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MANDERLAY (Dänemark/Schweden 2005)

von Mirco Hölling

Original Titel. MANDERLAY
Laufzeit in Minuten. 139

Regie. LARS VON TRIER
Drehbuch. LARS VON TRIER
Musik. ANTONIO VIVALDI . DAVID BOWIE
Kamera. ANTHONY DOD MANTLE
Schnitt. BODIL KJÆRHAUGE . MOLLY MARLENE STENSGÅRD
Darsteller. BRYCE DALLAS HOWARD . WILLEM DAFOE . DANNY GLOVER . ISAACH DE BANKOLÉ u.a.

Review Datum. 2005-10-29
Kinostart Deutschland. 2005-11-10

Über Lars von Triers Vorgängerfilm DOGVILLE wurde reichhaltig und ausgiebig diskutiert. Ist das Konzept der entrümpelten Bühne uncineastisch? Funktioniert ein Film ohne Kulissen? Ist das nicht abgefilmtes Theater? Mit welchem Recht kritisiert ein Däne die gesamte amerikanische Gesellschaft und Geschichte derartig offen und aggressiv? Letztlich gab es keine Antwort. DOGVILLE wurde geliebt oder gehasst. Dazwischen gab es nichts. "Ganz nett!" hörte man nie, geht auch nicht. Wenn man mit von Triers Anlehnung an das Brechtsche epische Theater nichts anzufangen vermag, kann einem DOGVILLE nicht gefallen. Ebenso ist die inhaltliche Radikalität kein Anlass für lauwarme Gefühlsausbrüche. Man bezieht Stellung, wobei es in diesen Tagen sicherlich auch sehr en vogue ist, sich am allgemeinen Ami-Bashing zu beteiligen. Von Triers Buch war jedoch so hervorragend und differenziert, dass man ihm keine billige Polemik vorwerfen konnte.

Für MANDERLAY galten nun andere Vorzeichen. Konzipiert als zweiter Teil der Amerika-Triologie (gefolgt dann irgendwann von WASHINGTON), ist das Überraschungsmoment und die Neugier auf die kulissenfreie Inszenierung weg. Jeder, dem DOGVILLE nicht gefiel, wird den Teufel tun für seinen Nachfolger das örtliche Lichtspielhaus aufzusuchen. Ebenso ahnt man natürlich im Voraus, dass sich die Amerika-Schelte fortsetzen wird und beim genauen Lesen der Besetzungsliste, fällt einem die auffällig hohe Zahl an farbigen Darstellern auf. Aha, es geht bestimmt um Rasseproblematik oder gar Sklaverei. Aus mitteleuropäischer Sicht nur leidlich interessant, meint man. Hinzu kommt, dass die im Vorgänger hervorragende Nicole Kidman von Trier für MANDERLAY eine Absage erteilte. Bryce Dallas Howard...wer ist das denn nun gleich?

Einige Fragen, die sogar Anlass zu reichlicher Skepsis bieten. Und dann geht's los: Der Film setzt exakt dort ein, wo DOGVILLE aufhörte. Grace und die Gangsterbande ihres Vaters (diesmal Willem Dafoe) wollen nach Hause und machen beim Gut Manderlay mehr zufällig halt. Dort erleben sie die letzten Minuten der alten Gutsherrin (Lauren Bacall) vor ihrem Tode. Grace ist entsetzt, dass 70 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei immer noch Zustände wie vor dem Sezessionskrieg herrschen. Die idealistische junge Frau setzt sich in den Kopf, den Sklaven Freiheit; Mitbestimmung und Demokratie zu lehren und verbleibt mit ein paar Gangstern ihres Vaters auf dem Gutshof. Ihr Vater verlässt skeptisch grinsend mit dem Gros der Bande den Hof und Graces Lehrstunden beginnen. Sie propagiert die Mehrheitsentscheidung, Verantwortung für das eigene Handeln, den freien Willen, hat aber zur Durchsetzung ihrer Ziele immer zwei schwer bewaffnete Gangster in der Hinterhand. Nur langsam begreifen die von den neuen Zuständen gar nicht so begeisterten neuen farbigen Besitzer des "Kollektivs" Manderlay und fordern von Grace auch in unangenehmen Situationen die Einhaltung ihrer so leidenschaftlich geforderten Ideale. So muss Grace eine alte Frau bestrafen, die aus Hunger Lebensmittel stahl. Und die Mehrheit forderte ihren Tod.... Wie kommt die energisch-naive Grace, die schon in Dogville so spektakulär scheiterte mit dieser neuen Aufgabe zu Recht?

