist er nicht vom "Leben" verzückt, sondern über die Maßen geschmeichelt. Die neuen Eindringlinge machen sich über das Abendessen her, dass Grace für ihren Mann und sich liebevoll zubereitet hat. Sie stehlen. Sie zerlegen die Einrichtung. Sie werden Anhänger eines fanatischen religiösen Kultes um Eli. Sie beginnen, einander zu töten. Erst greift die Polizei ein, dann das Millitär, ohne Erfolg. Elis Verlegerin Herald (Kristen Wiig) errichtet im Haus eine Diktatur und befiehlt Grace' Hinrichtung.

So sieht das aus, wenn Aronofsky seiner dritten Fliege habhaft zu werden versucht, wenn er über die archaischen Legenden von der Poesie als dämonischem Zauber reflektiert. Hier feiert sich Aronofsky für eine cineastische Phantasie, die er für lyrisch halten mag, aber nur grobschlächtige Komprimierung dystopischer Klischees ist. Die abgegriffensten von ihnen staffiert er mit naiver Direktheit aus, die einfach nur schlecht übertünchte Banalität ist. Den Schauspieler mit Teufelspakt durch den vom eigenen Schaffen versuchten Dichter ersetzend, stammelt MOTHER! überdies nach, was ROSEMARIES BABY vorbuchstabiert hat. Eine Entwicklung, auf die schon nach kurzer Zeit Michelle Pfeiffers schwer bekömmlicher Drink für Grace vorbereitet hat.

Angesichts solcher Debakel verwundert es, dass das Publikum sich noch dafür interessiert, ob Eli endlich einmal Grace' Protesten Gehör schenkt. Steckt in MOTHER! also wenigstens eine gelungene Parabel über das Unverständnis zwischen Mann und Frau? Eli steht für einen eitlen und egozentrischen Künstler, Grace für die frustrierte, wehrlose, ihm ausgelieferte und von ihm ausgebeutete Frau, der er sich wie selbstverständlich immer wieder bedient. Aber der Kniff, mit dem Aronofsky am Ende eine trostlose Zyklik liebenden Aufbruchs und unvermeidlicher Unterwerfung anklagend beschwören will, sitzt nicht, weil er eine blinde Komplizenschaft des Opfers verlangt, für die der Film kein Motiv parat hat. Dafür müsste er einen Irrweg der Liebe zeigen, aber die Liebe bleibt so kalt wie das für sie gewählte Symbol.

Was die Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen Regisseur und Autor einerseits und Hauptdarstellerin andererseits lenkt. Jennifer Lawrence läuft in grauen Schlabberklamotten herum, und als sie mal ein schönes Kleid trägt, wird es in den Wirren bürgerkriegsartiger Scharmützel zerfetzt. Bis auf einige lose Strähnen, sozusagen Enden der Freiheit, ist ihr Haar, dunkelblond bis brünett, in harten Knoten an ihren Kopf gepresst. Ihre Hautfarbe liegt irgendwo zwischen Gelb und Hellbraun, die Augen darin sind klein und ohnmächtig in ihrem Zorn. Die Kamera hält die Wirkungen des Schreckens auf sie fest. Noch lieber sitzt sie ihr aber im Nacken und folgt ihr dabei, wie sie zwischen Aufbegehren und Gehorsam im Treppauf, Treppab zwischen den Stockwerken im Haus zirkuliert, nicht unähnlich einem Hamster im Laufrad. Wenn MOTHER! über die Beziehung zwischen den wichtigsten beteiligten Kreativen so aussagekräftig ist wie DAISY MILLER es für Peter Bogdanovich und Cybil Shepherd und BY THE SEA für Brad Pitt und Angelina Jolie war, dann hat Darren Aronofsky mehr als nur einen Film mit seiner und für seine relativ neue Freundin vermasselt.










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