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MAN LERNT NIE AUS (USA 2015)

von Andreas Günther

Original Titel. THE INTERN
Laufzeit in Minuten. 121

Regie. NANCY MEYERS
Drehbuch. NANCY MEYERS
Musik. THEDORE SHAPIRO
Kamera. STEPHEN GOLDBLATT
Schnitt. ROBERT LEIGHTON
Darsteller. ANNE HATHAWY . ROBERT DE NIRO . RENE RUSSO . ANDERS HOLM u.a.

Review Datum. 2015-09-19
Kinostart Deutschland. 2015-09-24

Vom Aufbau her kommt die Komödie MAN LERNT NIE AUS verdächtig bekannt vor. Gelangweilt vom Rentnerdasein bewirbt sich der siebzigjährige Ben Whittaker, ehemaliger Manager einer Druckerei, als Praktikant beim einem Online-Modeversand. Er wird nichts weniger als persönlicher Assisstent der Chefin, Jules Ostin. Deren sehr männlicher Vorname verweist auf einen durchaus rüffeligen und autoritären Führungsstil. Jules ihrerseits ist von Bens Anzug, Krawatte, offiziöser Freundlichkeit und unangenehmen Fragen mehr als irritiert.

Aha, schießt es durch den Kopf, da hat jemand die Elemente von DER TEUFEL TRÄGT PRADA einmal kräftig durchgeschüttelt und neu geordnet. Das Modebusiness bildet wieder den Hintergrund, aber in der Online-Handel-Version. Statt einer älteren resoluten Chefin gibt's jetzt eine junge, und die Praktikantenstelle nimmt ein Senior ein. Der Eindruck des Recycling auf Basis des Prinzips der Inversion drängt sich jedoch vor allem deshalb auf, weil Anne Hathaway dabei ist. In DER TEUFEL TRÄGT PRADA feierte sie als Praktikantin eines Modemagazins großen Erfolg, in MAN LERNT NIE AUS mimt sie nun die tüchtige Internetunternehmerin. Ist das nicht ihr Versuch, an einen großen Triumph anzuschließen? Und was ist Robert De Niro als Ben Whittaker anderes als hinsichtlich Ruhm und schauspielerischem Können das männliche Gegenstück zu Meryl Streep, die in DER TEUFEL TRÄGT PRADA Hathaways arrogant-knurrige Vorgesetze war und in herausragenden Leinwandklassikern mit De Niro auftrat?

Doch so einfach entstehen Filme in Hollywood doch nicht. Ursprünglich war für die weibliche Hauptrolle von MAN LERNT NIE AUS Reese Witherspoon vorgesehen. Aber aus unbekannten Gründen verließ sie das Projekt. Anne Hathaway dürfte froh gewesen sein einzuspringen. Jedenfalls wenn es stimmt, was sie den bunten Blättern verraten hat, nämlich dass sie keine attraktiven Angebote mehr erhalte. Für den Part von Ben Whittaker war zunächst Jack Nicholson angefragt, aber der lehnte ab, auch hier sind die Gründe nicht bekannt.

Zufällig ist die Ähnlichkeit zwischen MAN LERNT NIE AUS und DER TEUFEL TRÄGT PRADA dennoch wohl nicht. Denn Regisseurin und Autorin Nancy Meyers kopiert im Zweifelsfall Erfolgsrezepte von anderen, allerdings manchmal so modifiziert, dass die Quelle nicht sofort erkennbar ist. EIN ZWILLING KOMMT SELTEN ALLEIN von 1998 war das x-te Remake des Erich-Kästner-Kinderbuchklassikers "Das doppelte Lottchen", WAS FRAUEN WOLLEN von 2000 mit Mel Gibson und Helen Hunt griff die Idee eines vergessenen französischen Films auf, WAS DAS HERZ BEGEHRT ist eine milde Version von BESSER GEHT'S NICHT. Nur LIEBE BRAUCHT KEINE FERIEN und WENN LIEBE SO EINFACH WÄRE scheinen auf ihrem Mist gewachsen.

In der Nachhaltigkeitsdebatte wird zwischen Upcycling und Downcycling unterschieden. MAN LERNT NIE AUS ist Letzterem zuzuordnen. Der alte Wein in den neuen Schläuchen ist schlecht gepanscht. Witherspoon und Nicholson mögen das am Drehbuch erkannt haben. Eine Szene hat hier nicht unbedingt etwas mit der vorhergehenden zu tun. Hathaways Jules Austin ist ungefähr zwei Minuten rigoros, um dann zunehmend zu einem kleinen Mädchen zurückzuschrumpfen. Obwohl sich Jules als Karrierefrau mißbilligend von Ben beurteilt fühlt und seine Versetzung in eine andere Abteilung veranlasst, sucht sie noch am selben Abend seine Nähe. Rene Russo gibt als Fiona eine vulgäre Masseuse, die plötzlich als feine, nobel gealterte Dame daherstolziert.

Und um was geht es eigentlich? Das bleibt das Geheimnis von Nancy Meyers. Aus dem Gegensatz zwischen Old und New Economy, Alt und Jung, Erfahrung und Enthusiasmus kommt gar nichts zur Entfaltung. Bens nostalgische Accessoires Aktenkopffer und Füllfederhalter sind weder für Gags gut noch scheint er irgendetwas von seiner Managerkarriere behalten zu haben, was Jules nützlich sein könnte. Umgekehrt hat Jules weder wirklichen Bedarf an Ratschlägen noch verrät sie irgendwelche besondere Fähigkeiten als Geschäftsfrau. Und wenn, hält die Kamera von Stephen Goldblatt einen so weiten Abstand, dass der Zuschauer nichts davon mitbekommt. Für ein Geschäftsverhältnis ist die Beziehung zwischen Jules und Ben zu inhaltlsleer, einem Liebesverhältnis fehlt die Anziehung und einer Freundschaft die Herzlichkeit. So reduziert sich die Dynamik zwischen den beiden auf Null, und die Witzfrequenz gleich mit.

Belanglos und weitgehend humorfrei schleppt sich der mit mehr als zwei Stunden viel zu lange Film dahin. Auch Rhythmusmusik aus dem Off gibt da keinen Schwung. Das Geschehen zerkrümelt in alberne Einfälle wie Bens und der anderen Praktikanten Einbruch in das Haus von Jules'Mutter, um eine beleidigende Email von Jules zu löschen. In gewissen Abständen schauen Jules und Ben einander milde lächelnd an, pathetisch-sentimentale Momente, die bedeutungsvoll sein sollen, aber es nicht sind. Hathaway füllt dieses Vakuum mit kleinen Ausbrüchen der Hysterie, der fehlbesetzt anmutende De Niro mit Dauergrinsen, das mehr und mehr verkrampft wirkt und zu fragen scheint: 'Wo bin ich hier gelandet?'











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