MANDERLAY ist ein Meisterwerk. Punkt!
Alle Sorgen umsonst, alle Skepsis beiseite. Natürlich sind die Kulissen (bzw. deren nicht vorhanden sein) nicht mehr sensationell und die US-Schelte überrascht auch in ihrer Heftigkeit niemanden mehr. Aber dieses Buch... diese Darsteller....diese Inszenierung. Mit dem Buch geht von Trier noch eine Spur weiter, als in DOGVILLE. War jener eine ganz klare Untersuchung der amerikanischen Gesellschaft, seziert von Trier in MANDERLAY nicht nur die Ursprünge der US-Gesellschaft, sondern aller Demokratien und erledigt das Scheitern des Sozialismus noch eben mal mit. Vielschichtig und moralisch differenziert ist MANDERLAY keine Anklage, eher ein Verzweiflungsschrei über die menschliche Seele. Aber nicht nur inhaltlich, auch dramaturgisch ist von Triers Buch vom allerfeinsten Niveau. Nur wenigen Regisseuren gelingt es, tiefgründige sozialpolitische, bzw. -psychische Aussagen in perfekte Unterhaltung einzubetten. MANDERLAY ist spannend, bewegend, anrührend, lustig und erschreckend. Richtig gutes Kino.

Auch wenn es angesichts einer hervorragenden Ensembleleistung nicht fair ist, werde ich jetzt einen Absatz lang über Bryce Dallas Howard schwärmen. Schon bei Shymalans eigenwillig-hervorragenden THE VILLAGE (ihr Debüt) wusste sie nicht nur zu gefallen, sondern brachte ihre durchaus prominenten Mitspieler in Bedrängnis, denn sie dominierte die Leinwand nach Belieben. Bei MANDERLAY kann man sagen: "A Star is born!" Von der jungen Dame wird man sehr viel hören, das glaube ich nicht, das weiß ich. Sie ist stark und zerbrechlich, arrogant und ängstlich, störrisch und resigniert, stolz und verliebt... und fast alles gleichzeitig. Ihre Augen und ihr offenes, aber nicht bildhübsches Gesicht liefern eine Ausstrahlung, wie man sie im westlichen Kino lange nicht mehr erleben durfte. Von Trier ist nach der wohl bekanntesten Schauspielerin weltweit in DOGVILLE nun für MANDERLAY wieder ein Besetzungscoup gelungen. Wer wohl in WASHINGTON die Grace geben wird? Man darf gespannt sein.

Inszenatorisch und musikalisch gibt es nicht viel Neues zu berichten. Diesmal braucht man nicht mal wenige Minuten, um emotional in die kulissenfreie Welt einzutauchen und auch sonst begrüßen einen wieder die alten Bekannten, wie die Off-Stimme von John Hurt, die Barockmusik Vivaldis und David Bowies "Young Americans" im Abspann. Wer DOGVILLE kennt, weiß was ihn erwartet, das ist in diesem Fall aber angenehm, weil verlässlich.

Letztlich handelt es sich um das Meisterwerk, welches von Trier wohlgesonnene Zuschauer erwartet haben. Verhindern wird es nicht, dass wieder etliche Menschen mit MANDERLAY nichts werden anfangen können. Lars von Trier macht es sich eben nicht leicht und legt auch keinen Wert darauf, von allen geliebt zu werden. Das macht ihn zu einem ganz großen.











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