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MIAMI VICE (USA 2006)

von Hasko Baumann

Original Titel. MIAMI VICE
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. MICHAEL MANN
Drehbuch. MICHAEL MANN . ANTHONY YERKOVICH
Musik. KLAUS BADELT . MARK BATSON . JOHN MURPHY . ORGANIZED NOISE
Kamera. DION BEEBE
Schnitt. WILLIAM GOLDENBERG . PAUL RUBELL
Darsteller. COLIN FARRELL . JAMIE FOXX . LI GONG . LUIS TOSAR u.a.

Review Datum. 2006-07-27
Kinostart Deutschland. 2006-08-24

Sechs Monate Dreharbeiten. Ein Budget von etwa 150 Millionen Dollar. Zwei Stars, die nicht gerade für ihre Enthaltsamkeit bekannt sind. Am Set fliegen der Crew echte Kugeln echter Gangster um die Ohren. Hurricanes vernichten Sets. Stars vernichten Drogen. Vernichtet ein obsessiver Regisseur seine Karriere? Jamie Foxx flieht aus Ciudad del Este, als es ihm zu gefährlich wird. Colin Farrell versenkt die Abschlußparty, als er in den Entzug geht. MIAMI VICE ist bereits ein Krimi, bevor Michael Mann in den Schnitt geht.

Was davon alles gewieften Publicity-Leuten aus der Feder geflossen ist, sei mal dahingestellt. Tatsache ist aber, daß MIAMI VICE diese Publicity dringend benötigt. Weltweit befanden sich die Filmfans im Zwiespalt - die Optimisten erhofften sich knallhartes Polizeikino auf der Höhe von Michael Manns Meisterwerk HEAT, die Stinkstiefel stellten ob der Rückkehr des Regisseurs zu seinen Fernsehwurzeln die bange Frage: Muß das sein?

Die Frage war berechtigt, und die Antwort ist: Nein.

Dabei ist es an sich kein Problem, die pastellfarbenen Anzüge und die weißen Slipper in den 80ern zu lassen und aus der immens populären Copserie MIAMI VICE nur die schwüle Hitze und die Düsternis des Undercover-Daseins ins Heute zu transportieren. Doch Michael Manns Kinofilm, bewußt ohne Titel direkt ins verwackelte (sprich: pseudodokumentarische) Geschehen springend, findet 20 Minuten lang überhaupt keinen Rhythmus. Jedes unverschämt rauschige Digitalbild steht zu lange, jede hohle Dialogzeile hängt hilflos in der Luft herum. Crockett (Farrell) und Tubbs (Foxx) sind einfach da, tun nicht viel und stehen ziemlich viel auf Dächern. Erst als sie ihren Undercover-Auftrag erhalten und in Port au Prince auf ihre gefährlichen Ziele treffen, ist der Film da. Mann gelingen Flugaufnahmen von berauschender Schönheit, auf der anderen Seite intensive Szenen von Bedrohung und Gefahr. Das kann noch was werden.

Als sich Crockett aber in die Gefährtin (Gong Li) des Drogenbosses "Erzengel" verliebt, sackt der Film zehn Minuten später schon wieder weg. Der völlige Verzicht auf jegliche Action gibt MIAMI VICE Raum für rückhaltlose Schwülstigkeit, die den Kinozuschauer sich im Sessel winden läßt vor Pein. Es wird viel Boot gefahren und bedeutungsvoll in die Ferne geschaut, es werden viele Songs sehr willkürlich eingesetzt und viele dumme Sachen gesagt wie etwa "Das Schicksal ist wie die Schwerkraft. Mit der Schwerkraft kann man nicht verhandeln." Dazu immer wieder Audioslave, die Mann schon in COLLATERAL ausgeblutet hat. Der Rest ist das Übliche: "Wo ist der Stoff?" - "Wo ist das Geld?"

Der im Vorfeld vielbesungene Shootout, der angeblich in Konkurrenz zum atemlosen Feuergefecht in HEAT treten sollte, stellt sich als die zehntausendste Hafenballerei heraus, hier auch noch unübersichtlich und unspannend inszeniert. In Sachen Brutalität traut sich Mann hier und da einiges. Wenn er damit die wenigen Actionmomente als dreckig und direkt verkaufen wollte, hätte er sie aber besser einbinden müssen.

Und das gelingt ihm nicht einmal bei den Figuren. Von Sonny Crockett erfährt man, daß sein alter Herr Lastwagenfahrer war, von Ricardo Tubbs erfährt man gar nichts. Wer diese Männer sind, woher sie kommen, wie und wo sie leben - das kümmert Mann nicht. Sie sind wie Ziffern mit guten Anzügen. Farrell macht überraschenderweise das Beste draus und läßt Charisma spielen, während Oscarpreisträger Foxx kapituliert und sich der Pose hingibt. Spätestens bei der zweiten (!) schmierigen Softsex-Duschsszene ist das aber auch egal.

MIAMI VICE hatte auch als Serie zunehmend Probleme mit dem Bemühen um Ernsthaftigkeit. Der Film ist in seiner Humorlosigkeit mehr als nur einmal unfreiwillig komisch. Sein Bestreben nach Authentizität wird regelmäßig von kaum glaublichen Peinlichkeiten unterminiert. Wie die Speedboats, die er immer wieder zeigt, rast der Film blind auf die Klippen zu und zerschellt wie eine Stinkbombe am Boden des Treppenhauses. Dieser Film ist eine Katastrophe erstaunlichen Ausmaßes.











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