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MORTAL ENGINES: KRIEG DER STÄDTE (USA/Neuseeland 2018)

von André Becker

Original Titel. MORTAL ENGINES
Laufzeit in Minuten. 128

Regie. CHRISTIAN RIVERS
Drehbuch. FRAN WALSH . PHILIPPA BOYENS . PETER JACKSON
Musik. JUNKIE XL
Kamera. SIMON RABY
Schnitt. JONNO WOODFORD-ROBINSON
Darsteller. HERA HILMAR . HUGO WEAVING . ROBERT SHEEHAN . JIHAE u.a.

Review Datum. 2018-12-12
Kinostart Deutschland. 2018-12-13

Das Kinojahr ist fast zu Ende und einmal mehr beschleicht einen das Gefühl, das gerade die groß angekündigten Blockbuster erschreckend beliebig waren. Leer, austauschbar, uninspiriert. Und das alles nochmal eine Stufe ausgeprägter als im vorherigen Jahr. Die Erwartungen an MORTAL ENGINES - KRIEG DER STÄDTE, einen der letzten Eventfilme 2018 (neben dem Transformers-Ableger BUMBLEBEE), sind hoch. Und das liegt vor allem an Peter Jackson. Der hat am Drehbuch mitgewerkelt und das Projekt in der Rolle des Produzenten federführend betreut. Läuft es gut könnte der Film zudem den Startschuss für ein brandneues Franchise bilden. Die Vorlage von Philip Reeves bringt es nämlich gleich auf mehrere Bände. Ideale Voraussetzungen für Worldbuliding im besten filmischen Sinne.

Als Regisseur konnte man Christian Rivers gewinnen. Rivers, im Regiefach noch mehr oder minder unbefleckt, sammelte bislang insbesondere im Bereich Effekte Erfahrungen. Das kommt dem Film enorm zugute, denn die Romanadaption lebt (wenig überraschend) von den überbordenden Effekten und zieht ihren Reiz aus der exzessiven Zurschaustellung atemloser CGI. Aber reicht das? Was bleibt übrig, wenn man hinter den Bombast blickt? Hält MORTAL ENGINES - KRIEG DER STÄDTE den Vergleich mit Jacksons Werken stand, die ja gerade im Kern viel mehr waren als bloße Spektakel und in ihren Heldenreisen sehr wahrhaftig große Themen verhandelten?

Ganz dem Zeitgeist folgend (man denke an die Young-Adult-Romanverfilmungen DIE TRIBUTE VON PANEM oder THE MAZE RUNNER) ist die Geschichte in einer dystopischen Welt angesiedelt. Wie so oft ist die Gesellschaft in ihren sozialen Bestandteilen fragmentiert. Ehemals verbindliche Grundpfeiler des Zusammenlebens sind obsolet geworden. Die größte Veränderung betrifft allerdings die Städte. Diese sind komplett mobil. Als Schlachtrosse auf Rädern bilden sie gigantische Lebenswelten, die ihre Umgebung auf der Suche nach Ressourcen gnadenlos plündern und dabei auch die Zerstörung anderer Städte in Kauf nehmen. Im Zentrum der Handlung steht London, eine der größten Städte, deren wichtigsten Ingenieure im Verborgenen an einem Plan arbeiten, der ihnen die Vorherrschaft auf dem Planeten sichern soll. Ihr Vorhaben bleibt jedoch nicht unbemerkt. Eine Gruppe junger Männer und Frauen stellt sich der Übermacht entgegen. Allen voran die Widerstandskämpferin Hester Shaw, die mit dem mächtigsten Waffenexperten Londons noch eine persönliche Rechnung offen hat.

Der Look der Städte und das damit verknüpfte Gefühl für die spezifische Filmwelt ist einer der großen Pluspunkte der Produktion. Rivers hat hier atemberaubende Bilder geschaffen, für die ausnahmsweise die 3D-Aufbereitung nicht bloße Staffage ist. Es ist deutlich spürbar, dass die Macher etwas Besonderes schaffen wollten. Das gilt sowohl für die Oberfläche der Städte als auch für das Innenleben bzw. die Maschinen, die als monströse Motoren die rollenden Ungetüme antreiben. Irgendwo zwischen kargen Endzeit-Sets a la Mad Max (die Szenen außerhalb der Städte), Steampunk und maritimen Elementen (die Städte selbst) und klassischer Science Fiction (Roboter, Kampfflugzeuge, die gesamte Bandbreite der Waffen) generiert der Film eine mit Ideen und Referenzen vollgepackte Schaubühne, deren Vorbilder offenkundig sind, die aber letztlich in dieser Mischung doch einzigartig ist.

