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MANDY (USA 2018)

von André Becker

Original Titel. MANDY
Laufzeit in Minuten. 121

Regie. PANOS COSMATOS
Drehbuch. PANOS COSMATOS . AARON STEWARD-AHN
Musik. JOHANN JOHANNSSON
Kamera. BENJAMIN LOEB
Schnitt. BRETT W. BACHMAN
Darsteller. NICOLAS CAGE . ANDREA RISEBOROUGH . LINUS ROACHE . RICHARD BLAKE u.a.

Review Datum. 2018-10-02
Kinostart Deutschland. 2018-11-01

Vielstimmiges Lob im Zuge der Aufführungen in Cannes und Sundance, überschwängliche Reaktionen zum Trailer und als konstantes Grundrauschen zahlreiche begeisterte Statements a la DAS Comeback für Hauptdarsteller Nicolas Cage. Was ist dran am Hype um MANDY, das neueste Werk des gefeierten Regisseurs Panos Cosmatos (BEYOND THE BLACK RAINBOW)?

Am Anfang steht die Liebe. Die Liebe zwischen Red und Mandy. Zwei Menschen, die in einem Haus in den Shadow Mountains ein weitestgehend zurückgezogenes, aber glückliches Leben führen. Red als Waldarbeiter, Mandy als Verkäuferin in einem nahegelegenen kleinen Lädchen. Ihr fast schon überlebensgroßes Glück inszeniert Cosmatos zärtlich, betont minimalistisch. Da genügt der Schwenk auf das abendliche Zusammensein vor dem Fernseher oder ganz einfach die Darstellung der vertrauten Gesten und Blicke im Alltag. Cage und Andrea Riseborough spielen diese Charaktere mit behutsamer Mimik und dem nötigen Gespür für die Gefühlswelt ihrer Rollen.

Cosmatos hat dieses erste Drittel des Films sehr ruhig angelegt. Mit traumwandlerischen Einstellungen, die das Publikum in eine trügerische Sicherheit wiegen. Die Folge ist ein wohliger Schleier, den der Regisseur bereits mit den sphärischen Klängen des einleitenden ersten Songs Starless von King Crimson ausbreitet. Die meditativen Bilderwelten stehen jedoch nicht isoliert im filmischen Erfahrungsraum von Panos Cosmatos. Das Grauen kündigt sich mit unheilvollen Zeichen an.

In konkreter Gestalt tritt es in Form einer generationenübergreifenden, sektenähnlichen Gemeinschaft fanatischer Irrer unter der Führung des charismatischen Jeremiah (Linus Roache) auf. Mandy kreuzt den Weg dieser Gruppe durch Zufall, allerdings mit verheerenden Folgen für Leib und Leben. Jeremiah ist fortan geradezu besessen sie zu besitzen, sich ihre Energie einzuverleiben und ihr seinen Willen aufzuzwingen. Mit Hilfe seiner Jünger entführt er Mandy, setzt sie unter Drogen und nimmt ihr schließlich, als unvorhergesehene Ereignisse eintreten, das Leben. Red, der Mandys Tod mitansehen muss, kann schwer verwundet entkommen. Unter Aufbringung seiner letzten Kraftreserven kennt er nur noch ein Ziel: Die Auslöschung von Jeremiah und seiner Brut. Koste es, was es wolle.

Während Cosmatos das erste Filmdrittel sehr langsam angeht und diesbezüglich auch seine Stilmittel verhältnismäßig zurückhaltend einsetzt, bildet die Ankunft von Jeremiah einen inszenatorischen Wendepunkt. Cosmatos taucht seine Bilder mehr und mehr in dunkle Rottöne, baut Zeitlupen und Verfremdungen ein. Die Szenerie gleicht einem Abstieg in die dunkelsten Ecken einer imaginierten Unterwelt. Deutlich beeinflusst von den morbiden Ideenwelten von Clive Barker, H.P. Lovecraft und ganz allgemein den schaurigsten Pfaden der Horrorliteratur des letzten Jahrhunderts. Besonders eindrücklich ist hier die Ankunft einer Gruppe grausiger Kreaturen, die von Jeremiahs Jüngern durch ein Ritual herbeigerufen werden. In seiner gänsehauterzeugenden Wirkung definitiv eines der Highlights in diesem an Höhepunkten nicht gerade armen Films.

Die letzte Filmhälfte zentralisiert die Rache von Red und entfesselt die künstlerischen Visionen von Cosmatos nun vollkommen enthemmt. Neben Zeichentricksequenzen, die vermehrt auch symbolisch aufgeladen werden, integriert der Regisseur mehrere Fantasy-Motive und nutzt dabei als Überbau die Drastik des Splattter-Films. Begleitet von Gitarrenwänden, die zunehmend lauter und aufpeitschender dröhnen kämpft Red mit selbstgeschmiedeten (!) Waffen, Kettensägen oder der Kraft der bloßen Hände gegen seine Widersacher. In kellerartigen Räumen, vermüllten Wohnungen, oder kirchengleichen Orten voller okkulter, traumgleicher Mysterien. Seine Vergeltung ist blutrot und wird vom Drehbuch nur sehr zaghaft durch humoristische Zwischentöne abgeschwächt.

Das dem Film ein gewisses Maß an Humor dennoch eigen ist, liegt am Spiel von Nicolas Cage. Wie schon lange nicht mehr grimassiert Cage hier, als ob wieder 1993 ist (man erinnere sich an den sehr denkwürdigen Auftritt in DEADFALL). Das passt zwar zum Wahnsinn des Films, schießt aber mitunter deutlich am Ziel vorbei. Das Cage dann in anderen Momenten eine phantastische Performance hinlegt macht es nicht einfacher. So ist seine Darstellung irgendwo zwischen genial und reichlich debil angesiedelt und damit etwas, was letztlich wohl doch für den Film spricht.

MANDY ist in seinen besten Momenten pure Kinomagie und sicherlich einer der bemerkenswertesten Genre-Filme der letzten Jahre. Dass Cosmatos das letzte Drittel ein wenig überhastet einleitet und der Übergang zwischen den einzelnen Filmsegmenten somit nicht durchweg sauber verläuft, fällt glücklicherweise nicht weiter auf. Insofern ist die ganze Aufregung um den Film absolut berechtigt. Ein beeindruckendes Werk, das seinem Regisseur hoffentlich weitere Türen für die Umsetzung seiner ganz eigenen Vorstellung vom Filmemachen öffnet.











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