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MA FOLIE (Österreich 2015)

von André Becker

Original Titel. MA FOLIE
Laufzeit in Minuten. 99

Regie. ANDRINA MRACNIKAR
Drehbuch. ANDRINA MRACNIKAR
Musik. SCOTT MCCLOUD
Kamera. GERALD KERKLETZ
Schnitt. KARINA RESSLER
Darsteller. ALICE DWYER . SABIN TAMBREA . GERTI DRASSL . OLIVER ROSSKOPF u.a.

Review Datum. 2016-07-20
Kinostart Deutschland. 2016-07-21

Im Produktionsland Österreich bereits im letzten Jahr gestartet, erhält das mit mehreren Auszeichnungen geadelte (u.a. First Steps Award und Publikumspreis beim Filmz Mainz) Spielfilmdebüt von Haneke-Schülerin Andrina Mracnikar nun ebenfalls hierzulande einen regulären Kinostart. Wie zu erwarten war serviert uns die Regisseurin mit MA FOLIE keine leicht zu konsumierende Feel-Good-Kost, sondern ein bedrückend-fatalistisches Stück Film, dass sein Publikum fordert und nicht mit verstörenden Szenen geizt.

In Paris verliebt sich die aus Wien stammende Kinderpsychologin Hanna (Alice Dwyer) in den gutaussehenden Yann (Sabin Tambrea). Es beginnt eine stürmische Romanze, die gar darin gipfelt, dass der junge Mann kurzerhand beschließt zusammen mit Hanna eine gemeinsame Zukunft in ihrer Heimatstadt aufzubauen. Das Glück ist allerdings nicht von Dauer, da Yann ein krankhaft eifersüchtiges Verhalten an den Tag legt und sich auch sonst als unberechenbare Persönlichkeit herausstellt. Als Hanna schließlich die Beziehung beendet ahnt sie noch nicht, dass sie damit alles nur noch schlimmer macht. Yann scheint sie heimlich zu beobachten und schickt ihr fortan beängstigende, selbstgedrehte Videos. Ein spätes, klärendes Treffen mit ihm bringt jedoch nicht den erhofften Schlussstrich, sondern führt dazu, dass die Situation weiter eskaliert.

MA FOLIE bewegt sich nur selten in den konventionellen Bahnen einer klassischen Genrefilm-Narration. Motive und Elemente des Psychothrillers werden zwar mitunter gestreift, aber nie so allumfassend ausformuliert, als dass man die österreichische Produktion in eine entsprechende Schublade einsortierten könnte. Auch das Etikett (düstere) Love-Story passt nicht, da das Drehbuch relativ zügig klarmacht, dass es nicht daran interessiert ist eine stromlinienförmige Liebesgeschichte nach Schema F abzuspulen. Mracnikar geht es vor allem um die Innenansicht ihres Hauptcharakters. Sie entwirft ein vielschichtiges Portrait einer Frau, die in einen Strudel aus schmerzhafter Sehnsucht, Abhängigkeit und einer alles verschlingenden Angst gerät. Hierfür finden die Regisseurin und ihr Kameramann Gerald Kerkletz beklemmende Einstellungen, die mehrfach darauf abzielen die Wahrnehmungsmuster der Zuschauer herauszufordern und diese bewusst auf den Kopf zu stellen. Irgendwann ist nämlich unklar, ob die Geschehnisse in der von Hanna erlebten Form überhaupt so stattgefunden haben.

Ein großer Pluspunkt des Films ist es in diesem Zusammenhang mehrere Optionen anzubieten, die verschiedene Konsequenzen für die Hauptfigur und den Handlungsverlauf implizieren. MA FOLIE fordert seine Rezipienten insofern heraus die Geschichte quasi in Eigenregie aufzunehmen, weiterzuspinnen und das Schicksal der Protagonisten selbst zu Ende zu denken. Gerade diese konsequent durchgezogene Haltung dürfte für Zuschauer, die klare Auflösungen und unmissverständliche Szenenabläufe und Settings erwarten unbefriedigend sein, da ausführliche Erklärungen weitgehend ausgespart werden oder in einem diffusen Nebel verschiedenartiger Möglichkeiten bleiben.

Dank der spielfreudigen Darsteller gefällt der Film in erster Linie als tiefschürfendes Psychogram. Dies verhindert allerdings nicht gänzlich, dass MA FOLIE mit einigen leider reichlich zähen Abschnitten zu kämpfen hat. Vieles wirkt unnötig gestreckt und zu ziellos im Kontext der filmischen Dramaturgie. Das Hanna auch im Job immer mehr ins Straucheln gerät und sich zunehmend paranoider verhält ist zwar ein essentieller Bestandteil des Handlungsverlaufs, wird allerdings vom Skript auf zu vielen Ebenen versinnbildlicht. Ferner fehlt es der zweiten Hauptfigur an psychologischer Schärfe. Während MA FOLIE bei Hanna einen sehr intimen Einblick in ihre fragile Persönlichkeitsstruktur gewährt, bleiben bei Yann zu viele Leerstellen, die dazu führen, dass seine Figur über das Bedrohliche hinaus wenig greifbar ist.

MA FOLIE ist somit ein Film, der nicht vollends überzeugen kann, aber mit seiner furchtlos direkten Art durchaus bleibenden Eindruck hinterlässt. Dass Mracnikar sich nicht davor scheut zentrale Fragen offen zu lassen und etwaige Zuschauererwartungen bewusst ignoriert oder diese mit mehrdeutigen Interpretationsmöglichkeiten geradezu torpediert, macht die österreichische Produktion zwar nicht zugänglicher, sorgt aber dafür dass sich das Psychogram deutlich vom deutschsprachigen Filmeinerlei abhebt.











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