Der häufige Wechsel der Sets erlaubt es dem Film zwar stetig neue Eyecatcher (u.a. eine Gefangenenkolonie auf dem tosenden Meer) zu präsentieren. In der Folge zerfasert die Handlung aber zusehends in verschiedene Einzelteile, die viel mehr Aufmerksamkeit benötigt hätten um eine wirklich handlungsleitende Funktion zu entfalten. Die zahlreichen Rückblicke in die Vergangenheit der Heldin des Films werden ebenfalls viel zu überhastet abgehandelt. Und wo wir gerade bei den Figuren sind: Was leider komplett fehlt sind interessante Charaktere. Diesbezüglich bietet das Drehbuch lediglich ein Best Of der Young-Adult-Standards, inklusive der erwartbaren Konfliktlinien und gängigen Beziehungskonstellationen. Hier wäre mehr drin gewesen. Insbesondere von Drehbuchautor Jackson hätte man eine sorgfältigere Ausarbeitung der (kaum) vorhandenen Ecken und Kanten der Charaktere erwartet.

Negativ fällt überdies die Tonalität des Films auf. Mal lockerleicht mit deutlich satirischen Untertönen, z.B. alle Szenen die auf das 21. Jahrhundert als längst vergangene Epoche verweisen, dann wieder kaltschnäuzig brutal (für einen eigentlich familienfreundlichen PG-13-Film) und schlussendlich mehrfach unnötig melodramatisch verkitscht, weiß man oftmals nicht so recht wohin die Reise eigentlich gehen soll. Dies führt dazu, dass MORTAL ENGINES - KRIEG DER STÄDTE nicht selten sehr unentschlossen wirkt, da es scheinbar auf Biegen und Brechen wirklich allen Zielgruppen recht gemacht werden sollte. In diesem Kontext muss man klar konstatieren, dass z.B. die Panem-Filme deutlich stringenter auf eine kohärente Stimmung hin inszeniert waren, die nicht unnötig durch humoristische Elemente oder gar existentialistische Exkurse (die das Skript der drei Autoren leider ebenso streift) verwässert wurden.

Jetzt könnte man an dieser Stelle noch auf den Showdown zu sprechen kommen, der aus unterschiedlichen Gründen irgendwie nicht so recht passen mag. Viel interessanter ist allerdings wie die Verantwortlichen daran scheitern das Thema Diversity zu integrieren. Angedacht war es wahrscheinlich einen möglichst vielseitigen Cast verschiedener Ethnien und Hautfarben einzubinden. Der Film wird diesem Anliegen jedoch nie gerecht, da er seine nichtweißen Figuren viel zu wenig als wirklich zentrale Handlungselemente einsetzt. Es ist schon erstaunlich wie nachlässig das Skript Figuren einführt, nur um sie dann gleich wieder aus dem Filmverlauf rauszukicken. Insofern offenbaren sich auch hier wieder die großen Drehbuchschwächen der Produktion.

Und nun? Ist MORTAL ENGINES - KRIEG DER STÄDTE trotz der Mankos besser als die Konkurrenz? Ja und Nein. Sicherlich stellt der Film viele seiner thematisch verwandten Kollegen mit einem deutlichen Mehr an Kreativität in den Schatten. Auch die State-of-the-Art-Effekte sind noch einen Tick bombastischer als beim Gros der in diesem Jahr gestarteten Hollywood-Blockbuster. Bei den Figuren ist jedoch gähnende Leere vorherrschend. Der Zugang zu diesen Charakteren bleibt schwierig bis unmöglich, richtig mitgerissen wir man von ihrem Schicksal nicht. Im direkten Vergleich haben daher die diversen Comicverfilmungen in diesem Kinojahr (teilweise) eher die Nase vorn. Übrigens: Bei der Besetzung gibt es abermals die übliche Mischung aus unverbrauchten Newcomern (die Isländerin Hera Hilmer in der Hauptrolle) und erfahrenen Darstellern (Hugo Weaving als Bösewicht).

MORTAL ENGINES - KRIEG DER STÄDTE ist nicht der erhoffte Event-Film mit Tiefgang und Seele. Man wird mit einem ausreichenden Maß an Entertainment rund zwei Stunden bei Laune gehalten. Das schon. Nur darüber hinaus ist halt nicht viel auszumachen. Peter Jackson? Wollte der nicht ein neues Franchise aufrollen? 2019 wird diese Idee möglicherweise kurz wieder in den Gehirnwindungen einiger Kinogänger auftauchen. Und dann ganz schnell wieder verschwunden sein.











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